Hayes, Lazzarino: Die verlorenen Kinder

Originaltitel: Broken Promise. Deutsche Übersetzung von Inge Wiskott-Riedel. Die verlorenen Kinder. Der packende Bericht über die Odyssee von Patty und ihren vier Geschwistern.

June, die Alkoholikerin und Nutte sichtete während ihrer Baggertour durch die Kneipen den Kleinkriminellen, Thom. Sie stufte ihn als potentiellen Versorger ein und lag damit richtig. Die erste Schwangerschaft war ein Versehen und June war sich unsicher, ob ein Abbruch oder ein Kind klüger wäre. Thom sagte, sie solle allein entscheiden, es wäre ja ihr Kind und er wolle damit nichts zu tun haben. Letztendlich trug sie drei Kinder von Thom aus und zwei von anderen Männern, als Thom im Gefängnis war. Um all diese Kinder kümmerten sich die Eltern so wenig wie möglich. Die älteste, Patty, übernahm mit 3,5 Jahren die Mutterrolle ihrer kleinen Schwester und auch der folgenden Geschwister. Die Schule schwänzte sie abwechselnd mit John, um auf die Kleinen aufzupassen. Als Patty 11, John 10, Sue-Anne 7, Karen 3 und Charli 1,5 Jahre alt waren, wurden sie von ihren Eltern an einer Raststätte, am Rand einer fremden Stadt, ausgesetzt. Patty übernahm das Kommando und sagte, Erwachsenen könnten sie nicht trauen, sie würden ihnen nicht helfen, sondern die elternlose Familie auseinander reissen. Genau das hatten sie vor Charlies Geburt erlebt, als Sue-Anne sich ein Bein gebrochen, die Mutter unauffindbar und der Vater im Knast war. John war damals der Einzige, der Glück mit seinen Pflegeeltern hatte. Karen hat seitdem kaum noch gesprochen und wie ein Klammeräffchen an Patty gehangen, die ebenfalls unglücklich bei ihren Pflegeltern war. Ein Versteck vor der Menschenwelt bot für über zwei Wochen ein Maisfeld. Während der Zeit aßen sie aus Mülleimern der Raststätte und einer nahegelegenen Farm. Die Farmer riefen die Polizei, weil sie Geräusche hörten, die sie Herumtreibern zuordneten. Die Kinder wurden entdeckt und in ein Übergangswohnheim gebracht, wo es ihnen gut ging. Sie fassten neues Vertrauen zu den Erwachsenen, vornehmlich dem Leiter des Jugendgerichtsamtes, der den Kindern das Versprechen gab, sie gemeinsam unterzubringen. Wie am englichschen Titel und am deutschen Untertitel unschwer zu erraten ist, wurden die fünf Kinder doch auseinandergerissen, was letztendlich Willen des Jugendrichters war. Charlie war der Einzige, der Glück mit seinen Pfleeltern hatte. Karen fiel sofort nach ihrer Ankunft in Schweigen und Apathie. Am schlimmsten traf es die beiden Ältesten. Patty, die immer wieder weglief, um nach ihren Geschwistern zu suchen, landete in einem Gefängnis, namens Mädchenbesserungsanstalt, in dem sie das letzte Jahr dahinvegetierte. John landete zeitweise in ebenso einer Besserungsanstalt, wurde dann aber in die Klappsmühle verfrachtet. Die maßgeblich Verantwortlichen, der Jungendrichter und eine Sozialarbeiterin vom Sozialamt sahen ihre Fehler ein, der Leiter des Jugendgerichtsamtes drohte an diesem Drama zu zerbrechen und gemeinsam mit einigen anderen sozial Engagierten begannen sie ein Jugendhaus zu planen – von der Recherche über die Immobiliensuche bis zur Überzeugungsarbeit der Anwohnerschaft. Ob der Aufbau eines solchen Hauses gelingt und wenn ja, ob es die Lösung für die fünf Geschwister noch rechtzeitig kommt wird bis zum Ende des Tatsachenromans spannend gemacht.
Das Buch spielt in der USA, ist aber eine Sozialkritik, die zumindest teilweise auch auf die Vergangenheit in Deutschland übertragen werden kann. Mit dem Erscheinungsjahr 1978 für die deutsche Übersetzung ist Maschinerie der öffentlichen Fürsorge, das Räderwerk der Bürokratie und die dahinterstehenden Gesetze natürliche Geschichte. Dennoch spielt es noch eine Rolle, weil heute noch Horrorgeschichten über Behörden, Heime, Gefängnisse und Psychatrie kursieren, die von einer Generation an die nächste weiter getragen werden. Andere Bürger, ohne derartigen Erfahrungshintergrund glauben an unseren Rechtsstaat und Sozialstaat. So wissen teilweise 50-Jährige mündige Bürger nicht, was sie glauben sollen.
Es handelt sich um einen Tastachenroman, was bedeutet dass es sich wie ein Roman liest, aber auf Tatschen basiert. Der Übergeordnete Erzähler wechselt die Perspektiven überwiegend zwischen Patty und dem Leiter des Jugendgerichtsamtes, aber auch sein Assistent, die Sozialarbeiterin, John und sein Kumpel aus dem Heim werden uns nähergebracht. Dabei geht die Handlung wirklich ans Herz. Ich habe mit den Kindern gelitten und mit ihnen sowie den „guten“ Erwachsenen mitgefiebert. Einige Sätze waren so formuliert, dass ich daran  hängen geblieben bin, aber im Goßen und Ganzen war der 255-seitige Roman ein Pageturner. Ich habe selten ein Buch so schnell gelesen. Empfehlen kann ich es leider nicht, weil es kaum noch zu haben ist. Ich würde es aber gerne empfehlen.

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