Markus Seidel: Freischwimmer

Es geht um Hannes, etwa 30, Buchhändler, in Berlin Steglitz. Der Autor, Markus Seidel, war auch gelernter Buchhändler, bevor er Germanistik und Philosophie studierte. Hannes hat keine materiellen Sorgen, ist zuverlässig, ordentlich, gutmütig, langweilig. Auch einen Freundeskreis scheint er zu haben, aber Respekt erhält er nirgendwo. Seine Ex hat ihn ewig betrogen und ist zu dem Anderen übergegangen, seine aktuelle Lebensgefährtin scheint ebenfalls fremd zu gehen, bei seinen Verabredungen muss er warten, sogar Verkäufer sind ihm gegenüber lustlos und nicht mal ein Bettler bekankt sich angemessen. Angetrieben von der Unzufriedenheit und dem Wunsch nach etwas Besserem, irgendwelchen Veränderungen, möchte er Urlaub machen und nicht mal das bekommt er auf die Reihe. Ihr seht schon der Typ ist schlimmer als ein jammerndes Weichei, aber er ist der Ich-Erzähler. Er bleibt also in Berlin. Mit seinen Augen betrachten wir während der kurzen Lesedauer die Stadt Berlin und seine kleine jungakademliche Welt. Kurze Lesedauer, weil es sich einfach sehr schnell durchlesen lässt und wenn alles zu sehr langweilt, das Buch erst recht nicht langen in den Händen behalten wird. Die story ist äusserst unspektakulär, scheinbar ohne Konzept, ohne Spannungsbogen, handelt es sich lediglich um eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, oft nicht mal das sondern nur von belanglosen Beobachtungen, ähnlich wie bei Bukowski, wo die Erzählung von Erlebnissen und Handlungen ohne Spannungsbogenben vor sich hin plätschern und ewige Fortsetzungen erfahren könnten. Im Gegegnsatz zu Bukowski, dessen Erlebnisse aus seiner prekären Situation, hauptsächlich Alkoholkrankheit und Armut, gespeist werden erhält Seidels Roman die Nahrung aus der – oftmals noch jugendlichen – Spontanität der Bekanntschaften, mit denen Hannes mitläuft. Marie nimmt ihn z.B. nachts mit ins Prinzenbad, wo sie sich nach ein paar Bahnen vor der Polizei verstecken müssen. Es handelt sich also überwiegend um Erlebnisse, die seine Bekannten ihm schenken, Co-Erlebnisse und Beobachtungen, begleitet von offengelegten Gedanken und Emotionen des langweiligen Buchhändlers. Frauen lassen ihn in ihre Wohnungen und sogar in ihre Betten, ziehen sich unvorhergesehen aus, aber wo andere Männer Feuer und Flamme oder wenigstens neugierig wären, ist bei Hannes von Erregung keine Spur. Selbst bei sexuellen Erlebnissen hält sich Seidel an seine einfache und betont nüchterne Schreibe, so dass nicht ein Funken Erotik aufflammt. Bei bemerkenswerten, seltsamen oder gar skurrilen Beobachtungen, wirken Seidels nüchterner Stil sowie seine  akribischen Beschreibungen allerdings komisch, und das dürfte auch sein Ziel sein – eine Alltagskomik mit einem Helden, der einfach nur der nette Junge von nebenan ist und den die LeserInnen mögen. Nur leider bringt er seine Komik nicht so gut rüber, wie andere AutorInnen dies in bekannten Komödien tun. Als Berlinerin musste ich oft schmunzeln, weil der Roman in Berlin spielt und ich Vieles aus seinen Berschreibungen kenne und mit meinen eigenen Betrachtungen in Verbindung bringe.

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