Stefan Wollschläger : Friesenauge

Stefan Wollschläger ist ein Newcomer, der seine Romane als Selfpublisher über Amazons BookRix GmbH verlegt. Seine Romane kosten alle nur 1 oder 2,-€, obwohl sie zusehends besser werden.
Friesenauge ist sein neuester Ostfriesen-Krimi und der vierte Fall für Kriminalhauptkommissarin Diederike Dirks und ihren Assistenten, Kriminalkommissar Oskar Breithammer. Ich würde euch empfehlen, die Friesenkrimis der Reihenfolge nach zu lesen, weil wir das Ermittlungs-Duo in jedem Krimi etwas besser kennenlernen, ihr Privatleben sich weiterentwickelt und Wollschläger auf die bekannten Infos zurückgreift.
1. Kirmesmord (spielt in Osnabrück)
2. Friesenkunst (ab jetzt wird in Ostfriesland ermittelt und Dirks findet zurück in ihre Heimat)
3. Friesenklinik (Breithammer nun liiert)
4. Friesenauge (Dirks nun auch liiert)
Neben den Ermittlungen lernen wir Dirks Vater kennen und erfahren so einiges über ihre Vergangenheit. Wie Krimi-Fans (spätestens aus dem Fernsehen) wissen, sind Kommissare immer ziemlich verquollen und psychisch lädiert. Dirks hat sich während ihres jüngsten Falles so seltsam verhalten, dass ich vorübergehend genervt von ihr war. Erst nach vielen Seiten habe ich verstanden, warum…

Anfangs wird ein Kopf ohne Augen gefunden, allerdings nicht weil ein Hund ihn ausgebuddelt oder ein Mensch besonders wachsame Augen hätte. Nein, dieser Kopf sollte offenkundig gefunden werden. Wie grauenvoll die Präsentation und der ihr vorausgegangene Mord ist, wird besonders deutlich, da Wollschläger die ostfriesische Landschaft als sehr idyllisch beschreibt. Mit was für einer Art Täter und Tat haben wir es hier zu tun? Eine Polizeipsychologin wird zurate gezogen. Das Mordopfer kann identifiziert werden, und es stellt sich heraus, dass seine Freundin vermisst wird. Das Ermittlungsteam arbeitet unter starkem Zeitdruck, da die Befürchtung eines zweiten Mordes, an der Vermissten, naheliegt. Jede Spur bringtneue Erkenntnisse und die Kripo muss immer tiefer graben und weiter ausholen oder wieder zurück….
Von Beginn an sind bei den Szenenwechseln immer wieder Ausschnitte eines Tagebuchs zu lesen, was mir von der Idee her absolut gefällt. Die einzelnen Tagebucheinträge lassen sich langsam zu einem kleinen Bild zusammensetzen, doch wie dieses in das Gesamtbild passt, erfahren wir erst, als Wollschläger am Ende alle Handlungsstränge miteinander verbindet.

Lieblingssätze:
„Breithammer giggelte innerlich.“ 44%
„…erster Impuls war, Jeanette das Sie anzubieten.“ 59%

Der Kriminalroman ist inhaltlich sehr anspuchsvoll, sehr vielseitig und interessant. Wollschläger hat sich als Hintergrund für diesem Roman ein komplexes gesellschaftspolitisch aktuelles Thema erarbeitet. Er benutzt mehrfach Gegensätzen – ich nehme an, zur Verdeutlichung – als Stilmittel. Oben hatte ich bereits Idylle vs Grausamkeit erwähnt. Des Weiteren der scheinbare Gegensatz von Privatem und Politik und wir spüren wie nah uns ferne Länder, und die dortigen Ereignisse, infolge von Globalisierung und neuer Technik sind. Mehrfach entstehen sehr spannende Szenen und unerwartete Wendungen. Wollschläger ist meines Empfindens nach witziger geworden. Das mag jetzt seltsam anmuten, nachdem ich etwas von dem Fall erzählt habe, aber ja es gibt zwischenzeitlich Platz für Humor. Ich mag seine Art von Humor sehr.
Ein paar außergewöhnlichen Persönlichkeiten bevölkern auch diesen Krimi, was ich als belebend empfunden habe und natürlich erweitert sich so der Horizont. – Oder wusstest du bereits was ein Scrimshaw-Künstler ist?

Alles in Allem: Sehr empfehlenswert!

Aqua : Im Zeichen des Meeres

Anne Buchberger / LunaNox : Aqua: Im Zeichen des Meeres (Mondvogel-Saga 2)

So, ihr lieben Bücherwürmer, weiter geht es mit der Mondvogel-Saga, die mich in Band 1 so begeistert hat. Heute geht es um den 2. Band, der auch sehr gut ist.

Nach einer anstrengenden und aufregenden Reise, die in Band 1 „Luna Im Zeichen des Mondes“ zu lesen ist, hat die Reisegruppe, mit der Prinzessin, die Akademie des Meeres erreicht. Gemeinsam mit ihrer Cousine, Isla, meldet Analina sich als Schülerin, mit dem Ausbildungsschwerpunkt SuK (=Sprachen und Kampf). Prinzessin Analina Nelia von Funkelstein erhält aus Sicherheitsgründen den Decknamen Lia Valeria, jedoch hat sich eine Mentorin bereits verplappert. Die ganze SuK-Gruppe weiss über die beiden Neuen bescheid. Ein großartiger Auftakt des Internat-Lebens, durch das wir die beiden Cousinen in diesem Roman ein Jahr begleiten werden. Es handelt sich bei diesem High-Fantasyroman also um eine Art High-School-Roman. Viele KommentatorInnen auf wattpad meinten, sie fühlten sich an Harry Potter erinnert. Meiner Meinung nach handelt es sich bei Band 2 definitiv um einen Jugendroman.

Aber auch die Familie spielt wieder eine wichtige Rolle. Wir erfahren in diesem Band weitere Familiengeheimnisse, die durch Königin, Glinda, aus politischen Gründen, entstanden sind. Wir lernen auch Glinda besser kennen, dass sie mitnichten so emotionslos ist, wie sie durch ihre Rolle als Königin oft wirkt, und wie hart sie mit sich selbst umgeht, um ihrer Rolle und ihrem Land gerecht zu werden. Es spielt sich eine Menge bei den Erwachsenen ab, der Hauptschauplatz jedoch ist die Akademie des Meeres.

Alle SchülerInnen teilen sich zu dritt ein Zimmer. Ana und Isla bekommen Peneelopy als Bettnachbarin, zu der beide vom ersten Moment an eine besondere Verbindung spüren. Penny ist auffallend intelligent und begabt, hat aber keinerlei Ehrgeiz, ist mehr als zurückhaltend und verletzt sich selbst. Ob Ana und Isla herausfinden, was mit diesem seltsamen Mädchen los ist? Ein geheimnisvoller Junge, aus der Schwerpunkt-Gruppe Wissenschaft und Kampf, taucht auch noch auf.
Das Jahr ist geprägt von typischen Schulereignissen. Alltäglichkeiten wie schlechtes Essen, ungerechte Lehrkörper…. Periodische Belastungen wie Lernstress, Noten… und einige Höhepunkte. Die Akademie veranstaltet einen Ball und im Vorfeld Tanzunterricht. Erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht stehen an, aber romantische und sexuelle Beziehungen sind an der Akademie verboten. Was nun? Diese Frage stellt sich v.a. für unsere Hauptperson, denn als Prinzessin… Die Akademie veranstaltet ein Frühjahresturnier, auf dem einige verdammt gefährliche Situationen entstehen

Der 2. Band ist erheblich länger als Band 1. Es passiert wirklich eine Menge – Interessantes, Spannendes, Emotionales. Meinem Empfinden nach hat Anne Buchberger sich weiterentwickelt. Luna hatte sie schon toll geschrieben. Ihre großartige Fantasie, Liebe zum Detail und die Tiefe in der Gestaltung von Personen ist ihr erhalten geblieben. Ihre Schreibe ist aber noch ansprechender, richtig packend geworden. Viele Szenen haben mich gefesselt, egal ob ich im Bus stand oder zu Hause in Ruhe las. Da wir in diesem Roman weitere Familiengeheimnisse erfahren, einige der Hauptpersonen besser kennen lernen und Analina sich deutlich weiterentwickelt, solltet ihr ihn unbedingt lesen, um im 3. Band dabei zu sein. Sonst hätte ich gesagt, Aqua ist eher für Jugendliche, wegen der vielen Schule. Ich habe mich tatsächlich bei viele Szenen gefühlt, als wäre ich versehentlich auf eine Zeitreise, zurück in die Schulzeit, geraten. Und das war ein eher unangenehmes Gefühl, da ich mich damals in einer extremen Abwehrhaltung eingekapselt hatte, die ich im Erwachsenenleben natürlich angebaut habe. Aber wie gesagt, ohne den 2. Band kommt ihr nicht in den 3. hinein, und er ist wirklich sehr gut.

Luna: Im Zeichen des Mondes

Anne Buchberger / LunaNox : Luna: Im Zeichen des Mondes (Mondvogel-Saga 1)

Endlich mal wieder ein Buch, von dem ich richtig begeistert bin. Dies trifft übrigens auf 1000de Wattpad-Lesende zu, denn dieser Roman gewann den Piper Wattpad Award 2016. D.h. die talentierte Anne Buchberger ist, als Luna Nox, auf der Hobby- und Nachwuchs-AutorInnen-Plattform, Wattpad, entdeckt worden, und „Luna: Im Zeichen des Mondes“ wird am 2. Oktober 2017 vom Piper-Verlag veröffentlicht. Auf wattpad könnt ihr den Fantasyroman bis dahin kostenlos lesen, danach vermutlich nur noch eine Leseprobe.

Bei der Mondvogel-Saga handelt es sich um das Genre High Fantasy, also eine alternative Welt. Auf dem Planeten Lunadesia existieren die drei Kontinente Hyiander, Uyneia und b’ynyay. Uyneiaim Westen ist der größte Kontinent, b’ynyay liegt im Osten und Hyiander, in der Mitte, ist der Schauplatz dieses Romans. Wir begleiten die Mondprinzessin, Analina, auf ihrer Reise zur Akademie der Meere. Dieser Schritt in einen neuen Lebensabschnitt ist für die 13-jährige Prinzessin alles andere als erfreulich. Nicht zuletzt weil ihre unterkühlte Mutter sie von heute auf morgen aus ihrem Leben reisst, sondern auch weil es eine sehr lange und beschwerliche Wanderung wird. Wenigstens gestattet die Mutter, den beiden Freunden ihrer Tochter, Saphiron (15J.) und Türkiys (9J.) an der Reise teilzunehmen. Aber war die Entscheidung, die beiden Kinder mit auf die Reise zu nehmen wirklich klug? Hyiander besteht aus einer Vielzahl von Königreichen und Landschaften, die wir ebenso wie mannigfaltige Lebewesen in diesem Reise-Fantasyroman kennenlernen. Die beiden, nach Edelsteinen benannten, Freunde Analinas sind blau, so dass ich sie mir immer wie Schlümpfe vorgestellt habe und es gibt z.B. Glasberge, die von Riesen bewohnt werden. Wassernymphen, Waldelfen, Schattenspäher, Gnome und Zwerge sind nur einige weitere Spezies. Die Reiseleiterin scheint auch nicht diejenige zu sein, für die sie sich ausgibt.
Die Lebewesen, Länder, Landschaften, Häuser und Einrichtungen stecken voller Fantasie, die aus der jungen Autorin scheinbar nur so heraussprudelt. Schon allein die Fantasie, mit der die Namen der Personen erfunden wurden, finde ich beachtlich. (Violyna, Merula, Glinda, Gwenda, Lothian, Nelia, Liliavis um nur einige zu nennen.) Da sie ausserdem eine Liebe zu Details und die Begabung besitzt, ihre Visionen in die passenden Worte zu kleiden, wirkt alles sehr lebendig und das Lesen ihrer Werke ist sehr angenehm. Die Reise steckt nicht nur voller Fantasie, sondern ist auch von Abenteuern und Gefahren geprägt. Eine dieser Situationen weckt in Analina Erinnerungsfragmente, die sie nicht einordnen kann und sie vor ein Rätsel stellen. Ausserdem hat sie einen Hinweis auf ihren Vater gefunden, nach dem sich das Mädchen natürlich sehnt, der aber bislang von ihrer königlichen Mutter geheim gehalten wurde.

Klappentext:
„An ihrem dreizehnten Geburtstag erhält Analina, Kronprinzessin von Arden, eine Nachricht, die ihr bisheriges Leben verändert: Auf Befehl ihrer Mutter soll sie ihrer Heimat den Rücken kehren und Schülerin an der Akademie des Meeres werden, um sich für den kommenden Krieg gegen die mysteriöse Schwarzmagierin Gwenda ausbilden zu lassen, die im Sumpfgebiet Ardens ihre Fäden spinnt. Mit ihren engsten Freunden tritt Analina eine Reise durch das Reich ihrer Vorfahren an, um das zu schützen, was sie in sich trägt – die Seele des Mondvogels, jenes magischen Geschöpfs, das Analinas Erbe retten soll. Doch nicht nur die Königin der Sümpfe hat Geheimnisse, von denen Analina nichts ahnt …“

Egal ob es sich um beschreibende, spannende, gefährliche oder besonders emotionale Momente handelt, findet Buchberger die passenden und sehr ergreifende Worte. Obwohl die Protagonisten erst 13 Jahre alt und der Schauplatz eine umfangreichen Fantasiewelt ist, handelt es sich um kein reines Kindbuch. Auch die Perspektiven der Erwachsenen, vornehmlich der Königin und Mutter von Analina, nehmen ausreichend Platz ein. Ausserdem weisen die Charaktere eine realistische Tiefe auf, so dass sie authentisch rüber kommen und sich in der story eine Ausgwogenheit ergibt, die für die ganze Familie geeignet sein dürfte.

Die 1995 in Heidelberg geborene, Anne Buchberger studiert in München Medizin. Luna: Im Zeichen des Mondes ist ihr erster Roman, den sie übrigens im zarten Alter von 13 Jahren geschrieben und in den darauf folgenden Jahren immer wieder überarbeitet hat. Auf wattpad hat sie inzwischen bereits drei Folgeromane, und sogar noch einen fünften Roman, der viele Jahre später spielt, veröffentlicht.
Luna: Im Zeichen des Mondes (Mondvogel-Saga 1)
Aqua: Im Zeichen des Meeres (Mondvogel-Saga 2)
Stella: Im Zeichen des Himmels (Mondvogel-Saga 3)
Flamma: Im Zeichen des Sonne (Mondvogel-Saga 4)

Frühstück zu viert

Annemarie Schoenle : Frühstück zu viert

Dieses kleine Buch habe ich gekauft, als es auf 10 Ct. herunter gesetzt war.

Zusammenfassend empfinde ich „Frühstück zu viert“ als mittelmäßige Familienkomödie, die einiges an Turbulenzen aufweist, etwas antiquiert rüber kommt, emotional sehr ansprechend ist, mich an vielen Stellen aufgeregt, an vielen anderen Stellen amüsiert und insgesamt ganz gut unterhalten hat.

Judith ist ü 40, ledig und kinderlos. Sie wartet seit geraumer Zeit auf einen Heiratsantrag von ihrem langjährigen Freud, Hubert, der zugleich ihr Vorgesetzter und wesentlich älter als sie ist. Die Beiden arbeiten im Amt und entsprechen dem Klischee der Beamten von früher: Kleinkarierte, zugeknöpfte, verstaubte Krümelkacker, die sich wie alte Leute benehmen und hinter dem Mond leben. Das penibel organisierte Leben der beiden Langweiler gerät aus den Fugen, als Judiths Schwester gemeinsam mit ihrem Mann bei einem Unfall stirbt und drei Vollwaisen zurück lässt. Judith beantragt das Sorgerecht, und zwar nicht nur aus Pflicht- und Verantwortungsgefühl, sondern weil sie sich wohl doch Kinder wünscht, und sich das Zusammenleben mit den Kindern schön ausmalt. Hubert rät ihr nicht nur ab, er ist definitiv gegen die Kinder und will damit nichts zu tun haben. Judith aber lässt sich nicht aufhalten, obwohl auch ihr Mutter von der Fürsorge für alle drei Kinder abgeraten hatte, ihre Tochter aber wenigstens hinsichtlich des Sorgerechtsantrags unterstützt, indem sie die Vormundschaft für die Kinder übernommen hat. Selbst als Hubert sich etwas von ihr abwendet reagiert Judith nicht duckmäuserich, wie erwartet, sondern wächst mit ihren Aufgaben, und diese sind gewaltig. Die 17-jährige Claudia macht was sie will, die 13-jährige Stephanie scheint nicht zu zähmen und der 8-jährige Oliver ist ein lieber, hilfsbereiter Junge, aber auch ein schüchterne und wortkarger Bücherwurm.

Meine Ausgabe ist 2013 erschienen, aber Universo / dotbooks hat scheinbar alle Romane von Annemarie Schoenle noch einmal verlegt. Dieser Roman spielt eindeutig vor über 20 Jahren, denn es wurde nicht nur die DM erwähnt: „Hat mich hundert Mark gekostet, dieser Duft.“ S. 206, sondern keinerlei Handies und Internet, nicht einmal Computer werden in dem Roman benutzt. Auf amazon sah ich eine Ausgabe mit 3. März 1998 als Erscheinungsdatum, aber nach meinem Empfinden dürfte die Story in den 70er oder 80er Jahren spielen. Die Namen, Claudia, Stephanie und Oliver für die Kinder, Willi für einen arbeitslosen, kriminellen 20-jährigen sowie Lilli für die Oma passt gut in diese Zeit. Viele kleine Hinweise, wie hautenge Jeans oder dass Turnschuhe bei Erwachsenen noch ein ziemliches NoGo waren („Der Turnschuh-Beamte“, wie Lilli, Judiths Kollegen, der Stephanie Mathe-Nachhilfe gibt auf S.125 nannte) und diverse Redewendungen (z.B. lahmer Heini, Grufti, scheintot) wurden damals von TeenagerInnen benutzt.

Die Story ist aus der Sicht eines auktorialer Erzählers geschrieben.

Schoenle hat mit Judith und Hubert glaubwürdige ProtagonistInnen erschaffen. Die Wandlung der Judith Uhland von der braven, grauen Maus zur flotten, emanzipierten Frau ist meiner Meinung nach sehr gut dargestellt. Diese Persönlichkeitsentwicklung ist meiner Meinung nach auch der Kern der Handlung, die Hauptaussage der Geschichte. Die Eingewöhnung der Kinder und somit auch das Verhältnis zwischen den Kindern und Judith fand ich auch gut gemacht, obwohl ich die Charaktere der Kinder und des Freunds von Claudia leider nicht so gut ausgearbeitet empfand. Als erstes ist mir dieser Mangel in den Gesprächen der Personen aufgefallen, bei denen Wortwahl, Satzbau und Redewendungen viel zu ähnlich sind. Bei Hubert und Judith evt. auch noch ihrer Mutter sehe ich die Ähnlichkeiten in der Ausdrucksweise ein, weil sie viel Zeit zusammen verbracht haben und alle ähnlich kultiviert sind, aber die Kinder benutzen höchstens ironisch die gleichen Worte und Redewendungen, wie die Erwachsenen, wenn die diese ärgern wollen. „Nun“ als Satzanfang oder Ein-Wort-Satz ist mir besonders stark aufgefallen und direkt danach, die Redewendung „lieber Hubert“, bzw. ein anderer Vorname. Wenn nach und nach alle diese Art zu reden haben, wirkt das unglaubwürdig / unecht. Insbesondere weil Claudias erster Freund ein absoluter Asi war (wie wir früher gesagt hätten), mit dreckigen Klamotten, Schweissgeruch und Bierfahne, der viel zum dumm zum argumentieren ist und ganz sicher nicht die gleiche Wortwahl wie die BeamtInnen nutzen würde. Andererseits hat Schoenle ihn so oft „Alte“ als Anrede zu seiner Freundin, Claudia, sagen lassen, dass auch dies sehr unecht wirkte. Auf S.180 lässt Schoenle diesen asozialen Willi über Claudia denken, „Sie sah irre aus. Sauber, glänzend und taufrisch.“, worüber ich absolut lachen musste, weil es so unecht wirkte. Die Verhaltensweisen und Veränderungen im Verhalten und ihren Einstellungen gegenüber Judith und Hubert fand ich glaubhaft. Obwohl viele der Personen im realen Leben so ganz und gar nicht mein Fall wären, hat Schoenle sie so geschrieben, dass sie mir fast alle mehr oder weniger sympathisch waren.

Das Buch ist an einigen Stellen ziemlich witzig geschrieben. („Selbst im Schlaf wirkte Huberts Gesicht noch beleidigt.“ S. 135) Es hat mich sehr schnell und bis zum Ende emotional angesprochen, so dass ich die Lektüre auf keinen Fall abgebrochen hätte, aber spannend war es nicht, also aus der Hand legen war nie ein Problem – zum Glück, denn die meiste Zeit habe ich das kleine Büchlein an Bushaltestellen, in Bussen u.s.w. gelesen, so dass ich es ständig wieder in die Tasche gesteckt habe.

Ein sehr großes Plus hat die Autorin von mir, weil sie Feministin oder wenigstens eine Emanzipation-Freundin ist, weil sie sich in vielen, wenn nicht sogar allen Büchern für Frauen stark macht. Beide Bücher, die ich von ihr gelesen habe, treten stark für Frauen ein, und deshalb würden mich auch die Lektüre weiterer Romane von ihr reizen.

Zuckerwatte mit Chili

Jana Voosen : Zuckerwatte mit Chili. Vergnügte Geschichten.

Dieses kleine Büchlein von 128 Seiten habe ich gekauft, als es auf 10 Ct. herunter gesetzt war. Viel falsch machen konnte ich dabei nicht, aber dieser Kauf war gold-richtig, ein absoluter Glücksgriff.
Die sieben Geschichten stehen unter dem Motto: Perspektivwechsel.

1. Das tapfere Ringelsöckchen
Eine wirklich bezaubernde Geschichte aus der Perspektive eines Ringelsöckchens, die mich oft zum Schmunzeln, mitunter auch zum Kichern, gebracht hat. Eine solche story könnte aus einer Übung zum kreativen Schreiben entstanden sein. Aufgabebstellung: Nehmen sie eine andere Perspektive ein, je fremder desto besser, z.B. Kafkas Käfer. Stellen sie sich genau vor, wie das Leben, mit seinen verschiedenen Stationen und wie ein Tag ablaufen würde….
2. Himmelsmächte
Hier geht es um das Sein nach dem Tod, aus der Perspektive eines jung aus dem Leben geschiedenen Menschens. Eine schöne Kurzgeschichte, die Satz für Satz ein Bild im Kopf entstehen lässt und immer ist es etwas anders als vermutet.
3. Leben statt lieben
Aus der Perspektive eines Tieres, welches es ist verrate ich euch nicht. Diese Story überrascht mit unerwarteten Wendungen.
4. Nach mir die Sintflut
Das war die einzige Story, die mir etwas weniger gefallen hat. Es geht um eine biblische Geschichte, die neu und anders erzählt wird.
5. Mutterschaft – fabelhaft
Aus der Perspektive eines weiblichen Kuckucks, einer werdenden Mutter, die ihr Ei nicht weg geben möchte. Eine absolut süße Geschichte,
6. Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?
Diese Story ist aus der Perspektive eines übergeordneten Erzählers geschrieben, ist deshalb aber nicht weniger originell. Es geht um die vier Jahreszeiten, die gemeinsam in einer Wohngemeinschaft leben, als eine von ihnen krank wird. Nicht nur die Jahreszeiten sind personalisiert, sondern auch die einzelnen Wetter. Mehr wird aber nicht verraten, nur dass es eine süße Geschichte ist.
7. Himbeertörtchen
Auch eine niedliche story, die aber an die anderen nicht heran reicht. Wie geht es wohl den Torten, die in einer Konditorei mit Kreativität und Liebe erschaffen werden, dann in einer Vitrine zur Schau gestellt werden und …?

Beate Rygiert : Bronjas Erbe

Ich bin immer noch dabei, einen SuB mit 10-Ct.-Sonderangeboten durchzulesen. Bei „Bronjas Erbe“ geht es um die Beziehung zwischen Polen und Deutschland, PolInnen und Deutschen, Opfern und TäterInnen sowie MitläuferInnen. Es geht um Vergangenheitsbewältigung und Biografiearbeit, geschildert an einem Einzelfall, der Geschichte von Beate Rygierts Familie, in dessen Fokus ihr Vater steht. Für sich selbst wählte Rygiert den Alias Ewa Zygler und thematisiert die Besonderheiten beider Namen, derer sie sich als Kind des kalten Krieges in Westdeutschland geschämt habe. Das polnische W in Ewa, zu Zeiten in denen Polen alles andere als beliebt war, und dieses offenkundig fremde Y im Familiennamen, was ihr immer die Frage nach dem woher einbrachte. Bronja ist ihre Großmutter väterlicherseits, die Ewa als kleines Mädchen sterben sah.

Ewa hat sich Zeit ihres Lebens nicht im Geringsten für Polen interessiert, auch nicht für die Familiengeschichte, aber sie hat ihrem Vater das Versprechen gegeben, mit ihm in seine Vergangenheit, nach Polen zu reisen. Er selbst wollte auch für sich noch einmal in die ehemalige Heimat, um zu sehen was fremdgeworden und ob noch etwas von damals geblieben ist, sowie um die Verwandtschaft zu besuchen. Janek Zygler ist bei Antritt der Reise per Wohnmobil bereits Rentner und Ewa Mitte 30.

Bronjas Erbe ist der Debutroman von Beate Rygiert und wird von einem übergeordneten Erzähler, aus wechselnden Perspektiven – Janek und seiner Tochter, Ewa – erzählt.

Die Familie Zygler hat deutsche Wurzeln, leben aber in Polen, einem Gebiet, dass die Russen, Deutschen und Österreicher bis nach dem 1.WK immer wieder neu unter sich aufgeteilt hatten. Als im 2.WK die Deutschen in Polen einfallen, wird es für die Zygler lebensnotwendig deutsch zu sein. Sie werden von den Nazis als Volksdeutsche klassifiziert. Janek heisst mit elf Jahren plötzlich Johannes, sein kleiner Bruder, Pawel wird nur noch Paul genannt und aus Bronja wird Brunhilde. Johannes darf kein Polnisch mehr sprechen, keinen Umgang mit Polen haben und muss in die Hitler-Jugend. Da ein Pole sein bester Freund war, hat er sich nicht 100%ig an das elterliche Umgangsverbot gehalten, aber der Freundschaft stand noch viel mehr im Wege.

Die Schreibe von Rygiert ist nicht ganz einfach zu lesen, weil sie Gramatik und Zeichensetzung zugunsten vielfältiger Emotionen , die sie ausdrücken möchte, hinten an stellt, z.B. die Überwältigung von Erinnerungen, die auf Janek einströmen, aber anfangs bruchstückhaft sind.
Mich hat diese Vorgehensweise desöfteren beim Lesen gestört, weil meine Aufmerksamkeit / Konzentration an ungewöhnlichen Stellen hängen geblieben ist. Dennoch habe ich weiter gelesen, weil mich die Thematik interessiert hat, und es hat sich gelohnt. Auf mich trifft das Desinteresse an Polen nämlich auch ein wenig zu. Obwohl es ein Nachbarland ist, und seit langer Zeit wieder ein Reiseziel sein könnte, war ich nie dort, bin ewig nicht einmal auf die Idee gekommen. Inzwischen habe ich immerhin schon drei Bücher (mit diesem) über Polen gelesen und denke daran, vielleicht mal eine kurze Reise nach Polen zu unternehmen.

Abschließend empfehle ich euch dieses Buch. Ich habe es übrigens aus Kik, diesem verrufenen Textil-Discounter. Dort gibt es oft Bücher für 1,-€ und die Universo-Bücher wurden noch zweimal herunter gepreist, bis sie bei 10 Ct. lagen und dort wo ich zuletzt gekauft habe, sogar in einer Kiste unter ein Regal geschoben wurden.

Kinsella : Frag nicht nach Sonnenschein

Originaltitel: My NotSso Perfect Life

Hallo fremder Mensch,
denkst du Karriereleute haben ein perfektes Leben? – oder wenigstens wenigstens die Schönen und Reichen, weil sie ständig reisen, die neuesten In-Restaurants und hipsten Events besuchen? Glaubst du, es gibt ein perfektes Leben? Dann wird dich der neue Roman von Sophie Kinsella vermutlich ansprechen.
Setzt du gerne eine Maske auf, kämpfst morgens im Badezimmer gegen deine Natur(locken, -augenbrauen, -hautfarbe …), weil du dich für so beschämend unperfekt hälst? Postest du Fake-Fotos auf Instagram, Facebook …, um deinem Leben etwas mehr Glamour zu verleihen, dich etwas besser darzustellen? Herzlichen Glückwunsch zu deiner Blödheit! Dein Niveau ist so bedauernswert unterirdisch, dass der Roman wie für dich geschrieben ist.
Meiner Ansicht nach ist „Frag nicht nach Sonnenschein“ ein Märchen für Erwachsene.
Und die Moral von der Geschicht:
Ein perfektes Leben gibt es nicht!
Na sowas, wer hätte das gedacht?! Sonnenschein ist das Synomym für Sonnenseite des Lebens/ das perfekte Leben. Eine Frage danach erübrigt sich also. Der englische Titel heisst „My not so perfect life“ und so nennt die Protagonistin auch ihren Instagram-Account, nachdem sie es kapiert hatte. Außerdem lernen dumme Menschen, sich nicht zu verstellen, sondern zu sich und der eigenen Natur zu stehen, weil nur dadurch Selbstbewusstsein entsteht.
Die story erinnert mich an eine Mischung aus „Verliebt in Berlin“ und „Der Teufel trägt Prada“ mit einer kräftigen Zugabe von Kuschelgeneration, bzw. haben die wichtigen Leute alle einen guten Kern oder wurden zuvor nur verkannt.

Für mich war es eine große Enttäuschung und mit Abstand das schlechteste Buch, das ich von Sophie Kinsella in den Händen hatte. Auch ohne Kinsella-Maßstab ein entsetzliches Buch, das ich vom Niveau her in die zweitunterste Schublade stecken würde. Ich glaube, nur die sog. Groschenromane haben ein noch schlechteres Niveau.

Die Protagonistin, aus deren Perspektive die Handlung erzählt wird, ging mir dermaßen gegen den Strich, dass ich mich beim Lesen manchmal für sie geschämt habe, manchmal das Gefühl hatte, meine Fussnägel würden sich nach oben rollen. Beides sind Emotionen, die ich hasse, weshalb ich diesbezüglich ziemlich nachtragend bin. Viel häufiger habe ich mir einfach nur an den Kopf gefasst. Außerdem empfand ich Katie von Anfang bis zum Schluss unglaubwürdig

Die 26-jährige Katie Brenner, ist auf einem abgelegenen Bauernhof aufgewachsen, hat Design studiert und einen Job als Aschenputtel ach nein das war Marktforschungsassistentin in einer Londoner Branding-Agentur gefunden. Ihre Arbeit wird so schlecht bezahlt, dass sie sich in London nicht mal ein Zimmer leisten kann, das groß genug ist, um einen Schrank hinein zu stellen. Es war ihr Traum, in London zu leben, aber sie lebt nicht in London, sondern existiert nur und träumt vom Leben. Das erklärt auch warum sie sich ständig mit den Leben von anderen Menschen beschäftigt; weil sie selbst kein eigenes Leben hat. Schon hier erscheint mir die Protagonistin und dementsprechend die Handlung völlig unglaubwürdig. Wäre Katie ein Landei aus dem hintersten Winkel Bulgariens oder Rumäniens, die in einer westeuropäischen Stadt unter erbärmlichen Bedingungen lebt…, kämen diese Existenzbedingungen glaubhaft rüber. Aber eine Akademikerin aus Westeuropa, in ihrem eigenen Geburtsland, kann doch unmöglich so würdelos sein. JedeR fängt mal klein an, meint Katie, die sich auf Arbeit Cat nennen lässt, aber sie wird von ihrer Vorgesetzten, der 45-jährigen Hexe, Demeter, gar nicht wahr genommen. Ihre Bemühungen, sich ins rechte Licht zu rücken, sind vergebens. Im Fahrstuhl lernt sie einen Prinz gutaussehenden Mann kennen, und es scheint zwischen den Beiden zu funken. Alex, der sehr selbstbewusst, (erfolgs-)verwöhnt und verspielt wirkt, hat es aber nicht mal nötig, sich richtig vorzustellen. Von einer Kollegin erfährt Katie später, er sei der Chef und Demeters Affaire. Auch er hat Katies Begabung und Begeisterung für Werbedesign gesehen, aber er scheint nichts und niemanden ernst zu nehmen. Plötzlich wird sie eiskalt entlassen. Der Kündigungsgrund ist nicht ganz klar. Sehr deutlich wird aber, dass Demeter und Alex ihren MitarbeiterInnen nicht einen Funken Menschlichkeit entgegenbringen. Hier hätte vom Handlungsverlauf sowie der Handlungsdichte ein Roman abgeschlossen werden können. Aber dann wäre es kein Märchen, sondern ein Drama geworden, zumindest so traurig und bitter, wie das echte Leben. Also geht es weiter. Denn ihr kennt ja alle diesen elenden und oft zitierten Spruch: Es ist erst zu Ende wenn es gut ist…

Katie hat Glück im Unglück. Ihre Eltern wollen aus ihrer Farm einen Glamping-Platz (glamping = glamour-camping) machen, weshalb sie Katie um Rat und Hilfe bitten. Katie zieht wieder in ihr Kinderzimmer ein und stürzt sich in Arbeit, indem sie die Werbung für den Glamping-Platz übernimmt sowie sich an allen Ecken und Enden nützlich macht. Aber auch damit hat der Roman noch lange nicht sein Ende gefunden, sondern die ersten 220 Seiten waren gerade erst der einleitende Teil 1.

Teil 2 wird mit den Problemen begonnen, dass die Heimkehrerin zu Hause ihre Kündigung verschwiegen hat und nicht zuletzt deshalb angestrengt aber vergeblich nach einem neuen Job sucht. Der Glamping-Platz läuft wirklich gut, weshalb es nicht lange dauert, bis die trendige Demeter, mit ihrer Familie, vor den Zelten steht. Oberflächlich, wie sie ist, erkennt sie Katie nicht wieder, und egozentrisch, wie sie ist, nervt sie auch als Urlauberin extrem. Demeters nerviges Buhlen um Aufmerksamkeit vergrößert die Gefahr, dass sie Katie doch noch erkennt und ihre Eltern von der verschwiegenen Kündigung erfahren, eröffnet aber gleichzeitig die Möglichkeit, sich an dieser Unperson zu rächen. Ich fand die Idee einer Rache erst ganz witzig, aber leider wird alles so übertrieben, dass es peinlich wird. – schlimmer noch: krank! Katie ist richtig besessen von Demeter, belauscht und beobachtet sie ständig. Fremdpeinlich ist auch Katies anmaßende Art, denn sie ist in Somerset mehr als selbstbewusst, sie mutiert zu Supergirl und erlaubt sich nicht nur über alles und JedeN permanent ein Urteil, sondern mischt sich überall ein. Z.B. nimmt sie sich heraus, Demeters Kindern (Teenagern) eine Standpauke zu halten, weil sie ihre Meinung über ihre ehemalige Chefin geändert hat. Aus der oberflächlichen, verwöhnten Egozentrikerin ist in Katies Hirn eine liebende und leidende Ehefrau und Mutter geworden. Super-bescheuert! Als wüsste eine 26-jährige, studierte Frau nicht, dass jeder Mensch mindestens zwei Gesichter hat. Trotzdem ist Katie in Somerset Supergirl.*kotz* Sie kann alles, weiss alles…
Die Gefahr, mit ihren Lügen aufzufliegen wird für Katie größer – Diese Sache ist ganz spannend – und noch größer als kurz darauf auch Alex auftaucht, der sich sofort an sie erinnert. Zwischen den Beiden funkt es wieder, oder…?

Wird Katie etwas mit Alex…?
Was ist mit Alex und Demeter?
Wird Demeter sich an Katie erinnern, sie wieder erkennen?
Wird Katies Vater von ihren Lügen erfahren?
Bleibt Katie auf dem Glamping-Platz?
Und wie geht es mit ihren Bewerbungen weiter?

All diese Fragen und noch mehr werden sich noch stellen… Die Handlung oft unrealistisch bis hanebüchen. Im Handlungsverlauf treten mehrfach unerwartete Wendungen ein, von denen ich einige unrealisch oder blöd fand.
Der Schluss zieht sich in die Länge wie ein überdimensionaler Kaugummi – ohne Geschmack versteht sich.
Katie, die vieles gelernt hat, macht natürlich alles anders und richtig.

Also für mich ist das keine Sophie Kinsella! Es war auch der letzte Roman, den ich von ihr gekauft habe. Wenn in Zukunft jedes Buch ein neues Experiment ist, leihe ich in Zukunft lieber aus der Bibliothek!