Beverly Jensen: Die Hummerschwestern

Originaltitel The Sisters from Hardscrabble Bay, übersetzt von Beate Brammertz

Das Buch erzählt skizzierend, pointiert aus dem Leben Beverly Jensens Mutter, Idella Jensen, geborene Hillock. Das Werk ist zwar als Roman deklariert, besteht aber aus Kurzgeschichten und ist aus Familienaufzeichnungen und bereits veröffentlichten shortstories von Jensen entstanden. Sehr wichtig zu erwähnen ist meiner Meinung nach, dass „Die Hummerschwestern“ posthum erschienen ist. Jensen hat viel Liebe, Zeit und Mühe in die Aufzeichnungen über ihre Famile verwandt, aus denen sie ein Buch schreiben wollte. Nach ihrem Tod hat ihr Ehemann in Kooperation mit mehreren Schriftstellern, unter anderem Stephen King, ihre Familen-Aufzeichnungen überarbeitet und mit den bereits publizierten Kurzgeschichten in eine passende Form gebracht und als Buch veröffentlicht. Mit diesem Hintergrundwissen wird verständlich, warum einige Teile inhaltlich dünn sind, wogegen andere eine starke Erzählungsdichte, Anschaulichkeit und große emotionale Tiefe aufweisen.

Das Buch beginnt im Jahr 1916, in Kanada, New Brunswick und endet im Jahr 1987 mit Idellas Tod in der USA, Maine.
Im ersten Teil – fast 200 Seiten –  geht es um die Kindheit und somit um die fünfköpfige Familie Hillock, deren Mutter direkt nach der Geburt ihres vierten Kindes stirbt. Der Vater gibt der neugeborene Tochter den Namen ihrer Mutter und sie in die Obhut der Familie seiner Schwägerin, die sich vergeblich ein Mädchen gewünscht hatten. Bei ihm, dem wilden Bill, wachsen die Schwestern, Idella(7) und Avis(6) auf, sowie sein ältester Spross, der eigenbrötlerische Dalton(12). Das Leben der Familie, auf einer Farm an einer steilen, zerklüfteten Küste an der Chaleur-Bucht, ist hart und von Armut geprägt. Dalton muss dem Vater bei der Feldarbeit und dem Fischen helfen. Idella, als ältestes Mädchen muss den Haushalt fast alleine schmeissen. Zwar sucht der Vater immer wieder ein Hausmädchen gegen Kost und Logis, aber keine der Hauselfen bleibt lange.
Beverly Jensen schreibt in der Perspektive einer übergeordneten Erzählerin mit der Einfühlsamkeit, die wirklich jeden Charakter sorgfältig und nachvollziehbar ausgearbeitet hat und die unterschiedlichen Gefühle und Perspektiven gut erkennen lässt. Dalton verliebt sich in eine der Hauselfen, bleibt aber sonst als ruhiger Eigenbrötler, der allein in der Scheune lebt aussen vor, nimmt also wenig Platz in dem Buch ein. Zumeist stehen die Schwestern im Vordergrund, Avis weil sie frech und temperamentvoll ist und Idella, weil sie die Mutter der Autorin ist. Der Vater wird von den Mädels als unberechenbar empfunden, was zum Teil an seinem allabendlichen Whiskeykonsum liegt, aber er ist auch nüchtern temperamentvoll, generell laut, launisch, er flucht viel und fällt schnelle Entscheidungen. Doch auch des Vaters Pespektive und Gefühle konnte ich nachvollziehen. Auch ist das Leben auf dem kargen Land, die kleinen Freuden, die Arbeiten oder das Beisammensein bei Tisch sehr anschaulich beschrieben. Besonders schön fand ich diese Anschaulichkeit, da ich bis dato noch nichts aus Kanada gelesen hatte, und es sich bei 1916 um eine ganz andere Zeit handelt. Der Inhalt war so dicht und die Beschreibungen so gut, dass ich nicht das Gefühl hatte, Kurzgeschichten zu lesen.
Idella, die den ganzen Haushalt aufgebürdet bekam, aber kaum einen Dank oder Anerkennung dafür spürte, packte mit 19 Jahren (1929) ihren kleinen Koffer und setzte sich in die USA ab. Davon handelt ein sehr kurzer Teil 2, mit nur zwei Kurzgeschichten.
Von nun an gehen Idella und Avis getrennte Wege, was bei den unterschiedlichen Charakteren auch besser ist. Allerdings folgt Avis ihrer Schwestern nach Boston, arbeitet in der Beautybranche wogegen Idella eine Anstellung als Hausmädchen hat. Idella zieht weiter nach Maine, wo sie einen Autoverkäufer heiratet , mit ihm eine Familie gründet und später zusätzlich einen Laden (DriveIn) mit Lebensmitteln, Zigaretten, Alkohol und Zeitungen eröffnet.
Leider ist nicht nur Teil 2, sonder auch Teil 3 sehr dünn, so dass wir fast nichts über das Familienleben Idellas erfahren. Noch weniger über Avis, die viele Männer hatte und eine zeitlang im Knast saß. Der Teil 3, bestehend aus Rückblicken von Idella, Avis und Barbara, der ältesten Tochter Idellas, ist nicht nur inhaltlich dünn, sondern ziemlich langweilig geschrieben.
Der letzte Teil des Buchs hat mir wieder besser gefallen. Er besteht aus vier Kurzgeschichten. Eine Affaire von Idellas Ehemann, ein Überfall auf Idella in ihrem Laden, die Beerdigung von Bill Hillock und zum Schluss Idellas Mann im Pflegeheim sowie der Tod beider Schwestern. Einige Dinge, die im Laufe des Buches offen geblieben oder angedeutet werden, wurden im letzten Teil erzählt.
Fazit
Auch wenn mir die beiden mittleren Teile, v.a. Teil 3 nicht so gefallen haben, finde ich das gesamte Buch sehr schön und empfehlenswert. Sehr schade fand ich, dass aus dem Erwachsenenleben von Idella, und sie hat immerhin vier Mädchen mit ihrem Mann, bekommen, so wenig zu lesen war. Andere Frauen bloggen über ihre einzelnen Tage mit den Kindern, so dass klar ist, bei vier Mädels, auch wenn sie im Abstand von sieben Jahren geboren wurden, dürfte das Leben nicht gerade langweilig gewesen sein.
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