Sylvia Plath: Die Glasglocke

Eine Glasglocke beschreibt sehr gut, das unsichtbare Hindernis, von dem ein depressiver Mensch umgeben ist. Als würde der Kopf unter einer Käseglocke stecken. Ich nenne es gerne milchiges Glas, wie Nebel – mal mehr und mal weniger transparent. Im menschlichen Miteinander und im Straßenverkehr verursacht die Glasglocke die unangenehmsten Folgen. Esther, die Protagonistin, sieht und interpretiert den Gesichtsausdruck, hört die Worte ihres Gesprächspartners, aber nichts davon kommt in ihrer Gefühlswelt an. Sie weiss in etwa, wie sie reagieren möchte (z.B. freuen) , aber es geht nicht. Verlangsamt und dumpf bringt sie mühsam eine Antwort hervor und wirkt dadurch desinteressiert, gleichgültig… Esther Greenwood, die hier als Alias für Sylvia Plath fungiert, leidet unter sehr schweren Depressionen. Sie kann nicht schlafen, nicht essen, sich nicht konzentrieren und phasenweise fällt ihr jede Bewegung schwer, so dass sie oft stundenlang apathisch ist. Die Krankheit hat Esther das Liebste genommen: Die Schriftstellerei. Ohne Konzentration kann sie nicht mehr lesen und schreiben. Bisher war sie ein Wunderkind, hat Stipendien und Auszeichnungen erhalten. So gewann sie auch als 19-jährige bei einem Schreibwettbewerb, einen Monat in NewYork, mit einem Praktikum, in der Redaktion einer angesehenen Modezeitschrift. Eine großartige Chance und ein aufregendes Erlebnis, aber Esther kann es nicht nutzen. Sie muss sogar zum Chefinnen-Gespräch, weil sie so desintetessiert wirkt. Zurück in Boston wartete die Absage auf ihre Bewerbung für ein Schriftstellerseminar. Also will sie die Sommerferien nutzen, um ihr erstes Buch zu beginnen. Doch auch daraus wird nichts, da die Krankheit, wie tobende Wellen über dem Kopf einer Schwimmerin, auf sie einstürzt. Esther hatte bereits Zukunftsängste, weil die Rolle der Frau in den 50er Jahren sehr vorherbestimmt und unfrei war. Sie nimmt ihre Lebensbedingungen nicht als natur- oder gottgegeben hin, sondern hat Kritik, wagt es sich zu wünschen, aus den engen Vorgaben der Gesellschaft auszubrechen. In ihre intellektuelle Kritik mischen sich krankheitsbedigte Empfindungen und Wertungen. Können sich gesunde Menschen trotz einigem an Widrigkeiten am Leben erfreuen, ist bei depressiven Menschen auch das schönste Leben in dunkle Farben getaucht. Durch dieses Kombination, aus Problemen in der Realität und gesundheitlichen Problemen, beginnt sie sich ernsthaft mit Suizid zu beschäftigen, und landet in der Psychiatrie, des städtischen Krankenhauses. Esthers Stipendiumsstifterin, die Schriftstellerin Philomena Guinea, sorgt für ihre Unterbringung in einer Privatklinik….
Das Besondere an dem Buch ist Esthers (/Sylvias) Reflektiertheit. Auch über die Erkrankung an Depressionen aus Sicht von Betroffenen ist nicht so viel Literatur zu finden. Eine weitere Besonderheit ist die Schilderungen aus der Psychiatrie vor der Psychiatriereform, die in den USA wie auch in Deutschland vor ca. 45 Jahren durchgeführt wurde.
Leider ist das Buch sehr schwer lesbar, weil sie sehr viel sprachliche Bilder entwirft aber auch weil die Krankheit ihr einiges an Klarheit nimmt – jedenfalls denke ich mir das so. Sylvia Plath war leider nach den Psychiatrie-Aufenthalten nicht vollkommen geheilt. Sie litt auch später an Depressionen. Dieses Buch hatte sie erst unter einem Pseudonym herausgegeben. Als 31-jährige hat sie Suizid begangen. Ihr Ehemann, ebenfalls Schriftsteller, gab den autobiografischen Roman „Die Glasglocke“ posthum unter ihrem eigenen Namen heraus. Von Plath gibt es auch Gedichte und Tagebücher, letztere leider von ihrem Mann zensiert und posthum publiziert.

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