Christiane F. Mein zweites Leben

Nach der sehr bewegenden Teilbiografie der blutjungen Fixerin, ChristianeF „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ hatte mich eigentlich interessiert, was aus dem ehemaligen Heroin-Mädchen geworden ist. Im Laufe der Jahrzehnte tauchte ihr Name immer wieder in hetzerischen, unglaubwürdigen Schlagzeilen auf, die ich sehr ärgerlich fand und lernte zu ignorieren. So bemerkte ich das neue Buch über sie erst ca. drei Jahre nach seinem Erscheinungsdatum. Da stand es –  Christiane F. Mein Zweites Leben – prominent platziert in der Bibliothek.
Als Autobiografie ist es ausgewiesen, aber wieder nicht von Christiane Vera Felscherinow selbst geschrieben, sondern durch die Journalistin Sonja Vukovic . Ich habe sofort zugegriffen und bin erleichtert, dass ich dieses Buch kostenlos ausgeliehen habe, weil es eine Enttäuschung auf breiter Ebene ist.
Lest lieber den Artikel „Clean kann ich gar nicht sein“ von Thimm, Katja, 07.10.2013 im Spiegel

Einfach nur das Buch lesen hat meine Frage(n), was aus Christiane Felscherinow geworden ist, nicht beantwortet, weil ihr Werdegang nicht chronologisch erzählt wird und obwohl die Kapitel leicht strukturierend wirken, geht doch vieles durcheinander, sind viele Fakten nicht zu fassen: Berufsbildung, Tätigkeiten, Familienmitglieder, Haustiere, Liebesbeziehungen, Freundschaften, Krankheiten, Wohnorte – wer, wann, wo… Anfangs hatte ich gedacht, meine Konzentration ist zu schlecht, doch mehrmaliges zurücklesen, -blättern und suchen ergab, dass es am Buch liegt. In jedem Kapitel oder noch öfter stehen unterschiedliche Angaben, z.B. Hunde, Männer, Alter…. Um überhaupt durchzublicken, musste ich parallel zur Buchlektüre nach den groben Daten über Felscherinow recherchieren,  und das kann ja wohl nicht Sinn einer Biografie sein.
Um für euch mal die Hauptfragen zu beantworten: Dass sie mit 54 noch lebt ist erstaunlich. Noch erstaunlicher, dass sie einen ca. 20-jährigen Sohn hat. Denn sie war selten clean, sogar vom Heroin hat sie nie lange die Finger gelassen, es sei denn sie war in Ersatzstofftherapie . Doch selbst im Methadonprogramm betreibt sie Beikonsum , ist multitox , schwerpunktmäßig Alkoholikerin und Kifferin . Weniger verwunderlich ist ihr Gesundheitszustand. So wie ich sie verstanden habe, ist sie in ihrer letzten Lebensphase mit Leberzirrhose durch Hepatitis, Persönlichkeitsveränderungen und wie ich aus den Erzählungen schließe, Demenz und einer Psychose mit Paranoia, Halluzinationen, Stimmen und Panik. Ein Kapitel im Buch heißt „Meine Schatten“. Darin erzählt sie von Verfolgern, die sie in den Wahnsinn treiben wollen. Vukovic hat diese Schilderungen unkommentiert niedergeschrieben. In einem Interview im Verlag formuliert Felscherinow das, was sie sieht und hört weniger überzeugt. Sie hat einen Chow-Chow, namens Leon. Meistens hatte sie einen oder mehrere Hunde. Bei den Hunden habe ich leider auch nicht durchgeblickt; es ist ein ewiges Erzähl-Chaos.
Hauptberuflich Junkie
Beruflich ist nichts aus ihr geworden. Bis heute ist sie als Autorin angemeldet und lebt von den Tantiemen des 1978 erschienenen Buch und dessen Verfilmung 1981, beides Weltbestseller . Zusätzlich Neuauflagen, z.B. DVD, Blue Ray… und Auftritte wie Lesungen, TV…
Traurig, weil das bedeutet, dass wir durch unser Interesse – ob nun am Thema, an einem Schicksal oder an ihr – als KonsumentInnen diesen Kreislauf finanzieren, aus dem sie das Geld zum Leben sowie zur Selbstzerstörung schöpft.

Insgesamt scheint ihr der Erfolg ihres Dramas sehr zu Kopf gestiegen zu sein. Felscherinow lernt durch die Verfilmung und den Medienrummel Prominente kennen. Ein paar Jahre versucht sie sich als Sängerin und Schauspielerin. In ihrem Buch protzt sie damit herum, als wäre sie mit sämtlichen Promis auf Du…. Auch darüber hinaus ist sie ständig dabei, sich selbst zu loben. Als Mutter, als Hundehalterin, wie fleissig sie ist, Ordnung und Hygiene… Dazu kommt eine gewisse Art, die Felscherinow auf S.156 selbst gut benennt: „…zehn Jahre später… ich hatte inzwischen gelernt, die Wahrheit so hinzubiegen, dass es für mich von Vorteil war….“ Genau diesen Eindruck hatte ich beim Lesen dieses biografischen Werks mehrfach und damit macht sie sich auch nicht beliebter. Der nächste Minuspunkt: Felscherinow kommt beim erzählen vom 100. ins 1000. und Vukovic schreibt das so ins Buch. Das nervt! Noch ein Minuspunkt: Vukovic, die sich offiziell als Co-Autorin bezeichnet, hat einige sachliche Kapitel eingefügt. Damit hatte ich in einer Biografie nicht gerechnet und habe es maximal überflogen. Auch das erste Buch „Wir Kinder…“ fasst sie in einem solchen Kapitel nochmals zusammen und geht auf Vorwürfe, Auswirkungen… ein. Schon ärgerlich, wenn man sich ein neues Buch holt und darin das alte nochmal breit getreten wird

Die Besonderheiten ihresErwachsenenlebes stehen auch  in dem Spiegel-Artikel und auf Wikipedia.
1982-1985 längere Aufenthalte in Zürich, zu Gast bei dem Ehepaar, das den Diogenes-Verlag besitzt
1987 – 1993 Leben in Griechenland
10 Monate Gefängnis Berlin
2008 möchte sie nach Amsterdam auswandern und ihr wird das Sorgerecht weggenommen Wie und warum wird sich für uns LeserInnen nicht mehr erschließen lassen. Das Kapitel war auch sehr wirr und enttäuschend. 2010 erhielt sie das Sorgerecht zurück, ließ den den 14-jährigen aber weiterhin bei den Pflegeeltern, wo er bis zum 20. Lebensjahr zu leben plant, weil er Ausbildung inklusive Abitur anstrebt.

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