Benjamin Lebert: Crazy

Crazy würde ich als modernen Klassiker bezeichnen, so bekannt scheint der in 32 Sprachen übersetzte Weltbestseller zu sein, und immerhin war er eine zeitlang zur Schullektüre auserkoren. Logisch dass ich das, mit 175 Seiten noch fast ein, Büchlein auch mal lesen wollte. In einem öffentlichen Bücherregal fiel mir das autobiografische Werk dann in die Hände.

Es geht um Benjamin Lebert und seine Zeit im Internat, Neuseelen. (Tatsächlich war er un einem anderen Internat.) Dort findet er Anschluss bei einer Clique aus fünf Jungen, deren Anführer, Janosch, sein Zimmerkollege ist. Alle sechs leiden darunter, im Internat sein zu müssen. Ich glaube sogar jedeR InternatsschülerIn ist unglücklich, dort leben zu müssen. Auch die Jugend, insbesondere die Pubertät, und natürlich das Erwachsenwerden bereitet den Jungen viele Sorgen und nachdenkliche Momente. Das Besondere an dieser Clique ist, dass sie über ihre Sorgen und überhaupt alle wichtigen Fragen des Lebens reden. Obwohl sie Jungs sind, Helden, cool und crazy sein möchten, können sie offen über alles reden. Den Titel „crazy“ hat das Buch aus folgendem Grund: „Zu allen aufregenden Dingen sagte Janosch crazy. Er liebte dieses Wort.“ (S.40) „Ja genau, das ist es – du bist nicht behindert, sondern crazy.“(S.42)
Benjamin Lebert ist tatsächlich behindert. Er leidet an einer 1/2-seitenlähmung (1/2-seitenspasmus links) (S.9), jeden Abend hat er Schmerzen im linken Bein. (S.17) Deswegen hat er schon viel leiden müssen – unter Lehrkörpern und Gleichaltrigen. Auf sozialer Ebene hat er in Neuseelen endlich Glück. Direkt in seiner zweiten Nacht ist er schon, mit seinen Kumpeln, unterwegs zu den Mädchen.(S.49ff) Lebert ist aber nicht nur dabei, sondern wird von einer Mitschülerin entjungfert.(S. 80ff) Diese Buchstelle ist wirklich etwas Besonderes. Ich habe in diesem Roman zum ersten Mal erfahren, wie sich Geschlechtsverkehr aus männlicher Perspektive anfühlt. Ich hatte schon viele Jungen und später Männer danach gefragt, aber bis dato hatte mir niemand erschöpfend Auskunft geben können oder wollen.

Aus den vielen Gesprächen der Jungs, die meiner Meinung nach, neben zwei konkreten Highlights in der Handlung, Leberts Debütroman dominieren, gehen viele interessante, z.T. richtig philosophische Gedanken hervor. Ebenso bringen sie viele (Pseudo-)Weisheiten hervor, z.B. „Titten müsse man sich erarbeiten, sagt Felix. Die bekäme man nicht einfach so in die Hand gedrückt.“ (S.51) und blödeln auch gerne mal ‚rum. Die Offenheit der Jugendlichen und dieses Abgleiten von der Ernsthaftigkeit ins Humoristische macht die Freunde und die Lektüre sehr liebenswert.
Der zweite Höhepunkt im Handlungsstrang ist die Flucht der Clique aus dem Internat, obwohl sie genau wissen, dass sie wieder zurück müssen. „Wieder einmal eine im Grunde sinnlose Aktion. Wieder einmal wir sechs.“ (S.49)

Der Roman liest sich sehr gut und schnell. Wie o.g. fand ich die Protagonisten sehr sympathisch. Ich habe das Buch gerne gelesen und überlege noch, ob ich es weiter gebe oder doch lieber behalten will. Ich würde die Teilbiogafie auch weiter empfehlen, sofern sich noch Leseratten finden, die sie nicht kennen. Allerdings denke ich die Schulen werden (wie immer) alles, was Spass machen oder interessant sein könnte, verdorben haben. Es sieht (im Netz) so aus, als wären die Lehrenden ewig und drei Tage auf dem Thema Behinderung (wegen Bennis 1/2-seitenspasmus) und Rausch / Alkoholkonsum herumgeritten. Als private Leserin erschienen mir, wie ihr bereits gelesen habt, andere Dinge relevant.

Advertisements

Bob, der Streuner

James Bowen & Gary Jenkins: Bob, der Streuner – Die Katze, die mein Leben veränderte.
Originaltitel A Street Cat Named Bob

Auf dieses biografische Buch wurde ich durch eine Empfehlung aufmerksam, und wollte es seitdem lesen. Da ich es nicht zum Originalpreis kaufen wollte, habe ich jedoch eine Weile gebraucht, bis ich es gefunden hatte. In unserer Bibliothek steht es, in der Jugendabteilung, und ist auch als eBook ausleihbar. Erst war ich etwas unsicher, weil „Buch zum Film“ auf dem Cover steht und nicht der Autor, sondern der Schauspieler abgebildet ist. Aber es handelt sich scheinbar lediglich um eine andere Ausgabe und ist das Buch, was ich haben wollte. In der Mitte eine 10-seitige Fotostrecke, mit zwei ganzseitigen und 16 halbseitigen Fotos, auf denen der Schauspieler, Luke Treadaway, zu sehen ist.

Es geht um die Geschichte einer Freundschaft zwischen dem Kater Bob und James Bowen. Der 1979 geborene Bowen war obdachlos, ist drogensüchtig und hat nach langer Wartezeit eine Sozialwohnung in London bezogen. Er hat keinen Schulabschluss, keine Ausbildung, keine Arbeit und hatte überhaupt keine Sinnhaftigkeit in seinem Leben. Etwas Struktur brachte lediglich ein Drogenentzugsprogramm in sein Leben, weil er sich jeden Tag seine Ersatzdroge bei seinem Substitutionsarzt abholen musste. Nachmittags verdiente er sich etwas Geld als Straßenmusiker, was er genauso gut sein lassen konnte, wenn er zu träge war die Wohnung zu verlassen. Er bezeichnet sich selbst als gescheiterten Musiker auf Drogenentzug.(S.8)
Dann fand er Bob! Schon als Kind mochte Bowen Katzen und hatte einige Erfahrungen mit den Samptpfoten. Bob fragte erst herum, ob der Kater jemandem gehört, nahm ihn dann bei sich auf und pflegte ihn gesund. Bob hatte eine „schlimme Bisswunde am Bein“, die bereits eiterte.(S.15f) Als Bob wieder gesund war, wollte Bowen ihn zurück in die Freiheit entlassen, weil er wie ein Streuner wirkte. Bob aber wollte bei Bowen bleiben und Bowen übernahm als Haustierhalter zum ersten mal in seinem Leben Verantwortung. Nun war es nicht mehr egal, ob er sich etwas Geld dazu verdiente, denn der Kater hat auch Hunger und könnte wieder krank werden. „Er hat mich nicht nur dazu gebracht, einen geregelten Tagesablauf einzuhalten und Verantwortung zu übernehmen, sondern auch mich selbst zu hinterfragen.“ (S.103) Bowen fühlte die Verantwortung und dass sie ihm gut tat (ihn „beflügelte“). (S.22)

Bowens Kindheit wird zwar auch beschrieben, aber nur knapp, seine Zeit mit den Drogen und als Obdachloser wird nur am Rande erwähnt, so dass es in dieser Teilbiografie wirklich die gemeinsame Zeit von Bowen und Bob geht. Das Kennenlernen, die Intensivierung der Freundschaft, das Zusammenleben und besondere Erlebnisse. Bowen ist eigentlich nicht der Typ, der ein Buch schreibt, aber in Zusammenarbeit mit seinem Ghostwriter, Gary Jenkins, ist ein sehr schön und einfühlsam geschriebenes Buch entstanden.

Ich habe das Buch gerne gelesen und bin schnell vorwärts gekommen. Der Schreibstil ist einfach, aber niveauvoll, angenehm und einfühlsam. Die Autobiografie berührte meine Emotionen, aber es war nie spannend oder ergreifend, so dass ich sie verschlungen hätte. Ich hatte keine Probleme auch Pausen einzulegen, um zwischendurch etwas Anderes zu lesen.

Eva Völler

Eva Völler : Ich bin alt und brauche das Geld

Diesen Roman habe ich in einem öffentlichen Bücherregal gefunden und zugegriffen, da Eva Völler mich mit „Zeitenzauber“ (insb. Bd. 1) begeistert hat. Allerdings kommt „Ich bin alt und brauche das Geld“ nicht mal ansatzweise an das Niveau und den Unterhaltungswert von „Zeitenzauber“ heran. Vielmehr handelt es sich bei dieser die Romantik-Komödie um extrem leichte Kost, und das schreibe ich nicht nur weil ich zuvor ein Buch über die Arbeit im Hospiz und eines über einen biblischen Mythos gelesen habe. Mehr noch würde ich euch sogar abraten, diese RomKom zu lesen, weil die Handlung nicht nur unrealistisch bis irrwitzig, sondern auch naiv bis unangenehm blöd ist.

Charlotte ist eine 49-jährige, frisch getrennte und zwangsgeräumte Frau, die plötzlich ohne Arbeit, Geld und Wohnung da steht. Einem Heiratsschwindler in die Hände zu fallen, kann passieren, aber die vom Vater geerbte Weinhandlung, die Jahrzehnte Lebensinhalt und -unterhalt bedeutet hat, zu verkaufen um dem Kerl haufenweise Geld borgen zu können, wirkt schon sehr dämlich und etwas unrealistisch. Charlotte kommt erst mal bei einer Freundin unter, auf deren Couch sie sich die Augen aus dem Kopf heult. Weiterhin sehr unrealistisch ist, dass Charlotte trotz Mangel an bezahlbarem Wohnraum in der Innenstadt deutscher Großstädte, der auch erwähnt wird, sehr schnell eine – wenn auch eher schlechte – Wohnung findet. Aber es wird noch unrealistischer und naiver. Die Wohnung in der Frankfurter Innenstadt befindet sich in einem Wohnhaus mit einer traumhaften Mietergemeinschaft. Die Bewohnenden lernen sich unkompliziert kennen, laden sich gegenseitig ein, helfen einander… Das ist aber noch lange nicht der Höhepunkt von Charlottes Heile-Welt-Entwicklung. Auch der Hausbesitzer wohnt dort, ein Drehbuchautor, der sich natürlich in Charlotte verliebt, und als er ihr beim Renovieren hilft, freiwillig ihre Wohnung modernisiert. Und Charlotte? Schon klar, nachdem ein Heiratsschwindler ihr Leben ruiniert hat, verliebt sie sich gleich wieder. Der romantische Handlungsstrang ist nicht nur unrealistisch, sondern auch völlig vorhersehbar und extrem langweilig.

Auch der Haupthandlungsstrang ist an Naivität und Blödheit noch lange nicht am Ende. Trotz ihrer desaströsen Lage geht Charlotte zur Trauerfeier ihres inzwischen verstorbenen Heiratsschwindlers und obwohl sie weiß, dass es bei ihm nichts zu erben gibt, geht sie auch zur Testamentseröffnung. Sie lernt dabei Jennifer, die Tochter ihres Ex und dessen beide Enkel kennen. Eine Kontaktbereitschaft oder -freude, die in dieser Situation nur schwer nachvollziehbar ist, auch wenn Charlotte gelernte Erzieherin ist und die beiden Kinder ziemlich goldig sind. Aber das ist noch nicht alles. Jennifer steht kurz nach der Testamentsverlesung mit ihren Kindern und dem Aupairmädchen vor Charlottes neuer Wohnung, um die ganze Bagage dort abzuladen, da sie verreisen will. Selbstverständlich ist Charlotte nicht nur so blöd, die Wohnungstür zu öffnen, sondern auch noch so beschränkt sich die beide Kinder und das Aupairmädchen aufs Auge drücken zu lassen. Mit dieser Situation ist zwar ein angenehmes Chaos in Charlottes Leben geschaffen, aber wie es dazu kam ist einfach zu bescheuert.

Das Leben von Charlotte, als Oma, mit einem fünfjährigen Mädchen und einem dreijährigen Jungen ist dann aber ziemlich nett und schön beschrieben, so dass dieser Teil des Romans angenehm unterhaltsam ist.

Richtig bescheuert wird es dann noch mal zum Schluss. Jennifer will Charlotte für „ihre Dienste“ bezahlen, wenigstens den Aufwand entschädigen, aber die ehrenwerte und selbstlose Charlotte lehnt jedes Geld ab. Natürlich hat sie inzwischen auch – trotz ihres hohen Alters – eine neue Arbeit gefunden und verdient sehtr gut. Dazu kommt noch ein Nebenhandlungsstrang, in dem es um Geld geht, dass der Heiratsschwindler gebunkert hat. Auch dieses Geld will Charlotte nicht. Sie ist eine Heilige! Ich glaube, jedeR Mensch fasst sich in diesen Situationen nur genervt an den Kopf.

Die Handlung wäre, abgesehen vom angespannten Wohnungsmarkt, zeitlos, hätte Völler Jennifer nicht als Bloggerin entworfen. Somit stellt der Mama-Blog noch einen Nebenhandlungsstrang dar, der aber meiner Meinung nach für die Rezension keiner weiteren Beachtung bedarf. Ich habe diesen Handlungsstrang, über Jennifer, immer als uninteressant und überflüssig empfunden – vermutlich weil sie als Personen nicht wirklich eingeführt wurde.

Von Eva Völler werde ich höchstens noch mal ein Buch lesen, wenn ich zuvor überwiegend sehr gute Kritiken dazu finde. Unglaublich, dass eine Autorin so extreme Schwankungen im Niveau aufweist.

Anne Provoost : Flutzeit

Flutzeit ist mir zufällig – vermutlich in einem offenen Bücherschrank – in die Hände gefallen. Da der Roman bereits 2003 erschienen ist, habe ich überlegt, ob ich überhaupt eine Rezension dazu schreibe. Aus zwei Gründen habe ich mich dazu entschlossen. 1. Anne Provoost bietet dieses Buch (die deutsche Übersetzung) auf ihrer Webseite kostenlos als pdf an und 2. dieses Werk ist definitiv etwas ganz Besonderes.
Es handelt sich um eine neue Version des biblischen Sintflut-Mythos. Hauptpersonen sind ReJana und ihre Eltern, die ihren Heimatort verlassen, weil das Wasser bei jeder Flut höher steigt und die Überschwemmungen immer bedrohlicher werden. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von ReJana erzählt, die sich nicht mit einem Alter beschreibt, sondern dass ihr Wachstum beinahe abgeschlossen ist. Sekundäre Hauptpersonen sind der Bauherr und seine drei Söhne, mit dessen Unterstützung er die Arche bauen lässt. Durch nichtsesshafte Völker hatte sich herumgesprochen, dass in einer wüsten Gegend ein riesengroßes Schiff gebaut wird. Als die kleine Familie diesen Ort erreicht, will der Vater sich entsetzt abwenden, weil er zum einen die dort überwiegend beschäftigten NomadInnen verabscheut, weil er es völlig blödsinnig findet, in der Wüste ein Schiff zu bauen und weil er das Projekt Riesenschiff aus fachlicher Sicht kritisiert. Durch mangelnde Alternativen und weil weder seine Frau noch seine Tochter weiter wandern wollen und weil die Söhne des Bauherren ihn unbedingt dabei haben wollen, lässt er sich doch anheuern.
Die längste Zeit geht es um den Bau der Arche. Eine riesige Schaar von NomadInnen freuen sich über die Arbeitsgelegenheit in der gigantischen Werft. Jedoch wissen sie nichts über den Hintergrund, und wollen – wie ich vermutle – auch nichts darüber wissen. Je näher die Fertigstellung der Arche rückt, desto mehr Tiere treffen ein. Es sind unglaubliche Mengen unterschiedlicher Tierarten, überwiegend von jeder Spezies ein Paar. Langsam gedeihen Fragen, was es mit den vielen Tieren und dem Schiff im Trockenen auf sich habe, und Antworten sprechen sich herum. Die vorausgesagte Sintflut ist eigentlich undenkbar, aber da die vielen Tiere nur durch Gott an diesen Ort geführt worden sein können, wäre eine Flut durch Gottes Hand vielleicht auch möglich. Je mehr die vielen (inzwischen ehemaligen) ArbeiterInnen den Gedanken an eine alles vernichtende Flut zulassen, steht für sie ausser Frage auf dem großen Schiff zu überleben. Das Wasser fällt nicht ab einem bestimmten Zeitpunkt vom Himmel, sondern ergreift langsam Raum – alles wird feucht, dann glitschig und dann nass, bis es keinen trockenen Zufluchtsort mehr gibt. Die Menschen hatten genug Zeit, sich auf die Sintflut vorzubereiten. Nur von einem Suizid wird berichtet, viele nutzen die Zeit, um zu beten, zu büßen und eigene kleine Boote zu bauen. Aber zwei der drei Söhne des Bauherren habe in all diese Boote ein Leck geschlagen, weil ihre Arche sonst nicht mehr den Sinn hätte, nur eine kleine auserwählte Gruppe der Menschheit zu retten. Seitdem die Leute sich mit den Gedanken an eine Sintflut, das Sterben und Retten sowie die Selektion der Menschen auseinandersetzen, wird die moralische oder philosophische Sichtweise immer wieder thematisiert. Welche Menschen sind rechtschaffen (die Auserwählten) und welche nicht? Wer entscheidet darüber? Welcher Gott ist der Richtige? Welche Regeln müssen befolgt und welche dürfen oder sollten übertreten werden? ReJanas Vater, der so viel für die Arche getan hat, weil er das meiste Fachwissen hatte und fast unermüdlich mit Rat und Tat zur Verfügung stand, wurde nicht in den Kreis der Auserwählten aufgenommen. ReJana, die einen der Söhne liebt und von ihm geliebt und geschwängert wurde, sollte ebenfalls in den Fluten untergehen. Ham, der Sohn, wollte auf keinen Fall ohne ReJana ablegen und hat wirklich viel unternommen, um sie an Bord oder mit ihr auf ein kleines selbstgebautes Schiff zu gehen. Es bleibt dabei: Er soll gerettet werden, sie nicht. Wird Ham sich dem Druck seiner Familie beugen? Wird ReJana sterben? Und was wird aus ReJanas Vater? …

Provoost beschreibt die alttestamentarischen Lebensarten und Bräuche der unterschiedlichen Völker so detailreich als wäre sie dabei gewesen. Dennoch ist die Geschichte, vor allem anfangs schwer zugänglich, weil die archaischen Kulturen zu fremd sind. Einige dieser fremden Dinge stossen in dem Sinne auf, dass mein Auge im Text hängen bleibt und meine Lesegeschwindigkeit deutlich abfällt. Anderes ist mir unvorstellbar z.B. werden zu dieser Zeit Wimpern mit Erz gefärbt (S. 102) ReJana trägt Krüge mit Öl, Duftstoffe und einen Wasservorrat. (S.8) Schon seltsam, welche Prioritäten beim Auswandern gesetzt wurden. Aber einige Dinge sind auch unbegreiflich. Z.B. Der Vater trägt einen Käfig mit Seidenraupen, einem Maulbeerstrauch und Wasser sowie einen Feuertopf. (S.9) Weder unter einem Feuertopf noch unter der Beschaffenheit des Käfigs, geschweige denn wofür Seidenraupen mitgeschleppt werden, konnte ich mir etwas vorstellen. Mehr zu den Raupen erfahre ich erst auf S.203f Die Seidenraupen fressen Maulbeerblätter, spinnen einen Kokon, Vater kocht die Kokons und zwirnt den Seidenfaden. Auf S.225 erklärt Provoost, dass es Jahre dauert, bis genug Seidenfäden auf einer Spule gesammelt sind, um ein Tuch daraus weben zu lassen. Aber dies nur als Beispiel. So bleibt das Setting alles in Allem trotz detailreicher Beschreibungen eine völlig fremde, unfassbare Welt.

Provoost umschreibt die Sexualität sehr stark, teilweise poetisch, so dass ich oft mit den Augen hängen blieb und mir vorstellte, wie … und mir dann erst klar wurde, dass es um Sex geht.
Was mir aber extrem negativ aufgestossen ist, sind Vergewaltigungsszenen, die Provoost leider beschönigt und die Vergewaltigungen entschuldigt. „Ich hatte ihm schon vergeben, bevor seine Schritte verklungen waren.“ (S.319)
„Sie waren rührend in ihren Versuchen, sich zu entschuldigen. Offenkundig unterschätzten sie meine Genugtuung.“ (S.320) Allerdings muss ich fairerweise dazu schreiben, dass sie nicht alle Vergewaltigungszenen beschönigt.

Ich könnte das nicht.

Florentine Degen : Ich könnte das nicht. Mein Jahr im Hospiz

Ich kann das nicht (mehr) weiterlesen, habe ich manches mal gedacht. Aber mit vielen Pausen und in kleinen Häppchen habe ich die Lektüre doch beendet – und ich möchte sagen, es hat sich gelohnt.

Es handelt sich bei diesem Buch um ein biografisches und dokumentarisches Werk. Nach ihrem Abitur absolvierte Florentine Degen ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Hospiz. Das Buch beinhaltet schwer verdauliche und auch oft bittere Kost. Dennoch finde ich das Thema für jeden Menschen wichtig, denn wir werden alle älter, jedes Leben endet tödlich und eine gewisse Lebensplanung gehört meiner Meinung nach dazu. Zumindest sollten wir alle informiert sein.

Obwohl vor ca. 7 Jahren bereits um die 150 Sterbehäuser in Deutschland existierten, wurden diese Orte und das gesamte Thema drumherum immer noch tabuisiert sowie mit schrecklichen Dingen assoziiert. So wurde Degen auf einer Fortbildung von anderen FSJlerInnen gemieden, hinter ihrem Rücken „…als herzlos. Als jemand, der auf Tote steht.“ (S.64) bezeichnet und es hieß für gewöhnlich „die Florentine und ihre Zombiearmee“ (S.63), wenn über sie getratscht wurde. Bei den FSJlerInnen steht die Arbeit mit Kindern hoch im Kurs, das Alter dagegen wird gemieden und der Tod erst recht.

Degen hat sich ihre Erlebnisse und Gedanken jeden Abend von der Seele geschrieben. Das Buch ist wie ein Tagebuch in tägliche Kapitel untergliedert, mit Überschriften 1. September bis 14.August, jedoch ist nicht exakt für jeden Tag ein Kapitelchen zu lesen (z.B. geht es nach dem 12.11. erst mit dem 16.11. weiter) und die Einträge unterliegen keinem sich regelmäßig wiederholenden Schema. Infos zum Alltag und zur Arbeit finden sich am Anfang des Buches, später erzählt sie mal von der gemeinsamen Zeit mit einzelnen Gästen, mal von besonderen Begegnungen, von besonderen Gesprächen, aber auch Konflikte im Kollegium und sie macht sich Gedanken über ihr eigenes Verhalten – immer das aktuell besonders Bemerkenswerte. Im Verlauf des Jahres ist zu merken, wie Degen sich verändert. 1. Sie hat nicht mehr für jeden Gast genau so viel Geduld, Verständnis und Freundlichkeit. Manchmal reagiert sie ziemlich hart – sehr genervt oder auch mal böse 2. Die Arbeit scheint ihr ziemlich an die Substanz zu gehen. Während eines kurzen Urlaubs genießt sie im Freibad ganz bewusst das Kindergeschrei. 3. Je mehr sich das FSJ dem Ende zu neigt, desto weiter scheint sie sich auch dort weg zu wünschen.

Außer den fast täglichen Einträgen enthält das buch sog. Kästen, mit der Anmerkung „nebenbei“, die Degens Gedanken zu einem speziellen Thema, wie z.B. „Ekel“ (S. 37), „Angst“ (S. 53) oder auch große, grundsätzliche Themen wie „Sterbehilfe“ (S.246ff) enthalten. In einem dieser Kästen, „Das Experiment“, beschreibt sie einen Selbstversuch, den ich sehr gut finde. Degen will wissen, wie es sich anfühlt, Windeln zu tragen. Sie probiert zwei Arten, findet beide ganz entsetzlich und hat sogar Alpträume davon. (S.96ff)

Windeln heissen übrigens nicht nur beschwichtigend Inkontinenzmaterial, sondern auch geschlossenes System.
Die Füllung der Windeln oder auch Erbrochenes wird verharmlosend als Verdauung bezeichnet
Den vollgeschissenen Arsch abwaschen = Intimpflege
Waschen = Pflege
Füttern = Anreichen

Zwei unangenehme Dinge sind mir von Anfang an aufgefallen: 1. würdelose / herabwürdigende Behandlung und 2. auch im Hospiz haben die Schwestern oft zu wenig Zeit. Das Besondere des Hospizgedankens ist verglichen mit Seniorenheimen und Krankenhäusern, dass mehr Personal zur Verfügung steht, damit die alten Menschen in ihrer finalen Phase nicht sich selbst überlassen, sondern in den Tod begleitet werden, und somit der Sterbevorgang möglichst human und würdevoll gestaltet wird. Auch werden Hospize eher in kleinen Häusern eingerichtet, damit gar nicht erst der Eindruck einer Massenabfertigung entsteht, sondern im Gegenteil alles etwas persönlicher und wohlfühliger anmutet.

Würdelos:
Degen berichtet, wie eine Schwester die Windel einer Dame öffnet und ausruft: „Oh, da ist aber einiges gekommen – wunderbar.“ (S.14) Ich glaube, mir wären die Tränen gelaufen, wenn ich mich so behandeln lassen müsste.
In dem folgenden Fall hat die Bewohnerin selbst gehandelt und gesprochen: „Sie zog die Hosen herunter und lächelte müde:>>Wie ein Baby.<<“ (S.85) Das zeigt aber sehr gut, wie unwohl sie sich in ihrer Situation fühlt.
Schwester Agnes sagt bei dem Wechseln einer Windel: „…Hier drinnen stinkt’s, ne?“ (S.160)
Schwester Christine sagte zu Degen „>>Komm zackig! Mach ihn rein ins Bett…“ (S. 175)
„Während Bianca die Scheiße wegwischte, … >>Na, nicht meckern! Da muss man sich bedanken!<<, sagte sie der Wimmernden, während Bianca Penatencreme auf ihre Pobacken schmierte.“ (S.189)
Eine Ehrenamtlich wischte in einer Art Wohnzimmer oder einer gemütlicher Ecke Staub, was an sich schon nicht ganz richtig ist, denn Staub wischen ist die Arbeit von Reinigungskräften und Ehrenamtliche sind – wie auch Maßnahmen vom JobCenter – zusätzliche Einsatzkräfte. Zusätzlich heißt, sie dürften keine Tätigkeiten der Angestellten ausüben, weil sie keine Arbeitsplätze vernichten / ersetzen sollen. Schlimmer und für den Absatz „würdelos“ sind aber die Worte dieser Ehrenamtlichen: „>>Ich musste sie mitnehmen<<, rief sie mir zu. >>Sie gibt ja sonst keine Ruhe.<<“ Die Seniorin hatte diese Worte gehört und der Ehrenamtlichen hinterm Rücken wenigstens die Zunge herausgestreckt, um Degen gegenüber ihr Missfallen auszudrücken. (S.208)
„Sie sind Demütigungen gewohnt. Sie sind es gewohnt, schnell herumgeschoben und liegengelassen zu werden.“ (S.220)

Keine Zeit:
So wie Degen den Alltag im Hospiz beschreibt, ist der Personalschlüssel – wenn auch besser – noch lange nicht ausreichend, so dass immer noch Akkordarbeit geleistet wird. Diese Tatsache kommt in der gesamte Dokumentation immer wieder zur Sprache. In einer Dienstphase sind für gewöhnlich zwei bis vier Schwestern und FSJlerInnen (S.219) Im Januar waren vier FSJlerInnen im Team, wogegen es seit Anfang Juli nur noch zwei waren, was dem Spätdienst zu Lasten ging. (S.232) Manchmal kommen Ehrenamtlich dazu.
„Sie wollte auf ihr Zimmer. Keine Schwester hatte Zeit.“ (S.73)
Degen führte gerade ein sensibles Gespräch mit einem Senior. „>>Ich brauch dich!<<, rief Christine und riss die Tür auf.“ (S. 175)
„Seinen Höhepunkt erreichte der Stress … Als ein Mann halb angezogen auf dem Bett saß, zwei Zimmer nach mir klingelten und zwei Schwestern ebenfalls meine Dienste beanspruchen wollten.“ (S. 176)
„>>Irgendwer sollte ihn begleiten<<, fügte sie leise mit Blick auf den vor Angst blassen Mann zu. >>Aber wer hat Zeit?<<“ Das war als ein Krankenwagen bestellt war, weil ein Mann sich bei einem Sturz die Schulter ausgerenkt hatte, unter Schmerzen und Angst litt. (S.179)
„Wie soll man den Hospizgedanken verwirklichen, wen man nur Zeit hat, hastig zu pflegen und Kleinigkeiten nachzukommen?“ (S.234)

Aber es gibt auch positive Äusserungen: Z.B. sagt ein Senior, er fände es unglaublich, dass die Angestellten sich vergleichsweise viel Zeit für ihn nehmen, wogegen er im Krankenhaus kamen immer nur Befehle gehört habe. „Wer aus einer Palliativstation in dieses Hospiz kommt, fühlt sich wie im Paradies.“ (S.219)
„Dass unsere Gäste erstaunt sind über die Feundlichkeit und die Zeit, die wir uns für sie nehmen, ist traurig.“ (S.220)

Bei diesen Schilderungen habe ich wirklich Angst bekommen, jemals in so einer Einrichtung auf den Tod warten zu müssen. Nicht nur Angst vor einem Hospiz, sondern insg. Angst, in einem Heim für kranke, alte und/ oder sterbende Menschen leben zu müssen, weil ich dem Personal nicht hilflos ausgeliefert sein möchte. Das habe ich durch diese Lektüre deutlich gemerkt. Je älter und hilfloser mensch wird, desto weniger besteht die Möglichkeit, selbst Schluss zu machen. Egal ob ich das Sterben in Würde als Märchen oder als unerreichtes Ideal interpretiere, finde ich es doch beängstigend. Dort, in dem Hospiz könnte ich nicht mal absichtlich verhungern, weil sie den Todkranken einfach eine Sonde in den Magen schieben. Allerdings konnte ich dem Buch entnehmen, dass es möglich ist, mit dem Personal einen Dämmerzustand zu vereinbaren. D.h. sich in einen Dämmerschlaf versetzen zu lassen, bis der Tod eintritt. Es heißt, von Leid und Sterben wäre dann nichts mehr zu bemerken. „Sterbehilfe ist verboten. Dämmerhilfe nicht.“ (S.221)

Das Buch lässt sich gut und schnell lesen, allerdings nicht gemütlich beim Knabbern von Chips oder Keksen, denn viele Stellen sind eklig. Schnell lesbar ist das Werk durch den Schreibstil, aber die schweren Inhalte wirken der Geschwindigkeit stark entgegen. Oft brauchte ich erst mal eine Pause zum Nachdenken oder wollte mich ablenken. Zwischenzeitlich dachte ich auch mindestens zweimal, ich würde nicht mehr bis zum Ende lesen. Der Schreibstil hat mir überwiegend gefallen, weil er ziemlich ausdrucksstark ist. Kurze Sätze bringen viele Fakten, Aussagen und Gefühle knackig zackig auf den Punkt, spitzen Eindrücke und Emotionen zu, aber dieser Stil kann auch überstrapaziert werden und nutzt sich dann ab. Degen wählt oft direkte, unschöne Worte, um einen Sachverhalt unverblümt auszudrücken, und so wie ihn JedeR versteht, anstelle mit Fachvokabular zu beschönigen. Schonungslos offen und ehrlich sowie anrührend zu gleich!

Abschließend noch eine Anmerkung zu den überwiegend sehr negativen Rezensionen auf amazon, die ich ebenfalls gelesen habe. Die RezensentInnen haben sich fast alle als Fachkräfte geoutet. Einige haben zugegeben, das Buch nicht zu Ende oder nicht allzu viel darin gelesen zu haben, bei anderen steht dies zu vermuten. Ich denke, für Pflegeberufe im Seniorenbereich ist es schwer, mit dem Beruf, den Belastungen und den – eigenen – Ansprüchen klar zu kommen. Dann kommt einfach so ein junger Mensch, und maßt sich Beurteilungen und Meinungen an. … Ich denke mal, ihr wisst was ich meine.

Charlotte Link : Schattenspiel

Heute mal eine Rezension, die vermutlich kein Mensch benötigt, denn das Buch ist über ein Viertel Jahrhundert alt. Schattenspiel ist der fünfte Roman der Bestsellerautorin und Tierschützerin, Charlotte Link, und erschien 1993.  Der psychologischer Spannungsroman, spielt zur Jahreswende 1989/90 überwiegend in London und New York.

Bis S. 47 werden die Personen eingeführt, was eher beschreibend als erzählend ist, sich aber trotzdem gut liest. Wir erfahren, warum David, der laut Klappentext bald sterben wird, zu seinem Charakter gekommen ist. Anfangs erscheint er gar nicht so schrecklich, wie er im Klappentext und vorne beschrieben wird. Laura ist seine junge Geliebte, die nicht zu ihm passt und in den Verdacht gerät, ihn nicht zu lieben. Gina, Natalie, Mary und Steven sind ehemalige Freunde aus Davids Internatszeit, in London. Leider werden auch Personen langwierig eingeführt, die im Verlauf kaum bis gar keine Rolle mehr spielen.

Nachdem Davids Leiche gefunden und die o.g. fünf Personen verdächtigt wurden, widmet sich der zweite Teil der Vergangenheit, insbesondere dem von David beeinflussten Schicksal der Personen. David hat vorab jede dieser Ereignisse aus seiner Sicht niedergeschrieben und für den Fall seiner Ermordung für die Kriminalpolizei hinterlegt. Nun lernen wir die vier Schulkameraden von David tiefgehend kennen, von der Kindheit bis zu dem Erlebnis mit David, dass ihr Leben jeweils aus der Bahn geworfen hat.

In Marys Fall war sein Fehlverhalten der Auslöser einer Reihe unglücklicher Geschehnisse und Entscheidungen. David hatte nicht vorhersehen können, wie gründlich Marys Leben versaut sein würde. Mary hätte aber jeden Tag entscheiden können, ihr Leben zu ändern, es selbst in die Hand zu nehmen. Viele andere Mädchen hätten sich ihr Leben einfach nicht verderben lassen, sondern Initiative gezeigt.

Im Falle von Steve war Davids Verhalten nicht eindeutig zu beurteilen. Auch Steves Leben war zerstört, zumindest sein angestrebter Lebensentwurf. Wäre Steve weniger verwöhnt und sensibel, hätte er sich eine andere Nische im Leben erkämpfen können.

Im Falle von Natalie stand Davids Verhalten – wie auch schon bei den beiden anderen – wieder im Zeichen der Panik. Dennoch ist es fast unmöglich, Verständnis für ihn aufzubringen, geschweige denn ihm zu verzeihen. Natalie ist eine besonders intelligente, begabte und karrierebewusste Journalistin in ihrem ersten Job. Letztendlich gerät sie durch David in eine Psychose und ihr Beruf steht auf der Kippe.

Nur Gina fehlt noch. Sie weiß, was David ihren Internatsfreunden angetan hat. Am liebsten, würde sie nie wieder etwas mit ihm zu tun haben, zumal sie sich mit den beiden Jungs aus der Clique nie befreundet gefühlt hat. Als David sich bei ihr meldet, empfängt sie ihn, um ihn nicht zu verärgern. Da er Ginas Unbehagen und Ablehnung bemerkt, bedroht er sie – jedenfalls fühlt sie sich bedroht. Aber hat er wirklich drohen wollen oder wollte er sie nur erschrecken, weil er sich abgelehnt fühlte, oder war es einfach nur Geschwätz von ihm?

Im dritten Teil wird die Biografie der vier Freund nach der schicksalhaften Wende weitererzählt. Was haben sie aus sich gemacht oder machen lassen.

Der Roman wird aus einer übergeordneten Perspektive erzählt. Das fiel mir beim Lesen immer wieder auf, weil es heute weitgehend üblich ist aus eine Ich-Perspektive zu schreiben. Die Teile über Personen, die nicht in oder um ihr Leben kämpfen, sondern alles hinnehmen und höchstens darüber jammern, wirkten auf mich wesentlich langweiliger und uninteressanter als die Kapitel von aktiven, kämpferischen Personen. Ich glaube, die meiste Zeit wurde Gina gewidmet, die meiner Meinung nach auch die interessanteste Person ist. Die Sprünge durch Zeiten und Orte sind gut verständlich.
S.398 vorhersehbar (Entwicklung von Steve)
S.323 vorhersehbar
S.387 unerwartete Wendung
S.391 Ich spüre etwas, ein Unbehagen, und ahne eine weitere Wendung, die mich dann nicht so unerwartet treffen würde, wie sie es wohl sollte.
S.392 genau die (un-)erwartete Wendung trifft ein
Der Roman ist außergewöhnlich lang, aber ich war relativ schnell drin und irgendwann hat sich so ein Gefühl eingestellt, mit dem ich wohl ewig weiterlesen gekonnt hätte.

Die Lügen, …

Judy Blundell : Die Lügen die wir erzählten

Heute geht es mal wieder um ein Buch, dass ich für 1,-€ auf dem Grabbeltisch eines 1-€-Shops erstanden habe. Es ist ein historischer Roman, der 1947 in den USA spielt und aus der Ich-Perspektive der 15-jährigen Evi erzählt wird. Evis Familie besteht aus ihrer auffallend hübschen Mama, die sie bei jeder Bewegung beobachtet, in der Hoffnung als Erwachsene genauso elegant und damenhaft zu sein, ihrem Stiefvater, in den sie sich mit ihrer Mum gemeinsam verliebt hat und dessen ungeliebter Mutter, dem Schwiegermonster in Person. Joe Spooner hat Evis Mutter geheiratet und sie adoptiert, bevor er sich bei der Armee meldete um gegen die Nazis zu kämpfen. Er kam nicht nur unversehrt, sondern reich zurück und eröffnete mehrere Geschäfte. Nun sollte alles besser werden, die Menschen waren allgemein in Aufschwungstimmung. Plötzlich wollte Joe von Queens nach Miami Beach umziehen. Schnell wurden neue Bekanntschaften geschlossen, wobei ein 23-jähriger Peter im Fokus stand. Evi verliebte sich in ihn, ihre Mutter hatte eine Affaire mit ihm und Joe reagierte ungewöhnlich aggressiv auf Peter, der widerum an Joes Fersen zu hängen schien. Letzteres bemerkte Evi erst spät, aber gerade noch rechtzeitig, um bei Peter nachzufragen, denn er starb kurz darauf. Peters Tod brachte nochmal eine ganz neue Dynamik in den Roman. War es ein Unfall? Zu dieser Frage haben die Lesenden bereits ein Gefühl entwickekt. Evis Familie droht auseinander zu brechen. Warum und wie es weiter geht verrate ich euch nicht.

Ich kann mich nicht daran erinnern, bereits Romane aus der USA, der direkten Nachkriegszeit gelesen zu haben. So war es für mich ein Schock, mit welcher Selbstverständlichkeit Juden in den USA augegrenzt wurden. Ein jüdisches Ehepaar wird aus einem Hotel herauskomplimentiert, da Juden ebenso wie Schwarze wissen mussten, dass sie nicht in die Hotels der weissen Nicht-Juden durften. S.139
Der Roman lässt sich flüssig und sehr schnell lesen. Es ist mal etwas Neues und interessant, die Perspektive einer Teenagerin aus dieser Zeit nahe gebracht zu bekommen. Aus der aktuellen Zeit ist es normal, dass aus der Ich-Perspektive von Jugendlichen berichtet wird, so dass es irgendwann langweilig wird, immer die gleichen Teenager-Sorgen zu begleiten. Als die Story an Fahrt aufnimmt, geht es nicht mehr nur um Evi, sondern auch um die von ihr genau beobachteten Erwachsenen. Daher ist das Buch meiner Meinung nach kein reiner Jugendroman, sondern ein Familienroman, mit integriertem Krimi. Zum Schluss fand ich den Handlungsverlauf durchaus spannend.