Deborah Moggach: Rot vor Scham

Geschichte einer zerstörten Unschuld
Eine junge Frau berichtet von ihrer Kindheit bis zum Ende ihrer ersten Beziehung. Moggach schreibt aus der Ich-Perspektive. Heather lebte unter ärmlichsten Verhältnissen auf dem Land und wird jahrelang von ihrem Vater missbraucht. Ihre Mutter ging einfachen Arbeiten nach und hatte kein Interesse an ihrer Tochter, war viel unterwegs, abweisend und gefühlskalt. Der Vater war vielen Situationen des Erwachsenenlebens nicht gewachsen, war faul, unbeständig und hatte einen Hang zum Alkohol. Aber er war auch entspannt und bemüht um die Kinder, so dass Heather sich von ihm angenommen und geliebt fühlte. In der Schule war sie lange Zeit eine Aussenseiterin, dazu noch dick und wurde „Schweinchen“ gerufen. Daher heisst das Buch im englischen Original „Porky“. Sie war elf Jahre alt, als ihr Vater sich ihr erstmals sexuell näherte. Das geschah in einer verzweifelten Situation für alle Familienmitglieder, denn die Mutter war abgehauen und hatte tagelang nichts von sich hören lassen. Der Vater und Heather fühlten sich allein und verlassen und der kleine Bruder, noch ein Baby, schrie und musste versorgt werden.
Anfangs war ich, bei diesen Schilderungen der sexuellen Missbrachserlebnissen, unsicher ob ich das Buch weiter lesen werde. Früher, und das Buch ist in den 80er Jahren im englischen erschienen, wurde möglichst schonungslos und ungeschminkt berichtet. Damals war es etwas Neues, das Tabu zu brechen. In den letzten Jahrzehnten hat sich alles etwas weiter entwickelt, so dass die Beschreibungen heute wohl anders aussehen würden. Letztendlich bin ich aber über den Punkt meiner Bedenken hinweg gekommen, weil ich die Entwicklung des Mädchens sehr interessant fand und nach einigen Schilderungen der Sex in den Hintergrund rückte.
Heather hatte von Anfang an ein ungutes Gefühl, als ihr Vater sie an Stellen anfasst, die ihre Mutter für Tabu erklärt hatte. Aber sie hatte auch Vertrauen zu ihm, sein Verhalten müsse doch gut und richtig sein, schließlich ist er ihr Vater. Als sie herausgefunden hatte, wie Kinder gezeugt werden, konnte sie zwar 1+1 zusammenzählen, aber das Vertrauen und die Liebe zu ihrem Vater ließ sie denken, er hätte eine spezielle Kenntniss, so dass sie nicht schwanger würde. Tatsächlich hat er ihr dann aber die Pille besorgt. Seit dem sie wusste, was zwischen ihr und dem Vater vor sich geht, waren Schuld- und Schamgefühle ihre täglichen Begleiterinnen, nicht zu vergessen die damit verbundene Angst. Je jünger sie war, desto übermächtiger waren diese Schamgefühle, z.B. hatte sie Angst zum Arzt zu gehen, weil sie unsicher war, ob er ihr etwas ansehen könne. «Er brauchte mich nie zu etwas zu zwingen, niemals.» Im Laufe der Jahre entwickelte sich Heather weiter. Das Vertrauen in ihren Vater zerbrach, sie stellte die Liebe ihres Vaters infrage, hatte zwischenzeitlich auch das Gefühl, dass ihre Liebe zu ihm gestorben wäre. Je größer und selbstbewusster Heather wurde, desto weniger traute sich der Vater an sie heran. Der Umbruch schien gekommen zu sein, als Heather die Schule beendet hatte und eine Arbeit annahm. Sie hatte z.B. ein eigenes Bankkonto, was der Vater nie hatte und das Kostgeld gab sie ihrer Mutter, weil der Vater nicht mit Geld umgehen konnte. Mir kam es so vor, als hätte der Vater nun zwei erwachsenen Frauen um sich, denen er nicht wirklich gewachsen war.
Das Buch hat mich an irgendeiner Stelle richtig gepackt. Ich wollte einfach wissen, wie sich Heather weiter entwickelt. Wird sie schwanger? Schafft, sie es sich da heraus zu kämpfen? Was wird sie schaffen? Als sie dann mit anderen Männern in Kontakt kam, fand ich es auch wieder interessant, ob sie in der Lage sein wird, eine Liebesbeziehung zu führen.
Deborah Moggach hat es meiner Meinung nach gut hingebommen, die anfänglichen Schilderungen altersgemäss für ein Kind zu schreiben und dann im Laufe der Zeit im Schreibstil die Entwicklung des Mädchens nach zu vollziehen. So werden die Gedanken von Heather langsam lückenloser und dann komplexer und noch etwas später selbstbewusster.
Alles in allem kann ich Moggachs Erstlingswerk zwar empfehlen, aber das Buch ist auch sehr alt. Wer ein Leseerlebnis sucht, das einen einfach packt und bis zum Ende nicht mehr los lässt, kann versuchen sich diesen Roman zu besorgen. Wer sich aber zum Thema (inzestuöser) Missbrauch informieren will, sollte lieber auf jüngere Literatur zugreifen, weil sich in den letzen Jahrzenten die ganze Umwelt um ein Kinder herum sehr verändert hat.
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