Christiane F.: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

wpid-img_20150828_181553.jpgIn Wir Kinder Vom Bahnhof Zoo berichtet Christiane F., wie sie mit 12 Jahren drogenabhängig, mit 13 heroinabhängig wurde und mit 14 auf den Straßenstrich ging. Als ich die 1978 erschienene Teilbiografie von Christiane Felscherinow gelesen hatte, habe ich es danach direkt nochmal von vorne und dann alle paar Jahre mal wieder gelesen. Der Bestseller ist nach Mundart geschrieben. KaiHermann und HorstRieck , beide Reporter der Zeitschrift „Stern“, schrieben genau das, was die damals 16-Jährige ihnen erzählte. Die Teenagerin erzählte ihre Geschichten sehr detailliert, erklärte die milieuspezifischen Besonderheiten, stellte die Personen vor und Eigenarten ihrer Sprache, z.B. „…bin über die Szene geflippt…“ lernte ich beim Lesen beiläufig oder kannte sie von älteren Jugendlichen. Wäre es nicht die harte Drogenszene , in die sie uns einführt, könnte, v.a. bei jugendlichen Leserinnen , ein Lesegefühl entstehen, als wäre die Ich-Erzählerin eine neue Freundin, die einen mitnimmt in ihre Clique…. Das Buch von Christiane Vera Felscherinow war für mich ein Faszinosum, ein entsetzliches Faszinosum – oder ein faszinierendes Entsetzen? Da tut sich eine andere Welt auf. Die  PädagogInnen (nicht nur an meiner Schule, wie ich inzwischen weiss) stellten infrage, ob dieses Sachbuch tatsächlich abschreckend oder doch eher inspirierend ist. Ich war hin- und her gerissen, vermutlich noch viel zu jung, um meine emotionalen Reaktionen zu verstehen, glücklicherweise aber auch eine eingefleischte Angsthäsin, so dass ich harte Drogen niemals angefasst habe.
Heute wissen wir, dass es eine spannende Sache ist, Menschen, die  uns in der Stadt begegnen könn(t)en, medial kennen zu lernen. Kein richtiges Kennenlernen, kein richtiges Stalken, kein richtiger Voyeurismus, aber doch wissen wir über diese Person bescheid, sogar so gut, wie normalerweise nur bei Freundschaften. Heute gibt es viele dieser bekannten Unbekannten: Fernsehdokumentierte Problemfälle wie Großfamilien, Obdachlose, Magersüchtige, Casting-Opfer vom Super-Star bis zum Dschungel-Star, beliebte BloggerInnen, deren Wohnung, Kleiderschrank, Kosmetikvorrat, Kinder… wir kennen, YouTube-Stars… Dass ein Mensch der Öffentlichkeit so viel von sich preis gibt, war damals etwas Neues. Weitere Besonderheiten am Buch waren, die Thematisierung von Heroin sowie die daraus folgende sichtbare Verelendung von massenhaft Junkies . Auch das waren damals zwei neue Entwicklungen in #WestBerlin , die von der Politik ignoriert und vielen einfachen Menschen unbekannt waren.
Wie bei so vielen Problembüchern ist das Ende hoffnungsvoll aber offen. Wird Felscherinow sich ein neues, cleanes Leben aufbauen, nachdem sie  von ihrer Mutter nach Kaltenkirchen, zur Oma verfrachtet wurde, oder dort auch wieder in der Drogenszene verkehren? Wird sie sich einer anderen Subkultur zuwenden? Wird sie einen Schulabschluss schaffen und was wird beruflich aus ihr?
„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gehört heute zur BerlinerGeschichte, denn die wahrenBegebenheiten nach Christiane F. sind nicht nur bald 40 Jahre her, sondern Vieles hat sich inzwischen sehr verändert. Diese Dokumentation wird aber nochmal interessant, weil 2013 eine Fortsetzung, unter dem Titel „Christiane F. Mein zweites Leben“ erschienen ist. Da ist es einfach schön, auch den ersten Teil noch mal aus dem Schrank zu holen.

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