Matthias Keidtel: Das Leben geht weiter

Ein Bücherwurm auf Instagram gab den Tipp, dass Bücher für 1,-€ verkauft werden. Da ist es dann nicht so schlimm, wenn ich einen Flop erwische und genau das ist passiert. Für diese Komödie habe ich mich aus mehreren Gründen interessiert: Die Handlung spielt in Berlin – Ost- sowie West-Berlin und Stadtrand sowie City. Interessant ist das zum einen, weil ich die Orte fast alle kenne und mit den meisten von ihnen etwas verbinde, aber auch weil dem Autor im Klappentext das Lob zugeschrieben wird, in Loriots Fussstapfen zu treten. All diese Orte mit den Augen der Romanfigur, im Stil von Loriot zu sehen, hätte mir gefallen.
Es geht in dem Buch darum, den Sonderling, Felix Holm, eine Mischung aus Loriot, Monk und ein bisschen Lisa Plenske, durch den gewöhnlichen Alltag und Situationen in speziellen Milieus laufen zu lassen. Die Komik besteht in dem Aufeinanderprallen oder der Gegenüberstellung von Unterschieden in der Wahrnehmung und Bewertung. Als Holm in eine Fussballkneipe, zwischen rufende Fans gerät, ohne die leiseste Ahnung von dieser Sportart und den Vereinen zu haben, konnte mensch direkt etwas Angst um den Holm empfinden.
Die Romanfigur mochte ich die erste Zeit irgendwie. Der 38-Jährige ist ein lieber Kerl, intelligent aber mit Technik-Phobie, sehr schüchtern, schreckhaft, nachdenklich, depressiv und erstaunlich weltfremd, hat er doch tatsächlich kaum Erfahrungen im Berufs- und Liebesleben gemacht. Zudem hat Holm einige Züge von Monk: Er lässt sich von vielen Sachen zutiefst verunsichern  oder bekommt sogar Angst, weshalb er spießig und altmodisch ist, neurotisch an Relgmäßigkeiten und zwanghaften Ritualen fest hält.
Es kam für mich so rüber, als hätte er nie Berufswünsche oder Ziele gehabt und weiss nun immer noch nichts mit sich und seinem Leben anzufangen, obwohl er sich diesbezüglich unter Druck setzt. Er fühlt sich als Versager, weil er keine Aufgabe,  sein Leben kein Ziel hat und bei ihm alles schief geht. Er spürt einen starken Druck, seine Zukunft aktiv anzugehen, sein Leben zu planen, aber wie??? Aus einer Rezension des 1. Bands weiss ich nun aber, dass er Philosophie studiert hatte.
Auch verstehe ich in Band 2, er wäre noch nie verliebt gewesen / er sei aktuell das erste mal verliebt. Z.B. S.212: „Zweifellos fühlte er sich von dieser Frau angezogen. … beim Anblick der Tresenkraft ein seltsames Kribbeln im Bauch gefühlt, das nur schwer zu erklären sei.“ und S.247, 3.Absatz: „Holm war verliebt. … Seine Tante hatte Recht gehabt, man spürt es, wenn man verliebt war.“ Die Beziehung zu seiner Ex, die ihn rausgeworfen hat, tut er als erste Erfarungen, und bizarre Episode u.ä. ab.
Wie auf dem Cover bereits zu entnehmen ist, wohnt Holm also wieder in seinem Elternhaus, im Rudower Einfamilienhaus, und so wie sein Leben bei den Eltern geschildert wird, handelt es sich um ein erstklassiges Hotel Mama. Er wohnt nämlich nicht wie es im Klappentext steht, „in seinem Kinderzimmer“, sondern im Dachgeschoss, wo er zwei Zimmer zur Verfügung hat. Ausserdem verlangen seine Eltern absolut nichts von ihm, während die Mutter alles für ihn tut. Ich gewann den Eindruck, Holm könne dort solange bleiben wie er möchte. Holm möchte aber auf eigenen Füßen stehen, sich ernst genommen fühlen, etwas darstellen, erfolgreich sein u.s.w.. Ich habe mich mehrfach gewundert, warum er das nicht lockerer sieht und warum zwischenzeitlich bei seiner Tante gewohnt hat. Ich musste erst Rezensionen zu Band 1 lesen, um in Erfahrung zu bringen, dass seine Eltern oder seine Mutter ihn vor die Tür gesetzt hatten, damit er einen eigenen Haushalt zu führen lernt.
Über 200 – und der Roman hat 449 Seiten – habe ich mich gut oder sogar bestens amüsiert und dachte schon erfreut, bei dieser Komödie einen Glücksgriff gemacht zu haben. Jede Szene ist neu und hält komische Überraschungen bereit. Eine Busfahrt, die an sich langweilig ist, wird durch die Augen des weltfremde Holms zu einem Erlebnis. Holm nun in einer Strumpfhosenabteilung oder einem Supermarkt zu lesen, wo schon weltgewandte Männer etwas unsicher werden können, ist natürlich urkomisch. Aber er gerät auch in wirklich skurrile Situationen, z.B. die erwähnte Fussballkneipe, ins Rotlichtmilieu und sogar in ein Striptease-Lokal, in dem er sich in eine Mitarbeiterin verliebt. Das erste mal verliebt!
Leider begannen mir dann Wiederholungen und immer wieder sehr ähnliche Formulierungen aufzufallen. „… blieb ungeklärt.“ „… blieb ungewiss.“ „… war (allerdings) nicht zu beantworten.“ „Ob er/sie … blieb ihr/sein Geheimnis.“ „… war (eigentlich) unbegreiflich.“ In dieser Art und fast ohne Ende. Das ist mir unangenehm aufgestossen und hat genervt.
Im Laufe des Romans verändert sich Holm. Für mich sah es erst aus, als würde sich aus einer Raupe ein Schmetterling entpuppen. Neue Kleidung, eine Sonnenbrille, die Menschen sehen in anders an… Leider schlägt Holm aber ins andere Extrem um, was wohl auch wieder komisch sein soll. Er verändert sich, weil er gegenüber dem Arbeitgeber und seiner Angebeteten unbedingt etwas darstellen will. Er verschweigt, täuscht, lügt und stapelt hoch. Ausserdem zeigt er sich frauen- und fremdenfeindlich sowie rassistisch. Dadurch wurde er mir im Laufe des Romans immer unsympathischer.
Es gibt auf S. 399f eine furchtbar ekelhafte Sexszene, bei der mir schlecht geworden ist.
Ärgerlich wurde es dann wegen Fremdenfeindlichkeit, Ostfeindlich, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und sonstigen Intoleranzen.
S.289 heisst es „… dem freundlichen, wenn auch schwarzen Angestellten…“
S.342 „Das fehlte noch, dass sie mit irgendwelchen Türken Hammelfleisch aßen.“
S.379 „Diese Person scheint auch noch aus Polen zu kommen….Seit die Polen der Europäischen Union beigetreten waren, zeigten sie langsam ihr wahres Gesicht. …“
S404f „… Holm als gebürtiger Deutscher… . Selbst ohne Fahrschein wäre er immer noch weitaus bereichtigter, hier zu sitzen, als ein Ausländer ohne Fahrschein.“
S.342 „Soziale Verantwortung war im Osten offensichtlich unbekannt.“
S.284 „Holm wurde von einer Frau befohlen, was er zu tun hatte, und das war dann doch ein bisschen zu viel für seinen Geschmack.“
S.322 „Piepsmaus“ für Angestellte im Solarium
Wäre der Verlag, Universo, nicht ganz so schlecht, hätte in meinem Buch wenigstens ein kleiner Hinweis auf die Holm-Triologie gestanden, so dass ich gewusst hätte, den zweiten Band in den Händen zu halten.
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