Ich könnte das nicht.

Florentine Degen : Ich könnte das nicht. Mein Jahr im Hospiz

Ich kann das nicht (mehr) weiterlesen, habe ich manches mal gedacht. Aber mit vielen Pausen und in kleinen Häppchen habe ich die Lektüre doch beendet – und ich möchte sagen, es hat sich gelohnt.

Es handelt sich bei diesem Buch um ein biografisches und dokumentarisches Werk. Nach ihrem Abitur absolvierte Florentine Degen ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Hospiz. Das Buch beinhaltet schwer verdauliche und auch oft bittere Kost. Dennoch finde ich das Thema für jeden Menschen wichtig, denn wir werden alle älter, jedes Leben endet tödlich und eine gewisse Lebensplanung gehört meiner Meinung nach dazu. Zumindest sollten wir alle informiert sein.

Obwohl vor ca. 7 Jahren bereits um die 150 Sterbehäuser in Deutschland existierten, wurden diese Orte und das gesamte Thema drumherum immer noch tabuisiert sowie mit schrecklichen Dingen assoziiert. So wurde Degen auf einer Fortbildung von anderen FSJlerInnen gemieden, hinter ihrem Rücken „…als herzlos. Als jemand, der auf Tote steht.“ (S.64) bezeichnet und es hieß für gewöhnlich „die Florentine und ihre Zombiearmee“ (S.63), wenn über sie getratscht wurde. Bei den FSJlerInnen steht die Arbeit mit Kindern hoch im Kurs, das Alter dagegen wird gemieden und der Tod erst recht.

Degen hat sich ihre Erlebnisse und Gedanken jeden Abend von der Seele geschrieben. Das Buch ist wie ein Tagebuch in tägliche Kapitel untergliedert, mit Überschriften 1. September bis 14.August, jedoch ist nicht exakt für jeden Tag ein Kapitelchen zu lesen (z.B. geht es nach dem 12.11. erst mit dem 16.11. weiter) und die Einträge unterliegen keinem sich regelmäßig wiederholenden Schema. Infos zum Alltag und zur Arbeit finden sich am Anfang des Buches, später erzählt sie mal von der gemeinsamen Zeit mit einzelnen Gästen, mal von besonderen Begegnungen, von besonderen Gesprächen, aber auch Konflikte im Kollegium und sie macht sich Gedanken über ihr eigenes Verhalten – immer das aktuell besonders Bemerkenswerte. Im Verlauf des Jahres ist zu merken, wie Degen sich verändert. 1. Sie hat nicht mehr für jeden Gast genau so viel Geduld, Verständnis und Freundlichkeit. Manchmal reagiert sie ziemlich hart – sehr genervt oder auch mal böse 2. Die Arbeit scheint ihr ziemlich an die Substanz zu gehen. Während eines kurzen Urlaubs genießt sie im Freibad ganz bewusst das Kindergeschrei. 3. Je mehr sich das FSJ dem Ende zu neigt, desto weiter scheint sie sich auch dort weg zu wünschen.

Außer den fast täglichen Einträgen enthält das buch sog. Kästen, mit der Anmerkung „nebenbei“, die Degens Gedanken zu einem speziellen Thema, wie z.B. „Ekel“ (S. 37), „Angst“ (S. 53) oder auch große, grundsätzliche Themen wie „Sterbehilfe“ (S.246ff) enthalten. In einem dieser Kästen, „Das Experiment“, beschreibt sie einen Selbstversuch, den ich sehr gut finde. Degen will wissen, wie es sich anfühlt, Windeln zu tragen. Sie probiert zwei Arten, findet beide ganz entsetzlich und hat sogar Alpträume davon. (S.96ff)

Windeln heissen übrigens nicht nur beschwichtigend Inkontinenzmaterial, sondern auch geschlossenes System.
Die Füllung der Windeln oder auch Erbrochenes wird verharmlosend als Verdauung bezeichnet
Den vollgeschissenen Arsch abwaschen = Intimpflege
Waschen = Pflege
Füttern = Anreichen

Zwei unangenehme Dinge sind mir von Anfang an aufgefallen: 1. würdelose / herabwürdigende Behandlung und 2. auch im Hospiz haben die Schwestern oft zu wenig Zeit. Das Besondere des Hospizgedankens ist verglichen mit Seniorenheimen und Krankenhäusern, dass mehr Personal zur Verfügung steht, damit die alten Menschen in ihrer finalen Phase nicht sich selbst überlassen, sondern in den Tod begleitet werden, und somit der Sterbevorgang möglichst human und würdevoll gestaltet wird. Auch werden Hospize eher in kleinen Häusern eingerichtet, damit gar nicht erst der Eindruck einer Massenabfertigung entsteht, sondern im Gegenteil alles etwas persönlicher und wohlfühliger anmutet.

Würdelos:
Degen berichtet, wie eine Schwester die Windel einer Dame öffnet und ausruft: „Oh, da ist aber einiges gekommen – wunderbar.“ (S.14) Ich glaube, mir wären die Tränen gelaufen, wenn ich mich so behandeln lassen müsste.
In dem folgenden Fall hat die Bewohnerin selbst gehandelt und gesprochen: „Sie zog die Hosen herunter und lächelte müde:>>Wie ein Baby.<<“ (S.85) Das zeigt aber sehr gut, wie unwohl sie sich in ihrer Situation fühlt.
Schwester Agnes sagt bei dem Wechseln einer Windel: „…Hier drinnen stinkt’s, ne?“ (S.160)
Schwester Christine sagte zu Degen „>>Komm zackig! Mach ihn rein ins Bett…“ (S. 175)
„Während Bianca die Scheiße wegwischte, … >>Na, nicht meckern! Da muss man sich bedanken!<<, sagte sie der Wimmernden, während Bianca Penatencreme auf ihre Pobacken schmierte.“ (S.189)
Eine Ehrenamtlich wischte in einer Art Wohnzimmer oder einer gemütlicher Ecke Staub, was an sich schon nicht ganz richtig ist, denn Staub wischen ist die Arbeit von Reinigungskräften und Ehrenamtliche sind – wie auch Maßnahmen vom JobCenter – zusätzliche Einsatzkräfte. Zusätzlich heißt, sie dürften keine Tätigkeiten der Angestellten ausüben, weil sie keine Arbeitsplätze vernichten / ersetzen sollen. Schlimmer und für den Absatz „würdelos“ sind aber die Worte dieser Ehrenamtlichen: „>>Ich musste sie mitnehmen<<, rief sie mir zu. >>Sie gibt ja sonst keine Ruhe.<<“ Die Seniorin hatte diese Worte gehört und der Ehrenamtlichen hinterm Rücken wenigstens die Zunge herausgestreckt, um Degen gegenüber ihr Missfallen auszudrücken. (S.208)
„Sie sind Demütigungen gewohnt. Sie sind es gewohnt, schnell herumgeschoben und liegengelassen zu werden.“ (S.220)

Keine Zeit:
So wie Degen den Alltag im Hospiz beschreibt, ist der Personalschlüssel – wenn auch besser – noch lange nicht ausreichend, so dass immer noch Akkordarbeit geleistet wird. Diese Tatsache kommt in der gesamte Dokumentation immer wieder zur Sprache. In einer Dienstphase sind für gewöhnlich zwei bis vier Schwestern und FSJlerInnen (S.219) Im Januar waren vier FSJlerInnen im Team, wogegen es seit Anfang Juli nur noch zwei waren, was dem Spätdienst zu Lasten ging. (S.232) Manchmal kommen Ehrenamtlich dazu.
„Sie wollte auf ihr Zimmer. Keine Schwester hatte Zeit.“ (S.73)
Degen führte gerade ein sensibles Gespräch mit einem Senior. „>>Ich brauch dich!<<, rief Christine und riss die Tür auf.“ (S. 175)
„Seinen Höhepunkt erreichte der Stress … Als ein Mann halb angezogen auf dem Bett saß, zwei Zimmer nach mir klingelten und zwei Schwestern ebenfalls meine Dienste beanspruchen wollten.“ (S. 176)
„>>Irgendwer sollte ihn begleiten<<, fügte sie leise mit Blick auf den vor Angst blassen Mann zu. >>Aber wer hat Zeit?<<“ Das war als ein Krankenwagen bestellt war, weil ein Mann sich bei einem Sturz die Schulter ausgerenkt hatte, unter Schmerzen und Angst litt. (S.179)
„Wie soll man den Hospizgedanken verwirklichen, wen man nur Zeit hat, hastig zu pflegen und Kleinigkeiten nachzukommen?“ (S.234)

Aber es gibt auch positive Äusserungen: Z.B. sagt ein Senior, er fände es unglaublich, dass die Angestellten sich vergleichsweise viel Zeit für ihn nehmen, wogegen er im Krankenhaus kamen immer nur Befehle gehört habe. „Wer aus einer Palliativstation in dieses Hospiz kommt, fühlt sich wie im Paradies.“ (S.219)
„Dass unsere Gäste erstaunt sind über die Feundlichkeit und die Zeit, die wir uns für sie nehmen, ist traurig.“ (S.220)

Bei diesen Schilderungen habe ich wirklich Angst bekommen, jemals in so einer Einrichtung auf den Tod warten zu müssen. Nicht nur Angst vor einem Hospiz, sondern insg. Angst, in einem Heim für kranke, alte und/ oder sterbende Menschen leben zu müssen, weil ich dem Personal nicht hilflos ausgeliefert sein möchte. Das habe ich durch diese Lektüre deutlich gemerkt. Je älter und hilfloser mensch wird, desto weniger besteht die Möglichkeit, selbst Schluss zu machen. Egal ob ich das Sterben in Würde als Märchen oder als unerreichtes Ideal interpretiere, finde ich es doch beängstigend. Dort, in dem Hospiz könnte ich nicht mal absichtlich verhungern, weil sie den Todkranken einfach eine Sonde in den Magen schieben. Allerdings konnte ich dem Buch entnehmen, dass es möglich ist, mit dem Personal einen Dämmerzustand zu vereinbaren. D.h. sich in einen Dämmerschlaf versetzen zu lassen, bis der Tod eintritt. Es heißt, von Leid und Sterben wäre dann nichts mehr zu bemerken. „Sterbehilfe ist verboten. Dämmerhilfe nicht.“ (S.221)

Das Buch lässt sich gut und schnell lesen, allerdings nicht gemütlich beim Knabbern von Chips oder Keksen, denn viele Stellen sind eklig. Schnell lesbar ist das Werk durch den Schreibstil, aber die schweren Inhalte wirken der Geschwindigkeit stark entgegen. Oft brauchte ich erst mal eine Pause zum Nachdenken oder wollte mich ablenken. Zwischenzeitlich dachte ich auch mindestens zweimal, ich würde nicht mehr bis zum Ende lesen. Der Schreibstil hat mir überwiegend gefallen, weil er ziemlich ausdrucksstark ist. Kurze Sätze bringen viele Fakten, Aussagen und Gefühle knackig zackig auf den Punkt, spitzen Eindrücke und Emotionen zu, aber dieser Stil kann auch überstrapaziert werden und nutzt sich dann ab. Degen wählt oft direkte, unschöne Worte, um einen Sachverhalt unverblümt auszudrücken, und so wie ihn JedeR versteht, anstelle mit Fachvokabular zu beschönigen. Schonungslos offen und ehrlich sowie anrührend zu gleich!

Abschließend noch eine Anmerkung zu den überwiegend sehr negativen Rezensionen auf amazon, die ich ebenfalls gelesen habe. Die RezensentInnen haben sich fast alle als Fachkräfte geoutet. Einige haben zugegeben, das Buch nicht zu Ende oder nicht allzu viel darin gelesen zu haben, bei anderen steht dies zu vermuten. Ich denke, für Pflegeberufe im Seniorenbereich ist es schwer, mit dem Beruf, den Belastungen und den – eigenen – Ansprüchen klar zu kommen. Dann kommt einfach so ein junger Mensch, und maßt sich Beurteilungen und Meinungen an. … Ich denke mal, ihr wisst was ich meine.

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Charlotte Link : Schattenspiel

Heute mal eine Rezension, die vermutlich kein Mensch benötigt, denn das Buch ist über ein Viertel Jahrhundert alt. Schattenspiel ist der fünfte Roman der Bestsellerautorin und Tierschützerin, Charlotte Link, und erschien 1993.  Der psychologischer Spannungsroman, spielt zur Jahreswende 1989/90 überwiegend in London und New York.

Bis S. 47 werden die Personen eingeführt, was eher beschreibend als erzählend ist, sich aber trotzdem gut liest. Wir erfahren, warum David, der laut Klappentext bald sterben wird, zu seinem Charakter gekommen ist. Anfangs erscheint er gar nicht so schrecklich, wie er im Klappentext und vorne beschrieben wird. Laura ist seine junge Geliebte, die nicht zu ihm passt und in den Verdacht gerät, ihn nicht zu lieben. Gina, Natalie, Mary und Steven sind ehemalige Freunde aus Davids Internatszeit, in London. Leider werden auch Personen langwierig eingeführt, die im Verlauf kaum bis gar keine Rolle mehr spielen.

Nachdem Davids Leiche gefunden und die o.g. fünf Personen verdächtigt wurden, widmet sich der zweite Teil der Vergangenheit, insbesondere dem von David beeinflussten Schicksal der Personen. David hat vorab jede dieser Ereignisse aus seiner Sicht niedergeschrieben und für den Fall seiner Ermordung für die Kriminalpolizei hinterlegt. Nun lernen wir die vier Schulkameraden von David tiefgehend kennen, von der Kindheit bis zu dem Erlebnis mit David, dass ihr Leben jeweils aus der Bahn geworfen hat.

In Marys Fall war sein Fehlverhalten der Auslöser einer Reihe unglücklicher Geschehnisse und Entscheidungen. David hatte nicht vorhersehen können, wie gründlich Marys Leben versaut sein würde. Mary hätte aber jeden Tag entscheiden können, ihr Leben zu ändern, es selbst in die Hand zu nehmen. Viele andere Mädchen hätten sich ihr Leben einfach nicht verderben lassen, sondern Initiative gezeigt.

Im Falle von Steve war Davids Verhalten nicht eindeutig zu beurteilen. Auch Steves Leben war zerstört, zumindest sein angestrebter Lebensentwurf. Wäre Steve weniger verwöhnt und sensibel, hätte er sich eine andere Nische im Leben erkämpfen können.

Im Falle von Natalie stand Davids Verhalten – wie auch schon bei den beiden anderen – wieder im Zeichen der Panik. Dennoch ist es fast unmöglich, Verständnis für ihn aufzubringen, geschweige denn ihm zu verzeihen. Natalie ist eine besonders intelligente, begabte und karrierebewusste Journalistin in ihrem ersten Job. Letztendlich gerät sie durch David in eine Psychose und ihr Beruf steht auf der Kippe.

Nur Gina fehlt noch. Sie weiß, was David ihren Internatsfreunden angetan hat. Am liebsten, würde sie nie wieder etwas mit ihm zu tun haben, zumal sie sich mit den beiden Jungs aus der Clique nie befreundet gefühlt hat. Als David sich bei ihr meldet, empfängt sie ihn, um ihn nicht zu verärgern. Da er Ginas Unbehagen und Ablehnung bemerkt, bedroht er sie – jedenfalls fühlt sie sich bedroht. Aber hat er wirklich drohen wollen oder wollte er sie nur erschrecken, weil er sich abgelehnt fühlte, oder war es einfach nur Geschwätz von ihm?

Im dritten Teil wird die Biografie der vier Freund nach der schicksalhaften Wende weitererzählt. Was haben sie aus sich gemacht oder machen lassen.

Der Roman wird aus einer übergeordneten Perspektive erzählt. Das fiel mir beim Lesen immer wieder auf, weil es heute weitgehend üblich ist aus eine Ich-Perspektive zu schreiben. Die Teile über Personen, die nicht in oder um ihr Leben kämpfen, sondern alles hinnehmen und höchstens darüber jammern, wirkten auf mich wesentlich langweiliger und uninteressanter als die Kapitel von aktiven, kämpferischen Personen. Ich glaube, die meiste Zeit wurde Gina gewidmet, die meiner Meinung nach auch die interessanteste Person ist. Die Sprünge durch Zeiten und Orte sind gut verständlich.
S.398 vorhersehbar (Entwicklung von Steve)
S.323 vorhersehbar
S.387 unerwartete Wendung
S.391 Ich spüre etwas, ein Unbehagen, und ahne eine weitere Wendung, die mich dann nicht so unerwartet treffen würde, wie sie es wohl sollte.
S.392 genau die (un-)erwartete Wendung trifft ein
Der Roman ist außergewöhnlich lang, aber ich war relativ schnell drin und irgendwann hat sich so ein Gefühl eingestellt, mit dem ich wohl ewig weiterlesen gekonnt hätte.

Die Lügen, …

Judy Blundell : Die Lügen die wir erzählten

Heute geht es mal wieder um ein Buch, dass ich für 1,-€ auf dem Grabbeltisch eines 1-€-Shops erstanden habe. Es ist ein historischer Roman, der 1947 in den USA spielt und aus der Ich-Perspektive der 15-jährigen Evi erzählt wird. Evis Familie besteht aus ihrer auffallend hübschen Mama, die sie bei jeder Bewegung beobachtet, in der Hoffnung als Erwachsene genauso elegant und damenhaft zu sein, ihrem Stiefvater, in den sie sich mit ihrer Mum gemeinsam verliebt hat und dessen ungeliebter Mutter, dem Schwiegermonster in Person. Joe Spooner hat Evis Mutter geheiratet und sie adoptiert, bevor er sich bei der Armee meldete um gegen die Nazis zu kämpfen. Er kam nicht nur unversehrt, sondern reich zurück und eröffnete mehrere Geschäfte. Nun sollte alles besser werden, die Menschen waren allgemein in Aufschwungstimmung. Plötzlich wollte Joe von Queens nach Miami Beach umziehen. Schnell wurden neue Bekanntschaften geschlossen, wobei ein 23-jähriger Peter im Fokus stand. Evi verliebte sich in ihn, ihre Mutter hatte eine Affaire mit ihm und Joe reagierte ungewöhnlich aggressiv auf Peter, der widerum an Joes Fersen zu hängen schien. Letzteres bemerkte Evi erst spät, aber gerade noch rechtzeitig, um bei Peter nachzufragen, denn er starb kurz darauf. Peters Tod brachte nochmal eine ganz neue Dynamik in den Roman. War es ein Unfall? Zu dieser Frage haben die Lesenden bereits ein Gefühl entwickekt. Evis Familie droht auseinander zu brechen. Warum und wie es weiter geht verrate ich euch nicht.

Ich kann mich nicht daran erinnern, bereits Romane aus der USA, der direkten Nachkriegszeit gelesen zu haben. So war es für mich ein Schock, mit welcher Selbstverständlichkeit Juden in den USA augegrenzt wurden. Ein jüdisches Ehepaar wird aus einem Hotel herauskomplimentiert, da Juden ebenso wie Schwarze wissen mussten, dass sie nicht in die Hotels der weissen Nicht-Juden durften. S.139
Der Roman lässt sich flüssig und sehr schnell lesen. Es ist mal etwas Neues und interessant, die Perspektive einer Teenagerin aus dieser Zeit nahe gebracht zu bekommen. Aus der aktuellen Zeit ist es normal, dass aus der Ich-Perspektive von Jugendlichen berichtet wird, so dass es irgendwann langweilig wird, immer die gleichen Teenager-Sorgen zu begleiten. Als die Story an Fahrt aufnimmt, geht es nicht mehr nur um Evi, sondern auch um die von ihr genau beobachteten Erwachsenen. Daher ist das Buch meiner Meinung nach kein reiner Jugendroman, sondern ein Familienroman, mit integriertem Krimi. Zum Schluss fand ich den Handlungsverlauf durchaus spannend.

90 Nächte 90 Betten

Christine Neder : 90 Nächte 90 Betten. Das Tagebuch einer Couchsurferin

Christine Neder war 25 Jahre alt, als sie 2011 ihr Tagebuch, über ihre Extrem-Couchsurfing-Zeit (erst als Blog und dann auch) als Buch veröffentlichte.

Couchsurfing ist ein Gastfreundschafts-Netzwerk im Internet, auf dem ein Platz zum Übernachten angeboten, gesucht und bewertet werden kann. Das Travel-Social-Network existiert heute noch und zusätzlich könnt ihr auf einer entsprechenden Wikipedia-Seite nähere Informationen über die Couchsurf-Community einholen.

Neder wurde aus der Not heraus zur Extrem-Couchsurferin.  Sie hatte in Berlin einen Praktikumsplatz für drei Monate ergattert, aber natürlich keine Bleibe. Bereits 2010 war es in der Millionenmetropole sehr schwer, v.a. in der Innenstadt nahezu unmöglich, bezahlbaren Wohnraum zu mieten. Aber als gerade fertig studierte Modedesignerin ist auch der Berufsstart so schwer, dass die Jungakademikerin froh über das Praktikum war – auch wenn es nur sehr schlecht entlohnt wurde. Unklar, wie sie die Zeit in Berlin überstehen sollte, war das Couchsurfen eine rettende, aber auch verrückte Idee. In ihrem Freundeskreis wurde die Idee erst gar nicht ernstgenommen und ein fränkischer Hotelier habe später zu Neder gesagt: „Saga ma, warum machsde denn so a Gschmarri? Mussde doch wiss, dass de da überfalln wirst, wende bei främde Leud schläfst.“ (S. 181) Das hätte ich – wenn auch nicht auf fränkisch – sinngemäß auch gesagt. Ich selbst hätte mich nämlich niemals in dieser Community angemeldet, weil ich niemals einen Fremden in meine Wohnung lassen würde, geschweige denn mich ohne Begleitung in eine fremde Wohnung zu begeben. Das ist aber auch eines der Themen, bei denen ich besonders laut fluche, eine Frau sein zu müssen. Als Mann würde ich vermutlich das Couchsurfen ausprobieren. Dieser latente Wunsch hat mich wahrscheinlich auch neugierig auf das Buch gemacht. Ausserdem bin ich fast immer neugierig auf verrückte und ausgefallene Ideen, sonst hätte ich nicht Michaels Holzachs Deutschland Umsonst (Holzach beschreibt eine Wanderung durch Deutschland ohne Geld.) und René El Khazrajes Alles Auf Eine Karte (El Khazrajes hat seinen Mietvertrag gekündigt und dieses Geld in eine Bahnkarte 100 investiert, so dass er ein Jahr in der Bahn „lebte“.) gelesen.

Aus ihrer Notlösung hat Neder kurzerhand ein Projekt  gemacht. Behufs diesen Zweckes hat sie sich spezielle Regeln auferlegt und darüber täglich auf ihrem Blog  berichtet. Es ging ihr nicht mehr allein darum, das Praktikum zu bewältigen, ohne auf der Strasse oder im Auto zu schlafen. Nun hatte sie sich vorgenommen 90 Tage lang, jede Nacht auf einer anderen Couch, bei einem anderen Gastgeber zu übernachten. Ich stelle es mir zwar sehr interessant vor, in einen Mikrokosmos nach dem Anderen einzutauchen, aber bei Neder bin ich mir unsicher, ob ich sie für ihren leichtsinnigen Mut bewundern oder bemittleiden soll. Neder schreibt auf S.295 über den Sinn und Zweck ihres Projekts, sie hatte erfahren wollen, wie es sich anfühlt, immer unterwegs zu sein, kein zu Hause, keine Privatsphäre, keine Rückzugsmöglichkeit zu haben.

Letztendlich hat sie die drei Monate fremdschlafen unbeschadet überstanden. Sie wurde auch nicht angegraben, geschweige denn belästigt. Einmal hatte sie Angst, aber unbegründet. Das war in der 76. Nacht, bei einem bigamen Fotografen aus der SM-Szene, dessen zwei Freundinnenfür ihn die Sklavinnen spielen. (S.260) Einmal kämpfte sie gegen das Bedürfnis, die Flucht zu ergreifen. Das war die 51. Nacht in einem Van, der nur die Größe eines Eiswagens hatte und sehr vollgestellt war. Hier ein paar Fotos. Viele Gastgebenden hatten ihr angeboten, mehrere Nächte zu bleiben oder noch mal wieder zu kommen, was sie mit Verweis auf die sich selbst auferlegten Regeln ihres Projekts abgelehnt hat. Jede Nacht eine andere Couch! Ihre Schlafplätze hat Neder nicht nur über die Couchsurfing-Community erhalten, sondern auch über Facebook sowie studivz und seit dem 34. Tag wurde sie auch direkt oder über ihren Blog angemailt, weil Leute ihr Projekt interessant fanden. Zugute kam ihr dabei ein recht schnell erwachtes Interesse der Medien. Bereits nach der 15. Nacht erhielt sie ein Radio-Interview (S. 58ff), nach der 30. Nacht TV-Aufnahmen (S. 103f), Am 34. Tag erschien ein Bericht im SpiegelOnline, durch den Neders Popularität sprunghaft  anstieg, außerdem durfte sie fortan eine wöchentliche Kolumne im Spiegel Online schreiben (S. 114); nach der 38. Nacht RTL (S. 120); die 49. Nacht verbrachte sie bei einer Journalistin vom Tagesspiegel, die ihre Gastfreundschaft, mit dem Hintergedanken an einen Artikel, angeboten hatte (S. 158f); für die 54. Nacht  bekam sie den Gastgeber von einem Kamerateam vermittelt, das über Nacht dabei blieb (S. 187f). Neder meint selbst, sie hätte ihr Projekt bis auf eine Ausnahme geschafft. (S. 303) Da muss ich als aufmerksame Leserin widersprechen, denn abgesehen von den eben aufgezählten Erleichterungen hat sie folgende Nächte nicht nach ihren Regeln verbracht. Nach 44 Tagen hat sie sich eine Auszeit von zwei Nächten im Hotel, Die Fabrik, genommen (S. 146); Nacht 52 hat sie in der Pension, Hotel Charlottenburg, verbracht (S. 179);  die 57. und 58. Nacht hat sie, bei ihrem Freund Paul, in München übernachtet (S. 200 und 203); die 59. Nacht hat sie auf zwei Sitzen der Deutschen Bahn verbracht (S. 179); zum Zwecke einer Bewerbung ist sie nach Bochum gefahren (S. 218) und die 26. Nacht hat sie bei ihrer Praktikantinnen-Kollegin verbracht (S. 92f) – also gar nicht übers Internet.

Es gab einige Highlights bei den Gastgebenden. Dazu würde ich neben der 51. Nacht in Mierniks Van (S. 168ff), die 79. Nacht bei einer Inderin (S. 271f) und die 88. Übernachtung im Hinduistischen Tempel in Berlin Mitte (S.301ff) zählen. Bemerkenswert ist auch, wie klein die Welt manchmal erscheint, so dass Neder zwei mal zufällig auf Leute trifft, die sie bereits kannte. Die 71. Nacht (S. 240ff), die 83. Nacht bei ihrem Ex (S. 284ff) und in einer weiteren Nacht stellt sie fest, bei einem Kumpel einer ehemaligen leider-nur-Affaire gelandet zu sein.

Wozu das Buch kaufen, wenn der Blog kostenlos im Netz zu lesen ist? Das Buch ist textbasiert und enthält wenig Fotos, die der dekorativen Gestaltung dienen, aber wenig aussagkräftig sind, zumal sie mehrfach verwendet werden. Die Blogposts zu 90 Nächte 90 Betten dagegen haben den Schwerpunkt Fotografie, häufig sind nur ein bis zwei Sätze unter jedem Foto, jedoch auch einige Texte. Aber ich habe leider auch einige Doppelungen in Blog und Buch gefunden. Der Blog ist auf jeden Fall interessant und empfehlenswert. Ich habe Lilies Diary jetzt erst – durch das Buch – kennengelernt. Das Buch würde ich an eurer Stelle gar nicht oder höchstens gebraucht kaufen, denn es ist auch in Bibliotheken vertreten. Ich habe es in Berlin, sogar im Bezirksteil Kreuzberg, in der Biografie-Ecke von zwei verschiedenen Bibliotheken gefunden. Außerdem handelt es sich wieder um den Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, von dem ich viele Bücher – wie z.B. Piercing is not a crime, Schulfrust, Einsatz am Wurstregal – für 1,-€ auf einem Grabbeltisch bei kik erstanden habe. Dort könntet ihr also auch nach diesem Buch suchen.

Durch Neders Blog und ihrer Präsenz auf allen Neuen Sozialen Medien lässt sich auch die Frage beantworten, die sich mir nach der Lektüre gestellt hat. Was ist eigentlich aus der jungen Modedesignerin nach ihrem Bekanntwerden und der Buchveröffentlichung geworden? Neder war die erste Extrem-Couchsurferin und wusste offenkundig, die Möglichkeiten der Social Media Kanäle sowie das Medieninteresse für sich zu nutzen. Aus diesen zufälligen und glücklichen Umständen hat sie scheinbar das Beste gemacht. Heute arbeitet sie nicht als Modedesignerin, sondern ist eine selbstständige 1000sasserin im medialen Bereich. Schreiben, Reisen, Werbung, Seminare, Networking, Fotografieren, Filmen, Bild- und Filmbearbeitung sind ihre Tätigkeiten. Reisen und Neue Soziale Medien / web 2.0 sind ihre Themen. Sie selbst bezeichnet sich (auf ihrem Blog und Wikipedia) als Autorin, Redakteurin, Kolumnistin, Social Media Managerin, Online Communication Managerin und Bloggerin.

Zoë Marriott : Frostblüte

Frostblüte ist der Debutroman von Zoë Marriott, wurde 2013 veröffentlicht und ich habe es 2017 für 1,-€ auf dem Grabbeltisch eines Ramschladens, erstanden. Es handelt sich um einen das Genre Romantasy. Bei diesem Fantasyroman ist weder High- noch Urbanfantasy wirklich zutreffend. Die Beschreibung der Personen lässt auf Menschen schließen, nur die Hautfarben sind teilweise anders. Die Lebensweise (Dörfer, Königreiche, Heiler, Schwerter, Armbrust) wirkt archaisch.
Frost, eine junge Frau, ist die Hauptpersonen, die sich als Einzelgängerin in Gestalt einer wandernden Tagelöhnerin durchs Leben schlägt. Nirgendwo möchte sie Wurzeln schlagen und die Menschen näher kennenlernen, weil sie immer nur schlechte Erfahrungen gemacht hat. Sie hat das Problem, gleichzeitig Mädchen, bzw inzwischen Frau und Wolf zu sein. Ich war sehr auf Werwolf fixiert und habe erst spät kapiert, dass der Wolf in Form einer Wolfsseele in der Frau lebt. Sie hat also mehrere Seelen. Der Wolf verhält sich solange ruhig, bis seinem Wirtskörper Gefahr droht. Wenn Frost z.B. blutet oder gewürgt wird, übernimmt der Wolf das Kommando. Dadurch verwandelt die Frau sich aber nicht, sondern beginnt sich im Kampf wie ein Wolf in Frauengestalt zu verhalten. Sie heult und knurrt z.B. oder springt und beisst wie ein Wolf… Sie wird also zu einer starken Kämpferin, aber auf ihre „Mit“menschen wirkt sie wie ein Ungeheuer. Daher musste ihre Mutter immer wieder mit ihr fliehen, so dass sie von klein auf immer auf der Flucht oder eine Aussenseiterin war.
Bei ihrer Wanderung gerät Frost in ein umkämpftes Gebiet. Der Anfüher einer Soldatengruppe bietet ihr die Aufnahme in seine Truppe an. Meint er das ehrlich? Sein Stellvertreter würde sie lieber heute als morgen töten. Kann sie diesen Mann überleben? Frost weiss nicht, was sie machen soll. Eine vertrackte Situation, die einiges an Spannung enthält. Aber dabei bleibt es nicht, schließlich befinden sie ich in einem Kampfgebiet. Es geschieht also einiges, aber der Roman ist nicht nur actionbasiert. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, so dass sie in ihrer Tiefe glaubwürdig und sehr sympathisch sind, und auch für die Liebe ist noch Platz.

Der Roman wird durchgehend aus der Perspektive von Frost erzählt. Ihre Erinnerungen und Gedanken sind kursiv gedruckt. Es ist manchmal schwer, den Wechsel von Gedanken und Beschreibung aus der Ich-Perspektive nachzuvollziehen, da die Ich-Perspektive logischerweise von ihren Gedanken geprägt ist. Abgesehen von diesem Problem lässt sich der Roman einfach und sehr schnell lesen. Über weite Teile ist die Handlung spannend, aber auch die liebgewonnenen Personen, haben mich bei der Stange gehalten. Ganz zum Schluss war ich genervt von zu viel Pathos. Ansonsten ein gutes Buch, gerade für den Preis von nur 1,-€.

Dolan : George

John Dolan : George. Der Hund, der mir das Leben rettete.
Den Originaltitel finde ich passender: George. The dog, who changed my life.
„Als George in mein Leben trat, hatte ich mehr als dreihundert Vorstrafen angesammelt und über dreißigmal im Knast gesessen.“ S.158

Es handelt sich um ein autobiografisches Buch, mit dem Erscheinungsdatum 2014, deutsch 2015. Als ich den Klappentext las, dachte ich, John Dolan wäre in den typischen Teufelskreis, aus Problemen, Drogen, Beschaffungskriminalität, Obdachlosigkeit und Knast, geraten. Jedoch war oder ist der Autor ein sehr spezieller Fall. Auch auf die Gefahr hin, mit dem folgenden Satz, mies ‚rüber zu kommen. Dolan ist ein extrem schlechter Mensch und je mehr ich über ihn erfahren habe, desto weniger wollte ich mit ihm zu tun haben, d.h. weiter lesen. Das Weiterlesen erübrigt sich aber bei diesem Buch ohnehin schnell, da nach dem Lesen des Klappentextes bereits klar ist, was inhaltlich in welcher Reihenfolge geschieht. Wäre der Autor ein Sympathieträger, hätte ich die Story vermutlich mit feuchten Augen und zutiefst berührt bis zum Ende gelesen.
Der in den frühen 70er Jahren geborene Londoner handelte von Kindheit an immer wieder gewissenlos und hirnlos. Als Motiv nennt er meistens Langeweile. Viele seiner Anti-Heldentaten erzählt er wie witzige Anekdoten, obwohl sie dies ganz und gar nicht sind. Dass er seine eigene Großmutter, die ihn wie eine Mutter großgezogen hat, ins Grab gebracht hat, umschreibt er allerdings sehr vorsichtig (S.138f). Dennoch war der Todesfall, der seinem Opa das Herz brach und den ohnehin schon kranken Mann zum Pflegefall machte, für den bis dahin überwiegend obdachlosen Dolan, Anlass sich wieder in seiner Kinderstube einzunisten.
Spätestens seit S.138f hatte ich definitiv keinen Bock mehr auf diesen Dolan und sein Buch.

Einsatz am Wurstregal

Viviane Cismak : Einsatz am Wurstregal. Höhepunkte aus dem Leben einer Nebenjobberin

„Einsatz am Wurstregal“ ist nach „Schulfrust“ bereits das zweite, eigentlich sogar das dritte (Deutschlands Kinder wird nicht mehr aufgelegt), Buch von Viane Cismak, wurde 2012 veröffentlicht und ich habe es 2017 für 1,-€ auf dem Grabbeltisch eines Ramschladens, erstanden. Zwar ist „Wurstregal“ für mich ein mit Ekel verbundener Begriff und ich würde niemals irgendetwas von Wurstverkäuftern oder Fleischerei-MitarbeiterInnen lesen wollen, aber hier handelt es sich schlicht und ergreifend um verschiedene Supermarktregale in der Frischeabteilung. Mehr hat mich jedoch das im Untertitel angedeutete und im Klappentext versprochene Jobhopping durch Neben- und Aushilfstätigkeiten diverser Branchen, mit den von mir vermuteten 1000den von Überraschungsmomenten und Zufallsbegegnungen, angesprochen und zum Kauf bewegt. Leider ist dieses Buch aber aus mehreren Gründen ein Fehlgriff. Das beginnt schon mal damit, dass weder die erwartete Vielfalt noch die erhoffte Tiefe in den Erfahrungsberichten gegeben ist. Im Klappentext werden „…eine ganze Reihe von schlechten Jobs – und mehr skurrile Erfahrungen gesammelt als manch anderer in seinem gesamten Berufsleben.“ angepriesen, im Inhaltsverzeichnis reduziert sich das ganze auf 15 Kapitel, was ich noch ok fände, wenn in jedem Kapitel mehrere Erfahrungen zu lesen wären, aber das ist nur in Kapitel 10, 13 und 14 der Fall, wobei in 14 der zweite Erfahrungsbericht keinen Job, sondern ein FSJ beschreibt. Es wäre bestimmt auch mal interessant, so ein Buch mit gesammelten Erfahrungsberichten von FSJlerInnen zu lesen, aber das ist dann ein anderes Thema. Im Vorwort heißt es dann Cismak hatte 13 Jobs, und bei genauer Betrachtung stellt sich heraus, dass sie in 7 Jobs – also über der Hälfte – als Promoterin gearbeitet hat, und dass nur zehn der 15 Kapitel eigene Erfahrungen der Autorin darstellen. Fünf Kapitel, also 1/3 sind Erfahrungen, die andere jungen Leuten gemacht und Cismak zur Verfügung gestellt haben. Dabei handele sich um Freunde der Autorin, wie sie in einem Interview mit der Kreiszeitung.de erzählt hat. Insgesamt enthält das Buch 19 Erfahrungsberichte, von denen sechs nicht von Cismak selbst gemacht wurden.
Die mangelnde Tiefe kritisiere ich, weil Cismak einige der Jobs so kurz ausgeübt hat, dass es nur ein Ausprobieren war. „Natürlich war ich mit sicher, dass ich das Flyerverteilen nicht lange machen würde, ein paar Wochen vielleicht. Tatsächlich wurden es dann nur einige Tage.“ S.132 Bei den Tätigkeiten, die von vornherein nur für einen kurzen Zeitraum anberaumt waren, was bei Promotionaktionen teilweise und bei bei Komparseneinsätzen der Fall ist, hätte ich es sinnvoller gefunden, wenn diese Erfahrungen als Zusammenarbeit mit der betreffenden Agentur oder als Flyerverteilen in einem Kapitel gemeinsam geschildert worden wären. So ist Cismak nur in Kapitel 10 über eine Castingagentur und bei Promotion auf Inlineskates vorgegangen. Vermutlich wären weitere Zusammenfassungen – also weniger Kapitel – der Vermarktung nicht so zuträglich gewesen, weil das Buch dann auf die ersten Blicke nicht so vielseitig und interessant gewirkt hätte. Ich hätte mir sicher kein Buch gekauft, dass mir Erlebnisse einer Promoterin verspricht, die hauptsächlich Flyer verteilt. Ein weiteres Manko in Sachen Tiefe ist das Desinteresse der Autorin an ihren Jobs. So schreibt sie z.B.: „Mein Unvermögen würde sich schon noch früh genug zeigen, dachte ich mir“ S.221, „…,dass ich nicht die leiseste Ahnung hatte, was zu tun war. Vielleicht hätte ich doch meiner unwirschen Kollegin zuhören sollen, als…“ S.99 oder nachdem ihr Kollege etwas erklärt hatte: „Natürlich hatte ich es mir nicht gemerkt, und darauf gehofft, nie alleine zu sein.“ S.232
S.232 Ausserdem beschrieb sie sich häufig selbst als unzuverlässig und schlampig „Erstaunlicherweise war ich pünktlich. Ich wunderte mich ein wenig über mich selbst.“ S.171

Ebenfalls ein grosses Manko ist die Widersprüchlichkeit der Autorin, durch die sie unehrlich auf mich wirkte. Sie ist mit 17 Jahren allein aus Hessen nach Berlin gezogen, hat aber in keiner betreuten Wohnform gelebt, sondern eine eigene Wohnung bezogen.“Der Vermieter hatte tatsächlich breit schlagen lassen, sie mir, einer Minderjährigen, zu geben.“ (S.16) Wie das bei einer Minderjährigen funktionieren kann, sei dahin gestellt, weil es nicht direkt mit dem Buch zu tun hat und weil dies auch in „Schulfrust“ und in Interviews so zur Sprache kommt. Ihr erster Nebenjob bestand darin, vor einem Laden neue Kunden für ein Telekommunikationsprodukt zu werben. Um für ihre Tätigkeit bezahlt zu werden, musste sie eine Rechnung schreiben, d.h. sie arbeitete freiberuflich. Bei den Kundenverträgen ist es denkbar, dass diese durch das Personal im Laden abgeschlossen wurden, aber wie hat sie als Minderjährige ihr Gewerbe oder ihre Steuernummer für freiberufliche Tätigkeiten angemeldet?! Oder hatte sie sich gar nicht angemeldet und hat die Rechnungen trotzdem geschrieben? Es könnte ja sein, dass diese kleine Auslassung nicht weiter auffällt. Jedenfalls wirkt das alles ziemlich unglaubwürdig. Bei einem weiteren Promotionjob für eine gemeinnützige Organisation hat sie ihre Minderjährigkeit offen angesprochen. Dort war es kein Problem, dass Minderjährige am Stand neue Mitglieder für einen wohltätigen Verein werben. Ich denke mal, bei diesen Fundraising-Jobs handelt es sich um große Agenturen, die genau wissen, wie sie Minderjährige arbeiten lassen können. Immerhin hat Cismak ihr Alter offen erwähnt, so dass sie dort in diesem Punkt ehrlich wirkt.

Angeblich habe sie als 17-jährige Schülerin bereits ihren Lebensunterhalt selbst verdienen müssen (oder wollen?). „Ich war eine der wenigen, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen wollten“ S.71 „Ich musste meine Miete zahlen.“ S.75 „Mir erschien zu der Zeit das Bezahlen meiner Miete wichtiger als das Wohl der Tiere.“ (Flyer verteilen für Bratwurst-Flatrate) S. 140 „Obwohl ich am Wochenende bereits bei der Coffeeshop-Kette arbeitete, hatte ich zu wenig Geld.“ S.148 Wo das Kindergeld für sie geblieben ist und warum oder ob sie kein Schülerbafög hatte, sei dahin gestellt, denn das Buch enthält auch ohne diese Fragen viele widersprüchlich Äusserungen. Das folgende Zitat zeigt den Widerspruch im gleichen Satz: „Obwohl ich das Geld brauchte, hatte ich nach einigen Tagen keine Lust mehr auf diesen Job.“ S.140 Bei diesem Beispiel hat sie bei starker Kälte draussen gearbeitet. Hätte sie diesen Job wirklich gebraucht, hätte sie ihn auch irgendwie zu bewältigen geschafft. An vielen anderen Stellen gibt sie zu, dass sie es nicht nötig hatte, arbeiten zu gehen: „So wichtig war mir der Job nicht. Mir war egal, ob ich gefeuert wurde.“ S.125 „…mir total egal gewesen wäre, hätte eines Tages eine Kündigung meinem Briefkasten gelegen.“ S.128 „Dass ich nie von diesem Job abhängig war,…“ S.129

Im Vergleich zu „Schulfrust“ hat sich leider auch ihre Art (zu Schreiben) verändert. Sie wiederholt sich oft, schweift teilweise etwas weiter vom Thema ab, vermutlich um Seiten zu füllen, und was mir am meisten missfiel, sind ihre vielen voreingenommenen Bewertungen, Pauschalisierungen und Schubladendenken. Scheinbar hat sie gedacht, für jeden Job einen fachkundigen Überblick oder eine Art Gesamtbilanz ziehen zu müssen. Z.B. „Die meisten Werber schaffen es nämlich hervorragend, unwilligen Passanten ein schlechtes Gewissen einzureden.“ S.68 Schaffen sie das wirklich? Und wie will die Autorin das wissen, wenn sie nur zwei Tage in einem kleinen Team gearbeitet hat. Weiterhin steckt sie ihre KollegInnen in Schubladen: „Insgesamt gab es, grob gesagt, drei Arten von Mitarbeitern:…“ S.81 Diese Aussage betrifft auch den Job, bei dem sie wegen ihrer schlechten Leistungen nach zwei Tagen gehen durfte. „Meiner Meinung nach machte ich nichts falsch.“ S.149 Anstatt zu fragen, was sie falsch gemacht hat. Diese Aussage betrifft ihr schlechtes Feedback beim Probearbeiten, als sie Flyer, an eine vordefinierte Zielgruppe verteilen sollte. Es gibt noch mehr solcher Stellen, die mir als Leserin einfach Unwohl bereiten.

Interessant fand ich folgende Joberfahrungen:
Kapitel 4 Fundraising für eine gemeinnützige Organisation am Promotionstand
Kapitel 9 Club-Promoterin Flyerverteilen und kostenlos feiern gehen
Kapitel 10 Drei Einsätze als Komparsin durch eine Castingagentur
Kapitel 15 Berlin Museum
Ein Teil Cismaks Erfahrungen mit dem Fundraising wurde im Spiegel abgedruckt. Das könntet ihr bei Interesse im Netz finden, um eine Leseprobe und einen Einblick in diesen Job zu erhalten.
Das Museum beschreibt sie so genau, dass es unschwer zu erraten ist.

Teilweise interessant fand ich das
Kapitel 6 Coffeeshop-Kette
Den Coffeeshop nennt sie nie namentlich in diesem Buch, aber in einem Interview zu ihrem Buch „Schulfrust“ sagte sie ganz offen, dass sie bei Dunkin’ Donuts gearbeitet hat.

Kapitel 8, ein Gastbeitrag, war an sich sehr gut und lebhaft beschrieben. Es handelt sich um eine mobile Abverkaufspromotion eines Likörs auf einem dreitägigen Heavy-Metall-Event. Das Festival muss ein ziemliches Erlebnis gewesen sein, der Beitrag ist sehr unterhaltsam, auch wenn mich persönlich das Thema gar nicht interessiert hat.

Schade fand ich bei folgenden Beiträgen, dass sie nicht genug Einblicke gegeben haben:
Kapitel 3 Stripclub
Eine Erfahrung, die Anabell (20J) bei ihrem Probetag im Stripclub gemacht hat. Sie dachte zuvor, an der Stange zu tanzen wäre leicht verdientes Geld und würde ihr Spass machen. Festgestellt hat sie aber, dass es verdammt anstrengend ist, zu anstrengend, um diesen Job tatsächlich anzutreten.
Kapitel 5 Spielkasino
Der 2. Gastbeitrag. Eine Erfahrung von Robert (21J) in einem Spielkasino in Berlin
Leider ist der fast dreiseitige Bericht sehr oberflächlich, so dass Fachfremde sich nicht viel drunter vorstellen können, und die Erfahrung beläuft sich nur auf zwei Monate. Z.B. bekam er anfangs eine Ausbildung, über die es keine nähere Beschreibung gibt, wie lange, ob bezahlt… Bezahlung, Arbeitszeiten, Anstellungsmodalitäten… die Basics fehlen.
Kapitel 11 Barkeeper im Restaurant
Der 4. Gastbeitrag von einem 21-jährigen Juan, der im italienischen Restaurant seines Vater ab und an als Barkeeper arbeitet. Er verrät uns Anfangszeit, Arbeitskleidung, Lage des Lokals und Art des Publikums, erzählt auf knappen fünf Seiten aber überwiegend Anekdoten.

Alles in Allem kann ich euch dieses Buch leider nicht empfehlen, auch nicht für einen Euro