Lexikon des Unwissens

Kathrin Passig und Aleks Scholz : Lexikon des Unwissens. Worauf es bisher keine Antwort gibt.

Kathrin Passig ist mir schon viele Jahre bekannt, da sie mit Wolfgang Herrndorfer befreundet war und mit Ira Strübel unterhaltsame und humoristische Kolumnen geschrieben hat. Diese sind inzwischen gesammelt in einem Buch zu kaufen. Nun sah ich das Lexikon des Unwissens, und war sofort neugierig. Dieses Werk, mit dem ich mir eher Unwissen anstelle Wissen aneignen kann, habe ich mir privat ausgeliehen.
Angefangen habe ich mit dem Anfang, weil ich davon ausgegangen bin, das Buch von vorne nach hinten durchzulesen. Aale! Naja, nicht gerade interessant. Amerika hatte ich mir auch spannender vorgestellt und bin dann liebe gleich zu Halluzinogene, Schlaf und Ejakulation weiblich im Buch hin- und her gesprungen. Mit dieser Vorgehensweise hat mir das Lesen dann erheblich mehr Spass gemacht. Logischerweise kann ich bei den Themen, die mir ein Begriff sind auch die Komik erfassen, was mir bei weitgehend bis völlig unbekannten Theman nicht gelingt. Damit bin ich auch schon bei dem Titel und seinem Versprechen. Nur Menschen, die sich einbilden, alles zu wissen werden bei der Lektüre auf ihre Grenzen stoßen. Wenn ich aber den Abschnitt zu Plattentektonik oder über das Voynich-Manuskript lese, bekomme ich erst mal Wissen und dann dessen Grenzen vermittelt. Dafür ist mir aber leider die Neugier und das Gedächtnis verloren gegangen, mit denen Kinder alles Wissen nehezu aufsaugen. Von daher werde ich ganz sicher nicht das komplette Buch und schon gar nicht von vorne bis hinten lesen, habe aber trotzdem meinen Spass mit diesem Unlexikon gehabt. Im Übrigen sind die einzelnen Kapitel so kurz, dass es sich auch als Unterwegsbuch für Wartezeiten und kurze Fahrten in den öffentlichen Verkehrsmitteln eignet. Fazit: Ich empfehle dieses Buch jungen und junggebliebenen Menschen, die allseitig oder zumindest vielseitig interessiert sind.

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Ostfriesenfluch

Buchcover des Kriminalromans Gefaehrliche EmpfehlungenKlaus-Peter Wolf : Ostfriesenfluch

Da ich durch Stefan Wollschläger bereits Gefallen an Friesenkrimis gefunden habe, wollte ich auch mal andere Ostfriesen-Krimi-Autoren antesten. Dieses Buch ist in der Bibliothek prominent platziert, weil es mit seinem Erscheinungsdatum, 2018, ganz frisch gedruckt ist und weil Klaus-Peter Wolf von der Presse als Bestseller-Autor gehandelt wird. Er wohnt übrigens im selben ¼ wie seine Hauptperson, Kommissarin Ann Kathrin Klaasen.
Bei Ostfriesenfluch handelt es sich um den 12. Fall von Ann Kathrin Klaasen, aber durch Wolfs tiefgehende Charakterisierungen der ProtagonistInnen kann dieser Krimi losgelöst von den elf vorhergehenden Bänden gelesen werden. Es handelt sich um einen Action-Krimi mit Thrillertouch. Es gibt viele Action-Szenen von Flucht und Kämpfen, beginnt sogar mit einer Fluchtszene. Der Krimi hat seine 489 Seiten aber nicht weil so viel oder so kompliziert ermittelt wird, sondern weil Menschen, Zimmer, Gebäude u.dgl. sehr genau beschrieben werden, außerdem weil wir viel an den Gedanken der Figuren teilhaben. Somit erhalten viele Personen eine die o.g. tiefe und greifbare Charakterisierung. Die entführte Imke ist z.B. sehr nachdenklich und philosophisch. In ihren mentalen Exkursionen wird dann schon mal Nietzsche zitiert.(S.274) Dirk, dem Ehemann von Imke, legt Wolf sehr deutliche Emotionen in seine doch eher sachlichen Aussagen. Es ist ein Gespräch mit Ann Kathrin Klaasen, in dem ich die Liebe zu seiner Frau richtig spüren konnte. S.214ff
Hauptkommissar Rupert ist so ziemlich das Gegenteil von Imke. Er denkt viel nach, aber hauptsächlich über seine Wirkung auf Menschen, insb. auf weibliche Menschen. Er weiß, dass er sich zum Horst macht, aber nur für das andere Geschlecht. „Wofür denn sonst? Alles andere war doch Betrug.“ S.321 Da ihm auch viel Pech, Fehlschläge und Peinlichkeiten geschehen, die er aber teilweise durchaus zu meistern weiß, ist er in diesem Setting der liebenswerte Komiker, mit Heldenqualitäten. Der Roman enthält viele witzige Stellen, die meiner Meinung nach unterschiedliche Arten des Humors bedienen. Mir ging es damit ganz unterschiedlich. Vom Stöhnen über Schmunzeln, breites Grinsen, Glucksen bis zum Lachen war alles dabei. Richtig gelacht habe ich auf S.327, auf der ein Lehrer von der Polizei befragt wird und ins Plaudern kommt.
Interessant finde ich, wie schlimm die Ehepartner verdächtigt werden, sogar Imke verdächtigt ihren zuverlässigen Dirk.
Gut gefallen hat mir u.a. die Kritik an der Machtlosigkeit gegenüber den großen US-Amerikanischen Firmen ( hier Facebook) und gegenüber der Fotografiererei und Veröffentlichung durch Hinz und Kunz S.165f
Kritik
Bei einem über 489 Seiten starken Krimi, wäre es mir lieber gewesen, nicht bereits auf S.222 zu wissen, wer der Mörder ist. Aber wie o.g. es wird weniger ermittelt als gejagt und geflohen.
Je weiter der Kriminalfall sich dem Ende näherte, desto mehr war die Handlung durch Gelaber gestreckt. Da mich diese Streckungen zunehmend genervt hatten, habe ich in den letzten ca.70 Seiten viel quer gelesen.
Auf S.442 macht Wollf Schleichwerbung für zwei Romane.
Ein gestandener Mann, noch dazu ein Jurist, versteckt sog. Beweismaterial anstelle es zu vernichten oder damit zur Polizei zu gehen S.103ff
Ann Kathrin denkt über ihren Ehemann: „Weller versteht diesen Mann.“ S.135 Noch deutlicher wird die Diskrepanz bei dem Satz:“Ihre Hochzeit mit Weller kam ihr plötzlich so altbacken vor.“ S.153
Alles in Allem ein gutes Buch. Wenn du Ostfriesland magst oder dem Lokalkolorit gleichgültig gegenüber stehst, ist dieser Actionthriller durchaus empfehlenswert.
Lieblingszitate:
„Es war ein ganz kleines Glückspflänzchen, das da in ihm zu blühen begann.“ (S.223)
„>>Nur weil Sie mir ein Gewehr an den Kopf halten, sind wir noch lange keine Duzfreunde<<, stellte Ann Kathrin klar.“ S.256
„…, und im Mund hatte er einen Geschmack, als hätte er eine tote Ratte gegessen.“ S.336
„Er erlebte Abenteuer am liebsten im Kinosessel, mit Popcorn in der Hand.“ S.356
„Ich habe keine Probleme mit meinem Gewicht, und wenn andere eins damit, müssen die sich eben in Therapie begeben.“ S.396

Friesenlohn

Buchcover des Kriminalromans FriesenlohnStefan Wollschläger Friesenlohn
Stefan Wollschläger ist ein neuer Stern am Himmel der Literatur. Er verlegt seine Bücher, als Selfpublisher, über Amazons BookRix GmbH, und verkauft sie zum Einführungspreis von 1,-€ als eBook und später für 3,-€. Wollschläger, der sich mit seinen ersten Romanen im Genre Krimi-Thriller versucht hat, schreibt nun Friesenkrimis, mit mehreren überraschenden Wendungen, die uns Lesende trotzdem Mitknobeln lassen.

Friesenlohn, sein neuester Ostfriesen-Krimi, ist der fünfte Fall für Kriminalhauptkommissarin Diederike Dirks und ihren Assistenten, Kriminalkommissar Oskar Breithammer und der vierte Friesenkrimi. Ihr könnt Friesenlohn ohne Vorwissen lesen und verstehen, da nur 1-2 Sätze auf die bisherigen Handlung zurückgreifen. Das Private von Dirks und Breithammer beschränkt sich außerdem auf die Liebesbeziehungen der Beiden, die sich in den vorhergehende Krimis ergeben haben. Falls ihr die Friesenkrimis der Reihenfolge nach lesen, und das Ermittlungs-Duo in jedem Krimi etwas besser kennenlernen möchtet, ist hier eine sortierte Liste:
1. Kirmesmord (spielt in Osnabrück)
2. Friesenkunst (ab jetzt wird in Ostfriesland ermittelt und Dirks findet zurück in ihre Heimat)
3. Friesenklinik (Breithammer nun liiert)
4. Friesenauge (Dirks nun auch liiert)
5. Friesenlohn
Fünf wartende Fahrgäste und ein Angeber mit Auto finden 300.000 Euro, die sie unter sich aufteilen. Alle freuen sich über „ihre“ 50.000 Euro, aber die Freude bleibt nicht lange ungetrübt. Am selben Tag starb ein junger Mann in einem Porsche, den er mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum gefahren hat. Jedoch starb er keinen Unfalltod, sondern war während der Fahrt verblutet. Ob er sich selbst verletzt hat oder Fremdeinwirkung zu diesem unnatürlichen Tod führte, verrate ich euch nicht. Hauptkommissarin Diederike muss bei jedem unnatürlichen Tod tätig werden. Bald darauf wird eine junge Frau ermordet und wenige Tage später eine Hoteldirektorin. Immer wieder wird überprüft, ob die drei Morde zusammenhängen, ob es Parallelen oder Gemeinsamkeiten gibt.

Die 22-jährige Fee Rickels ist eine der Fahrgästen, und in diesem Krimi die Hauptperson. Sie ist daher auch die Einzige, die wir näher kennenlernen, mit der wir uns identifizieren können. Da Wollschläger zwischen mehreren Schauplätzen und Perspektiven wechselt, war mir dies die ersten ca.64% zu wenig. Wären noch andere Personen ebenso präsent gewesen wie Fee, hätte mich das Buch vermutlich richtig gefesselt. Die Geschehnisse um Fee sind schön spannend.
Der Friesenkrimi ließ sich sehr zügig lesen. 1 oder 2 mal musste ich noch mal zurückblättern, weil ich mich nicht richtig konzentriert hatte, aber das war bei der übersichtlichen Kapiteleinteilung und -benennung kein Problem.
Wollenschlägers Humor gefällt mir überwiegend, vor allem wenn er auf zwei Arten verstanden werden kann, und somit dezent bleibt. Z.B. „Den Seidenschal, den sie um den Hals gewickelt hatte, hatte sie wahrscheinlich selbst bemalt.“ S.254 – 90%
Ich mag auch den Lokalkolorit Ostfrieslands, bei dem ich jedes mal wieder etwas Neues (kennen)lerne, z.B. Schnoorkuller (ist eine Nascherei…)
Interessant fand ich auch, wie viel mensch bei genauem Hinhören und -sehen über andere Menschen an einer Bushaltestelle erfahren kann. Das könnte auch für den einen oder anderen Menschen ein Anstoss sein, achtsamer durchs Leben zu gehen.
Die Auflösung der Mordfälle macht nachdenklich und ist eine Kritik an unserem „großartigem“ Rechtssystem, aber auch davon will ich jetzt nicht zu viel verraten.
Insgesamt ist natürlich klar, dass ich nicht alles genauso toll finden kann, z.B. eine Kriminalhauptkommissarin ihren Freund um Hilfe bei ihrer Arbeit bittet. Trotzdem bin ich sehr zufrieden, weil ich den Roman gerne gelesen habe, ihn unterhaltsam und anregend fand, ausserdem das eBook zum Einführungspreis von 1,-€ gekauft habe.

Projekt Empathie

Buchcover des Romans Projekt EmpathieLeander Rose : Projekt Empathie

Durch eine Empfehlung wurde ich auf dieses eBook aufmerksam, und da es nur 1,-€ kostet, sprach nichts dagegen, diesen interessant wirkenden Roman zu kaufen.
In diesem Buch geht es um die Gegenüberstellung zweier Teilbiografien und dreier Lebenswege, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Trotz Romanform ist die Handlung „nicht fiktiv. Ich habe es erlebt, habe sie getroffen.“ S.352 – 98% Die Geschichte von Samir steht stellvertretend für das Schicksal vieler Geflüchteter. Der Medizinstudent, Samir, flieht aus Damaskus, in Syrien, vor dem Krieg. Während dieser schweren Zeit hat er alles verloren – seine Verlobte, seine Familie und Freunde, sein Studium und seine materiellen Besitztümer. Als er in Deutschland eintrifft, trägt er eher Lumpen als Kleidung und hat seit zwei Tagen nichts gegessen.

Die privilegierte Studentin, Maya, ist trotz Reichtum unglücklich. Von ihren Eltern erhält sie weder Interesse noch Liebe. Freundschaften unterhält sie nicht. Zwischen den Gleichaltrigen ihres Milieus, in Frankfurt, geht es nur um Status, Erfolg, Karriereplanung, Ansehen und das Freizeitverhalten besteht aus Konsum. Als Maya dann auch noch von ihrer großen Liebe enttäuscht wird, entschließt sie sich spontan zum Selbstmord, der ihr aber misslingt. Durch den Suizidversuch gerät sie ins Visier ihrer sozial engagierten und von der Familie verschmähten Großmutter. Diese möchte Maya einen Blick über den Tellerrand ermöglichen, in der Hoffnung, sie dadurch auf einen besseren Lebensweg zubringen. Mit dem Erbe als Druckmittel zwingt sie Maya ½ Jahr, ehrenamtlich in einem Flüchtlingsheim zu arbeiten.

Maya aus Frankfurt und Samir aus Damaskus lernen sich in einer Erstaufnahme-Einrichtung für Geflüchte in Gießen kennen. Beide sind dort neu und unfreiwillig. Maya fühlt sich fehl am Platz und unangenehm berührt, von den Zuständen und Schicksalen. Eines dieser Schicksale gehört Samir, der verängstigt, desorientiert, durchgefroren und sehr hungrig in Gießen eingetroffen ist, und bei der Eingangsuntersuchung feststellen musste, infolge der traumatischen Kriegserlebnisse, sein Gedächtnis verloren zu haben.

Maya merkt bald, dass ihre Kollegen die freiwillige Arbeit gerne machen und sie als sinnvoll und wichtig empfinden. Stück für Stück informiert sich Maya über die neuen Themen in ihrem Leben, und wir Lesenden haben an diesen Informationen Anteil. Was sind die Argumente für eine deutsche Willkommenskultur? Was bedeutet die Imigration für die deutsche Wirtschaft…? Weltwirtschaft, Islam u. s.w.

Ich hatte beim Lesen lange befürchtet, dass Maya plump und bilderbuchmäßig in Dankbarkeit für ihr Leben als reiche Deutsche verfällt und dann glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende soziale Arbeit verrichtet. Doch so verläuft die Story glücklicherweise nicht. Maya hat sich nicht für ihr privilegiertes Unglück geschämt, sondern für ihre anfangs nicht sehr freundliche Art. Sie hat bald ihr bisheriges Leben – u.a. soziales Umfeld, Meinungen, Geldverschwendung – als falsch und Ursache für ihr Unglück erkannt. In dieses Leben möchte sie nicht zurück, diesen falschen Weg nicht weiter gehen. Also ändert sie sich und ihr Leben, was in ihrem Fall gut möglich ist. Über sich selbst sagt Leander Rose jedoch: „Mich mit dem Leid der Menschen aus Kriegsgebieten auseinanderzusetzen hat mich erkennen lassen, wie wundervoll mein Leben ist. Ich bin sehr viel Dankbarer geworden und dadurch sehr viel Positiver, Gelassener und vor allem Glücklicher.“ S.354 – 99%
Gut, dass sie erst im Schlusswort ihre persönliche Meinung und Entwicklung kund tut, denn diese Botschaft finde ich ziemlich daneben. Natürlich gibt es in West-Europa auch Jammern auf hohem Niveau und verwöhnte Dauernörgler, aber ganz sicher haben auch viele Menschen in den westeuropäischen Ländern mehr als genug Gründe, unglücklich zu sein. Das Leben eines westeuropäischen Armutsbetroffenen wird nicht plötzlich besser, schön oder glücklich, weil Imigranten durch Krieg und Flucht alles verloren haben. Das Essen schmeckt nicht besser, weil andere Menschen Hunger leiden. Ein kranker Mensch wird nicht plötzlich gesund, weil es Geflüchteten noch schlechter geht. Eine verschimmelte Bruchbude wird nicht zum Palast, weil andere Menschen keinen eigenen Mietvertrag oder nicht mal ein Zimmer für sich haben. Diese Relativierungen finde ich schlimm! Jemand, der an seinem Leben etwas ändern kann, z.B. auf Geld oder Wohnraum verzichten, hat die Möglichkeit sich bewusst zu werden, wie gut es ihm mit diesem Wohlstand geht und wie wohltuend es ist, anderen Menschen zu helfen und somit etwas Gutes zu tun. D.h. nicht alle Menschen über einen Kamm scheren! Auch enthüllt Rose im Schlusswort, dass sie wie Maya wachgerüttelt wurde. „…wie Maya wurde auch ich durch das Schicksal der vielen Kriegsflüchtlinge auf meine eigenen Verfehlungen aufmerksam.“ S.351 – 98%

Ich habe Projekt Empathie gerne und beinahe zügig gelesen. Ich mochte die Protagonisten und fand sie, sowie die Handlung, emotional ansprechend. Der Plott ist einfach aber trotzdem gut konzipiert.
An vielen Stellen fand ich das Buch sehr interessant. Z.B.
Die Erstaufnahme der neu eingetroffenen Flüchtlinge, mit Identitätsfeststellung, Dokumenten, medizinischer Untersuchung
und
Samirs dissoziative Amnesie.
Auch einzelne Aussagen geben Preis, dass die Autorin wirklich Ahnung hat. So z.B. Es geht um Krankheiten von der Straße. Viele Menschen sagen, man müsse sich nur sauber halten, aber das reicht leider nicht.: „…auf der offenen Straße schlafen. Leider ist dies nicht der sauberste Ort und so etwas würde an keinem Menschen spurlos vorbeigehen.“ S.147 – 41% Seit einigen Jahren gibt es Großraumzelte als Notunterkünfte. „Dicke Schläuche zogen sich durch die Zeltwände und Jussuf erklärte ihm, dass sie so heiße Luft in das Zelt pusteten, um es innen warm zu halten. Das Problem mit den Dingern ist nur, dass diejenigen die davor schlafen vor Hitze vergehen, während die weiter weg trotzdem frieren.“ S.166 – 46%
Die reichen kapitalistischen Länder sind an der Armut der sog. Entwicklungsländer, der sog. Dritten Welt, Schuld: „…diverse Unternehmen Wasserquellen in afrikanischen Dörfern aufkauft, diese für ihre Softdrink Produktion verwendet und den Dorfbewohnern somit ihre Lebensgrundlage entziehen.“ S. 294 – 83%
Ich habe aber auch Kritik. Der Roman enthält inakzeptabel viele, darunter auch sehr schlimme Fehler, durch die mein Lesefluss deutlich beeinträchtigt wurde. Es handelt sich nicht nur um Tipp- und Flüchtigkeitsfehler sondern auch Grammatik- und Rechtschreibschwächen bis hin zu Wortverwechslungen (viel und fiel). Eigentlich ist es eine Zumutung für einen dermaßen fehlerhaften Roman Geld zu bezahlen. Damit deutlich wird, was ich meine, habe ich einige Fehler notiert. Aufgrund der Vielzahl dieser Fehler habe ich mit diesen Notizen recht bald wieder aufgehört. S. 26 – 7% aus statt auf: „Die ganze Luft entwich auf Samirs Körper…“
S. 29 – 8% Attribute werden klein geschrieben: „… ein sehr Armes aber dennoch stark Bewohntes Viertel.“
S. 30 – 8% viel anstelle fiel: „… viel ihm schwer.“
S.71 – 19% Hier fehlt das n: „Maya glaubte, sie zu kenne.“
S.74 – 20% Von der Unvollständigkeit des Satzes abgesehen, wird dass mit ss geschrieben: „Das diese Dinger ihr einmal nützlich sein würden.“
S.92 – 25% Verben werden klein geschrieben: „Noch immer Begriff Maya den Grund ihres erneuten Besuches nicht.“
S.97 – 26% Groß-/Kleinschreibung und Nominalisierung: „Vermutlich wollte sie dem Trübsinnigen an die Decke starren, ein Ende setzen…“
S.115 – 31% Buchstabendreher: „Es wurde schnell dunkle in diesem Land…“
S.118 – 43% Rechtschreibung: „… Hand, die sie grobe ergriff…“
Ihr seht also, dass es nicht nur die Autokorrektur war, sondern Fehler von Flüchtigkeit bis zur Verwechslung von viel und fiel.

Eine überarbeitete Version des Romans würde ich euch gerne empfehlen. Durch die vielen Fehler kann ich es leider nicht mit gutem Gewissen empfehlen.

Charlotte Link : Der Beobachter

Buchcover des Kriminalromans und Thriller Der BeobachterDies ist mein 2. Krimithriller von Charlotte Link und ein relativ neuer Roman.

Es geht um zwei Leichen, die auf sehr ähnliche Art eingeschüchtert und ermordet wurden. Auf S. 43 wurde die 1. Leiche gefunden, nachdem die Andeutung eines Gewaltverbrechens auf S. 23 steht.
S.181 wurde die 2. Leiche gefunden.
Die Polizei steht vor einem rätselhaften Fall, da Beide sehr zurückgezogen gelebt hatten, sogar kaum Kontakt zu anderen Menschen hatten, und daher kein Motiv und keine Spur zu finden war. Link arbeitet auch bei diesem Kimi mit einer Vielzahl von Handlungssträngen, die entweder ins Leere laufen oder erst im Laufe der Zeit immer enger miteinander verknüpft werden.
Die ersten beiden Kapitelchen scheinen ins Leere zu laufen, zumindest geraten sie in Vergessenheit, bevor sie gegen Ende doch noch eingebunden werden.
Auch gibt es am Anfang eine Hauptperson, die dem Titel entspricht.
Samson Segal ist so unscheinbar, dass er generell übersehen oder nach einem oberflächlichen Wortwechsel vergessen wird. Insofern hatte er schon als Schuljunge keine Freunde und bis zum mittleren Alter noch keinen Geschlechtsverkehr, geschweige denn eine Freundin. Auch beruflich ist er ein Looser. In seiner übermäßigen Freizeit eines Arbeitslosen beobachtet er andere Menschen, spioniert sie aus und träumt sich in deren Leben hinein. Eine Mischung aus Stalker und Detektivarbeit, bei der er sich leider auch schon wieder zu tollpatschig oder zu blöd anstellt. Z.B.: „Ich stand direkt vor ihrem Haus, als sie hinauskamen, musste also grüßen. Das war nicht gerade unauffällig, aber ich hoffe…“ S. 167 Meiner Wahrnehmung nach ein sympathischer oder zumindest bemitleidenswertert Psycho, der einfach zu lange der Looser und ausgegrenzt war. Aber macht ihn das zum Täter oder entlastet ihn das?

Das Buch enthält kleine Kapitel und einzelnen Szenen, die an den verschiedensten Orten spielen. Die story wird von einem übergeordneten Erzähler – in der dritten Person singular – erzählt, der bei Szenenwechsel zumeist auch die Perspektive wechselt. Einzige Ausnahme sind die Tagebucheinträge von Samson Segal. Diese Einträge und die Gedanken der Akteure sind kursiv gedruckt.

Auf S.236 wird erst das dritte Mordopfer gefunden. Es ist ein Mann, der von seiner Ehefrau gefunden wird und passt somit eigentlich nicht in die Serie.
S.539 wurde die 4. Leiche gefunden, wieder eine alte Frau.
Ab S.437 bekam ich einen starken Verdacht, der sich auf S. 446 ff nochmal deutlich verstärkte. Bei 651 Seiten finde ich die Auflösung des Kriminalfalls doch etwas früh und habe daher gehofft, dass noch mindestens eine unerwartete Wende auf mich wartet. Meine Hoffnung war nicht vergeblich, aber ab ca. S. 500 habe ich den Text als deutlich in die Länge gezogen empfunden. Die einzelnen Szenen werde zu detailliert beschrieben und die Überlegungen der Protagonisten werden viel öfter und genauer dargelegt als zuvor. Auch wird eine Szene doppelt aus zwei verschiedenen Perspektiven geschrieben.

Obwohl nicht alles toll war, hat mir der Roman insgesamt ganz gut gefallen. Noch einmal werde ich ihn nicht lesen. Das Buch werde ich wieder „auf die Reise“ schicken. Von Link werde ich sicher noch etwas lesen.

Lieblingszitate:
„Die Welt war ein Ort des Grauens, nur oberflächlich in der Balance gehalten durch ein dünn gewobenes Netz fadenscheiniger Sicherheitssysteme.“ S.451
„Die Welt, in die er nie gelangen würde, aber er hatte festgestellt, dass es ihn tröstete, wenigstens als Zaungast an ihr teilzunehmen.“ S.39

Gefährliche Empfehlungen

Buchcover des Kriminalromans Gefaehrliche EmpfehlungenTom Hillenbrand : Gefährliche Empfehlungen. Ein kulinarischer Krimi. Xavier Kieffer ermittelt.

Das Buch ist erst ca. 1 Jahr alt, und hat 2017 bereits die 2. Auflage erreicht. Der beliebte Restaurantfüher, Guide Gabin, hat, in Frankreich, neue Redaktionsräume bezogen und lädt zur Vernissage. Alle Ausgaben des Guide Gabins sollen auf dem Event ausgestellt werden und hochrangige Gäste, bis zum Präsidenten Frankreichs, sind eingeladen. Ein Stromausfall, der vor Ort nicht von einem Anschlag unterschieden werden konnte, beendete die Feier, der Präsident wurde von seinen Personenschützern in Sicherheit gebracht, und zwei Ausgaben des Guide Gabin fehlen. Insbesondere die Ausgabe von 1939 scheint einen ungeheuren Wert zu haben. Der Bibliothekar, der die seltenen Ausgaben verliehen hatte, ist ermordet worden. (Leider erst auf S.56ff) Der Präsident bittet – und das ist wirklich kein Witz – einen (ehemaligen Sterne-)Koch, zu ermitteln. Was es mit der 1939er-Ausgabe auf sich hat, ist durch zwei Zeitsprünge, in den Zweiten Weltkrieg, zu erraten. Die story spielt überwiegend in Frankreich und zum Teil in Luxemburg. Da ich beide Länder eher schlecht als recht kenne, hatte ich nie so etwas wie einen Aha- oder Wiedererkennungseffekt. Diese stellen sich eher durch die universelle, moderne Technik, wie Laptop, Smartphone und Tablet-PC, ein. Kulinaristik, auch auf Sterne-Niveau, finde ich zwar interessant, sehe mich bei diesem Thema aber auch nur als randständige Beobachterin. Allerdings interessieren mich die beste Methode, ein Spiegelei zu braten (S.38), und ähnliche Details, eher nicht. Dennoch lässt sich der Roman leicht und schnell ‚runterlesen, wenn mensch etwas Ruhe, Konzentration und Muße aufbringen kann. Leider hat mich dieser kulinarische Krimi im ersten ¼ nicht angesprochen, geschweige denn ergriffen. Eine Lektüre, die nur ganz nett ist lese ich nicht fertig, weil in meinem SuB sehr viele Bücher warten, von denen ich mir mehr verspreche. Diesen Krimi schicke ich also nach 100 Seiten wieder auf Reisen.

Dennoch hst es für zwei Lieblingszitate gereicht:
„Warum eröffnet jemand wie Hanschuh weitere Restaurants, Bistros und Bars? Vermutlich handelt es sich um eine Form der Geisteskrankheit.“ S.37
„Zweitens waren diese neuen Computer und Handys von sehr schlechter Qualität. Er hatte neulich gesehen, wie ein paar Spritzer Balsamico ausgereicht hatten, um Claudines Smartphone in Elektroschrott zu verwandeln.“ S.69

Jenna Strack Sternwärts

Buchcover des Romans SternwärtsDer Roman ist mir durch eine Empfehlung aufgefallen. Sternwärts ist der vierte Roman von Strack und kann als Fortsetzung (von Splitterleben) aber auch als alleinstehender Roman gelesen werden.
Es geht um die 17+3-jährige Anh, die zur Lebensretterin berufen wurde. Seit drei Jahren bekommt sie suizidale Menschen anvertraut, um diese von der Selbsttötung abzubringen. Anh, die selbst im zarten Alter von 17 Jahren aus dem Leben gerissen wurde, hat weder Verständnis für eine derartige Missachtung des Lebens noch für deren Gipfel, den Suizid.
Das „Leben“ nach dem Tod hat Vor- und Nachteile. Z.B. ist die Untote für Menschen unsichbar und kann daher tagelang im Kino bleiben. Aber sie kann keine Tür öffnen, keinerlei Dinge in die Hand nehmen und somit auch nicht autark lesen.
Bei Anhs aktuellem Klient handelt es sich um einen Freund von einer Freundin. Aber das ist nicht die einzige Besonderheit von Jona. Überraschenderweise – für Beide – kann Jona sie sehen, hören und anfassen, also fühlen. Eine weitere überraschende Besonderheit ist Anhs Unvermögen, auf Jonas Gehirn – Gedanken, Erinnerungen etc. – zuzugreifen.

Eine schöne Idee, nicht wirklich extrem ausgefallen, aber auch noch lange nicht abgegriffen. Anfangs fand ich das Buch nur ganz nett, weil es mich nicht angesprochen, geschweige denn berührt, hat. Ab etwa 28% fand ich den Roman interessant und bei ca. 43% hat Strack es geschafft, mich so zu packen, dass ich das Buch eine zeitlang nicht aus der Hand legen wollte. Aber dieses Gefühl hielt leider nur bis ca. 65% an. Ich habe eine Weile überlegt, was mir da so unangenehm aufgestoßen ist. Ich denke, diese Art wie Anh mit Jona spricht, um ihm den Suizid auszureden, empfinde ich als eine sehr anmaßende und übergriffige Zumutung. Sie nimmt sich heraus, über Jona, seine Mutter und Großmutter zu urteilen, obwohl sie niemanden davon wirklich kennt. Vermutlich kommt ein Plädoyer für das Leben bei den meisten Lesenden gut an, aber so in dieser Art gefällt es mir nicht. „…das werde ich sicher nicht ändern, nur weil du dich lieber in anderer Probleme einmischt, als dich um deine eigenen zu kümmern.« »So wie du, hm?«“ (76%) Diese Antwort hätte von mir sein können.

Im letzten Teil überraschte Strack mit einer unerwarteten Wendung und das Ende birgt auch noch mal eine Überraschung. Nur leider gibt es dann noch einen viel zu langen Epilog, in dem alles Happy-End-mäßig schön und noch schöner wird.

Die Schreibe von Strack hat mir überwiegend gut gefallen. Der Roman lässt sich leicht und zügig lesen. Sehr gut finde ich, dass es bei ihr weder Dehnungen durch anstrengendes Detailwissen noch durch Laberei gibt. Es waren einzelne Stellen im Text, die mir mal mehr und mal weniger aufgestoßen sind, z.B. das Wort „Positivität“ 87% oder dieser Logikfehler 68% : „Hätte Jona die Tür nicht sperrangelweit aufgelassen, hätte ich nichts weiter tun können, als in seiner Wohnung zu sitzen und darauf zu warten, dass er zurückkommt. Was er nicht getan hätte.“ Die Autorin lässt Anh davon ausgehen, dass niemensch seine Wohnungstür offen stehen ließe, wenn er/sie zurückkommen wollen würde. Natürlich fallen auch besonders schöne Formulierungen auf, wie z.B. „Es wäre ein schöner Gedanke, mit Jona im Herzchenwald umherzutapsen und nie mehr den Weg zurück in seine kalte schmerzhafte Welt zu finden.“ S. 76 … 56%
Alles in Allem ist Sternwärts ein schöner Roman für wenig Geld. Bei dem Preis von 1,99€ für 132 Seiten sehe ich keinen Grund zur Unzufriedenheit. Aber dabei werde ich es auch belassen. Noch ein Werk von ihr werde ich mir aber (vorerst) nicht bestellen.