René El Khazraje: Alles auf eine Karte

Ich lese gerne Dokus und interessiere ich mich generell für Gesellschaftsaussteiger, alternative Lebensformen. Seit etwa 2007 lese ich zum Thema Wohnungslosigkeit. Damit ist nicht nur Obdachlosigkeit gemeint, sondern auch diverse Arten ohne festen Wohnsitz zu leben. „Alles auf eine Karte“ handelt von einem Aussteiger aus dem bürgerlichen Leben, der alles auf eine Karte setzt – und zwar auf die Bahncard 100. Da diese monatlich so teuer wie eine Wohnungsm
iete ist, kündigt er seinen Mietvertrag und lebt in der Bahn, während er quer durch Deutschland fährt.
René El Khazraje, der sich MC Rene nennt und von Freunden Reen gerufen wird schreibt hier in Form von Bloposts über die interessantesten Episoden aus einem Jahr seines Lebens als Bahnnomade. Ausser ihm gibt es noch einen ca. 50-jährigen Mann, der mit der Bahncard 100 im Netz der Deutschen Bahn wohnt – ein richtiger Obdachloser, der in schmuddeligen Klamotten, nach Müll riechend und pfandflaschen-suchend, bevorzugt die Strecke Berlin – München abfährt.
Der 1976 geborene El Khazraje ist bereits über 30 als er sich entschließt, alles auf eine Karte zu setzen. Er hat 50% marokkanische Wurzeln und wuchs in Braunschweig auf – in einer Plattenbausiedlung des Bezirks Weststadt. Sein Abi hat er geschmissen und stattdessen Fachabi gemacht, danach aber weder Ausbildung noch Studium absolviert. Als junger Mann hatte er eine tolle Rapper-Karriere, mit eigenem Label und Viva-Sendung. MC hieß für ihn Master of Ceremony. Irgendwann kam ein Karriereknick und MC wurde zu Master of Callcenter, obwohl er in diesem Hilfsjob weniger meisterhaft war. Sein bürgerliches Leben führte El Khazraje in Berlin, lebte und telefonierte in den Bezirksteilen Moabit und Friedrichshain. Ein Tag verging wie der andere – viel Langeweile, wenig und nur unbedeutende Erfolgserlebnisse. Durch seine fehlenden Berufsqualifikationen sieht er für sich keinerlei Chancen im normalen Berufsleben. So hat er eines Tages die Idee, mit der Bahncard 100 um seinen Traum zu kämpfen – dem Traum von einer Karriere als Comedian. Er nimmt sich vor, sämtliche Strecken des DB-Liniennetzes zu befahren und überall aufzutreten, wo es ihm möglich ist. Spätestens am Ende des Jahresabonnements der Bancard möchte er sich einen neuen Namen gemacht haben, wieder bekannt sein. Bevor er die Reise antritt hat er noch den Umweg übers JobCenter genommen, und dort vergeblich versucht über ein Existenzgründer-Seminar eine Starthilfe für seine Selbständigkeit zu erhalten.
Am längsten beschreibt er den Vorlauf seiner Jahres-Reise, so z.B. im ersten Kapitel seine Entscheidungsfindung, das Call Center und sein Leben darin als Call-Center-Agent für Kaltakquise von Neukundenterminen für Versicherungsvertreter.
Das zweite Kapitel beginnt mit der Info, seine leere Wohnung sei besenrein, endet mit der Abgabe seiner Wohnungsschlüssel und enthält im wesentlichen seine Gedanken und Gefühle zum Antritt seines Nomadendaseins.
Das dritte Kapitel geht von der Fahrt zum Berliner Hauptbahnhof bis in den ersten ICE, den er betritt. Dort trifft er sofort auf einen Schaffner, der Hip Hop – Fan ist und ihn noch aus seiner Karriere als Rapper kennt. Von diesem Bahn-Angestellten erfährt er von dem Obdachlosen mit der Bahncard 100. Das sind die ersten 61 von (270 Seiten inkl Statistik und Danksagung) 258 Seiten.
Weiter geht es in vierten Kapitel mit ersten Auftritten, reisen ohne Plan, Freiheit genießen und alte Freunde wieder treffen.
Das fünfte Kapitel handelt von einer kleinen Tour durch ostdeutsche Städte, netten neuen Kollegen, viel Spaß und Alkohol und Stolz auf des erste selbstverdiente Geld als Comedian.
Dann folgt ein Kapitel, in dem er Braunschweig besucht und da dies sein Heimatort ist, erfahren wir noch mal ein paar Dinge über ihn persönlich.
Im siebenten Kapitel nimmt er an einem Talentwettbewerb teil, der ihm viel bedeutet. Dort kommt es auch zu etwas härteren Konkurrenzsituation, bei der ihm ein Nebenbuhler vorwirft, die Wohnungslosigkeit nur erfunden zu haben, um Sympathiepunkte zu bekommen. Hier schreibt er auch, das anfängliche Urlaubsgefühl sein ihm irgendwann unbemerkt abhandengekommen.
Erst im achten Kapitel trifft er auf den anderen Bahn-Nomaden. Leider auch das einzige mal, und als er noch grübelt, wie er seinen Bahn-Netz – Mitbewohner am besten ansprechen könnte, verlässt dieser leider in Göttingen den Zug. Für sich selbst diagnosiziert er ein Bahnsyndrom, von dem ein Symptom ist, dass er inzwischen erwartet, alles müsste sich neben ihm bewegen, an ihm vorbeiziehen wie bei dem Blick aus den Fenstern eines fahrenden Zugs. Ebenso seltsam ist die Feststellung, dass sich ein Sitz (Stuhl, Sessel, Couch…) nicht nach hinten stellen lässt…. Nebenbeibemerkt hatte er in diesem Kapitel einen Dorfauftritt.
Im darauf Folgenden beschreibt er die, nur für Bahncard 100-Inhaber zur Verfügung stehende DB-Lounge, von der er nun feststellt dass es sich nicht um ein Phantom sondern einen real existierenden Warteraum handelt, der auf jedem Bahnhof, wenn er denn zu finden ist, exakt gleich aussieht. Dort darf der besondere Bahn-Gast kostenlos Instant-Kaffee und Softdrinks ohne Ende trinken und durch eine Glasfront die Menschen ausserhalb der Lounge beobachten. Vier Monate ist er nun auf Reisen und empfindet diese Zeit wie ein ganzes Jahr. Übrigens hat er sich einen neuen Rollkoffer gegönnt, den er mit Natascha anspricht, denn in Ermangelung von Gesprächspartnern redet er mit diesem Koffer.
Im zehnten Kapitel sind bereits fünf Monate vergangen und es herrscht Geldnot. Wieder einmal hat Rene Glück und bekommt von einer neuen Kollegin aus der Comedy-Szene einen Synchron-Job für Porno-Filme angeboten, durch die er auf die schnelle über 300,-€ verdienen kann. Der nächste Abschnitt handelt von einer Verarschung, die ihn auf ein schlecht besuchtes Straßenfest in einer Fußgängerzone Hamburg-Harburgs führt.
Die Pechsträhne hält noch im nächsten Kapitel an. Durch planloses Hin- und Hergefahre landet er in einer sehr kleinen Stadt ohne Anschlusszug. Kein Plan, keinen Schlafplatz… und wieder hat er unverschämtes Glück. Drei Jungs erkennen ihn als den Rapper von früher, gehen auf ihn zu und bieten ihm einen Schlafplatz in ihrer WG an.
Das Kapitel 13 handelt anders als die Zahl erwarten lässt von viel Glück. In einer Kleinstadt hat er einen tollen Auftritt, lernt ein tolles Mädel kennen und hat ein super Wochenende.
Das 14. ist ein Urlaubs-Kapitel, das ihn in die Schweiz führt.
Im 15. schmuggelt er sich unter die Profis. In Köln besucht er eine Comedy-Preisverleihung, und überlegt ob er da tatsächlich dazu gehören möchte.
16: Er bleibt in Köln und nimmt erneut an einem Talentwettbewerb teil. Für dieses Casting hat er sich ein neues Programm erarbeitet und dabei hat er seinen eigenen Stil gefunden. Nun erntet er viel Applaus, kann sich neu definieren und sieht deutlich einen Weg vor sich. Tags darauf ruft sein bester und ältester Freund an, um ihn nach Braunschweig einzuladen, weil er zum zweiten mal Vater geworden ist.
Der erneute Besuch seines Heimatortes ergibt ein sehr kurzes und eigentlich letztes Kapitel, in dem er noch mal zweifelt. Plötzlich hat er den Eindruck seinen ruhigen bodenständigen Freund zu beneiden. Letztendlich beschließt er aber für sich dann doch auf dem richtigen Weg zu sein und möchte ein weiteres Jahr in im Netz der DB leben.
Aber wie lebt es sich nun eigentlich in der Bahn? Geschlafen hat El Khazraje in der Bahn wohl eher weniger, und Schlafwagen erwähnte er gar nicht. Er konnte von einer großen Bekanntheit und Beliebtheit, zum größten Teil aus seiner ersten Karriere profitieren. So boten ihm viele Leute ihre Hilfe an. Scheinbar ist er auch ein sehr sympathischer Mensch, der schnell neue Kontakte hinzugewinnt, und gleich von neuen Kollegen aus der Comedy-Szene mal einen Job und mal einen Urlaub vermittelt bekommt. Dennoch hat auch seine Mutter wieder eine große Rolle in seinem Leben gespielt.
Gegessen hat der Überlebenskünstler unregelmäßig. Manchmal traf er mit großem Hunger irgendwo ein, wo er das Glück hatte, zugreifen zu können. An anderen Tagen suchte er sogar das teure Restaurant im Zug auf. Bei alten Freunden, Fans von früher und neuen Kontakten futterte er sich durch und aß den Leuten auch teilweise den Kühlschrank leer.
Die DB-Lounge entpuppte sich als zweites oder auch neues Wohnzimmer. Dort waren immerhin die Getränke kostenlos und open End.
Kleidung hat er bei seinen gutmütigen Gastgebern gewaschen, getauscht, geschnorrt und gemopst.
Von Krankheiten, medizinischen Dienstleistungen oder einer Krankenkasse hat er nichts geschrieben.
Geduscht hat der Bahnnomade, soweit ich dem Büchlein entnehmen konnte, ausschließlich bei wohlwollenden Mitmenschen, die ihm einen Schlafplatz angeboten haben. Die Infrastruktur der Bahn und Umgebung schien nichts in der Art einer Hygienestation zur Verfügung zu stellen.
Seine technischen Geräte haben scheinbar auch treu durchgehalten. Laptop und Handy erwähnte er, für die er den Strom in den ICE-Zügen benutzen konnte.
Einsamkeit und Gesprächsbedarf hat unser Protagonist wohl zeitweise sehr deutlich gespürt und deshalb seinem neuen Koffer nahezu ein ganzes Kapitel gewidmet und ihn Natascha genannt. Das hat mich an die Filme „Born to be wild“ und „Cast Away – Verschollen“ erinnert, in denen es ebenfalls um einen Aussteiger und um einen Flugzeugabsturz geht, und der jeweilige Protagonist aus Einsamkeit mit einem Ball redet.
Soziale Einrichtungen, wie Suppenküchen, Notübernachtungen hat der Autor nicht erwähnt also vermutlich auch nicht aufgesucht. El Khazraje fühlt sich einsam, hat aber viele Kontakte und Unterstützer. Er hat keinerlei Probleme, Hilfe anzunehmen. Meiner Meinung nach lebt er sogar rotzfrech auf Kosten anderer Menschen. Für mich wäre das kein Lebensstil, ständig auf anderen Menschen angewiesen zu sein, Anderen ohne Gegenleistung auf der Tasche zu liegen.
Das Buch ist sehr leicht und schnell lesbar. Einfache Worte, kurze Sätze… Daher sind die langweiligen Teile auch problemlos zu überfliegen. Die Aufmachung des Buches ist sehr ansprechend, nett und übersichtlich gestaltet. Daher wirkte die Doku auf mich wie ein Kinder- und Jugendbuch. Einige seiner Redewendungen und Begrifflichkeiten sind Insider aus dem Rapper- oder Hip Hop-Milieu, so dass ich erst mal nachschlagen musste, aber nicht behaupten kann alles gefunden zu haben. Ich denke mal,v.a. alte Menschen würden sich wohl etwas schwer tun. Also schätze ich seine Zielgruppe in den Jugendlichen ein, die mit ihm auf einer Wellenlänge liegen. Vom Aufbau her, hat er meiner Einschätzung nach ein paar besondere Erlebnisse seines ersten Aussteiger-Jahres ausgewählt, über die er wie Anekdote plaudert. Diese Stories schreibt er einfach mal auf, also anders als ein professioneller Autor, ohne Spannungsbogen, Wortakrobatik etc, sondern eher wie Blogeinträge in denen schlicht und ergreifend das Erlebte niedergeschrieben wurde. Dabei ist er teilweise sehr langatmig und wiederholt sich in einigen Dingen oft. Allerdings versucht er auch etwas Humor einfließen zu lassen. Er schreibt auch viel über seine Gedanken, teilweise etwas tiefsinnig. Mein Eindruck war, eine sehr egozentrische Sicht seiner großen und doch kleinen Welt präsentiert zu bekommen. Teilweise habe ich es als befremdlich erfunden, so viel von einem Menschen zu lesen, der sich scheinbar ziemlich oft und genau selbst beobachtet oder auch analysiert. Es mag aber sein, dass die lange großteils einsame Reise diese Egozentrierung mit sich bringt. Aber auch andere Menschen werden von ihm beobachtet, und es scheint eine Vorliebe von ihm zu sein, seine Mitmenschen in Schubladen einzusortieren. So werden die z.B. die Comedians oder auch die Bahn-Schaffner von ihm typisiert vorgestellt.

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