Deborah Moggach Getrennte Wege

Der Roman spielt im England der 70er Jahre, wurde 1986 als deutsche Übersetzung herausgegeben und wenige Jahre später habe ich ihn zum Geburtstag geschenkt bekommen. Es geht um die beiden Schwestern, Laura und Claire, die nur zwei Jahre auseinander, aber völlig unterschiedliche Charaktere sind. Die 21-jährige Claire arbeitet schon als Lehrerin, ist ruhig, ordentlich, zuverlässig und sozial engagiert, sieht aber immer mit großem Interesse viellicht sogar einem kleinen bisschen Neid auf die Lebensweise ihrer rebellischen jüngeren Schwester. Laura ist 19 und gerade zu Hause ausgezogen, um Psychologie zu studieren. Als ich das Buch zum ersten mal las, war ich Oberstufenschülerin und habe vermutlich mit ähnlicher Neugier und etwas Neid, aber auch Vorfreude auf die Entwicklung von Laura geschaut. Mir stand das viel gelobte Studentenleben noch bevor und ich wollte lieber heute als morgen eine Studentin sein, aber werde ich auch so tolle Erlebnisse haben? Lerne ich die richtigen Leute kennen…? Laura wohnt in einem Studentenwohnheim, in dem sie alles furchtbar spießig findet. Sie meint, die vielen Regeln verkomplizieren alles unnötigerweise, in dem kleinen Zimmer kann sie sich kaum wohl fühlen, vor allem aber hat jedeR das gleiche Zimmer und sie sieht keinen Platz für Individualität. An der Uni leidet sie darunter, sich zwischen den vielen StudentInnen unsichtbar zu fühlen, wogegen sie in ihrem Vorort und an ihrer Schule als eine Art Persönlichkeit galt. Das Leben im Elfenbeinturm empfindet sie ohnehin als kein richtiges Leben, sondern als etwas unreales, wogegen sie das Proletarierleben romantisiert, ohne es zu kennen. Claire wartet, genau wie ihre Eltern, sehnsüchtig auf Berichte von Lauras Abenteuern an der Uni, besucht sie dort und ist enttäuscht, dass ihre jüngere Schwester an Allem etwas auszusetzen hat. Schon alleine die Tatsche, dass ihre Eltern das Uni-Leben gut finden, stellt für Laura eine Entwertung dar. Sie will eine eigene Wohnung haben, und Freunde kennenlernen, die ein alternatives, aufregendes Leben führen.
Beide Schwestern verlieben sich. Laura, die es immer sehr cool findet, ihre Eltern zu schockieren, weiss dass ihr aktueller Taugenichts wohl doch eine Spur zu unvorzeigbar ist. Claire hat sich einen Mann ausgesucht, den sie bedenkenlos zu Hause vorstellen kann, aber ihre Schwester wird ihn furchtbar spießig finden. Dennoch steht Claire zu ihrem Freund, wogegen die sonst so selbstbewusste, mutige, rebellische Laura ihren Freund verleugnet. So verkehrt sich dann das Bild von den beiden Frauen. Aber lässt sich ein Freund verstecken, verleugnen oder in einen Anzug stecken? Wie reagieren die Eltern darauf und überhaupt auf Lauras Veränderung? Ist die Liebe wirklich so groß – bei Laura und bei Claire?
Ich habe das Buch inzwischen sicher zum fünften mal gelesen. Damals war ich so begeistert, dass ich direkt noch mal von vorne angefangen habe. Als junge Studentin habe ich es dann ein drittes mal mit Begeisterung gelesen. Nach meinem Studium hat es mir eine Zeitlang nicht mehr gefallen, vermutlich weil ich mit meiner eigenen Entwicklung weiter war als die Hauptprotagonistinnen. Dennoch habe ich das Werk im Bücherregal behalten und bei meinen Umzügen mitgeschleppt. Als ältere Frau kann ich nun wieder mit einem freieren Blick auf die Uni-Zeit zurücksehen, und habe es im Laufe langer Zeit wieder zweimal gelesen, und werde es weiterhin im Regal behalten. Inzwischen merke ich, dass ich noch ganz andere Dinge an dem Roman wahrnehme. Zum einen bin ich inzwischen viel mehr in der Lage die Perspektivwechsel der einzelnen Personen mitzudenken, denn auch der Vater bekommt ein Kapitel aus seiner Sicht und Claires Freund sowie die kleine torpubertäre Schwester Holly bekommen auch Abschnitte aus ihrer Sicht. Dazu fällt mir inzwischen massiv auf, wie männlich geprägt damals noch alles war. Dass Laura von fast jedem Mann, mit dem sie zusammentrifft belästigt wird, ist nichts Neues für mich gewesen. Ob mir das damals besonders ins Auge fiel weiss ich nicht, heute sehe ich es glasklar. Aber auch in der Öffentlichkeit, z.B. im Restaurant, wo die Männer sich beweisen müssen, Wein probieren und sich als Kenner darstellen, wogegen die Frauen gar nicht gefragt werden, Männer wie selbstverständlich rauchen, bei Frauen dies zum Thema wird, Männer das Essen bestellen…
Alles in allem muss ich nach wie vor sagen, dieses Buch ist wirklich ein besonders guter Roman, den ich ganz sicher noch mindestens einmal lesen werde. Empfehlen ist so eine Sache, weil das Buch sehr alt und nicht ganz einfach erhältlich ist. Dafür ist es gebraucht sehr günstig zu haben.

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