Anne C. Voorhoeve:  Lilly unter den Linden

Da morgen mal wieder Tag der Deutschen Einheit ist, passt diese Rezension gut. Dieses Buch habe ich allerdings nicht deshalb gerade gelesen. Ein Nachbar hat viele Sachen weggegeben, als er auszog. „Unter den Linden“ also Berlin hat mich zu dem Buch gezogen, und der Inhaltsanriss erschien mir sehr interessant. Aber lest selbst:

1988 stirbt Rita in Hamburg an Krebs, und hinterlässt ihre 13jährige Tochter als Vollwaise. Lilly, die sich fortan in Obhut des Jugendamtes befindet, lernt auf der Beerdigung die Schwester ihrer Mutter kennen. Sie spürt bei dieser Begegnung sofort eine besondere Verbindung zu ihrer Tante Lena. Lilly möchte zu Lena nach Jena übersiedeln, denn ausschließlich dort, dem Heimatort ihrer Mutter, hat sie noch Verwandte. Ihr Vormund vom Jugendamt tut ihren Wunsch als kindlich naiven Einfall ab. Tatsächlich weiss Lilly fast nichts über die DDR, denn mit Politik hat sie sich noch nicht beschäftigt, meint einfach nur Familienzusammenführung sei ganz natürlich und logisch. Als die Unterbringung in eine Pflegefamilie bevorsteht, ergreift das Mädchen die Flucht. Eine Flucht IN die DDR.

Die Konsequenzen einer illegalen Überquerung der innerdeutschen Grenze aber erahnt das Mädchen nicht einmal – weder in die eine, noch in die andere Richtung. Ihre Mutter, die vor 15 Jahren in die andere Richtung geflohen ist, hat nie erzählt, welche Probleme sie ihrer Familie eingebrockt hat. Dementsprechend unbedarft schlägt sie in Jena, bei Tante Lena und Familie auf.

1988 ist für uns heute eine Jahreszahl, die uns im Bezug auf Lillys persönliche Geschichte beruhigt abwinken lässt, aber die Protagonisten wussten damals noch nicht, dass die DDR ein Jahr später zusammen bricht.

Erst recht spät, auf S. 130 hat mich das Buch gepackt, so dass ich wirklich wissen wollte, wie die Geschichte mit Lilly weiter geht. Wo wird sie leben und was entwickelt sich im zwischenmenschlichen Bereich?  Interessant dargestellt empfand ich Lillys erste Eindrücke in der DDR und somit die Einblicke in das Leben der einstigen DDR und die Gegenüberstellung beider Kulturen /Mentaliltäten, als z.B. Lilly und Lena einkaufen gehen (Schlange stehen und andere, Wartezeiten, „Mangelware“ und „Bückware“). Anne C. Voorhoeve bringt auf eine angenehme, lebhafte Art viele Informationen über die noch junge deutsch-deutsche Geschichte rüber. Die story wirkte auf mich authentisch, ob tatsächlich um eine wahre Begebenheit handelt, weiss ich nicht. Der Roman – es war übrigens erst nur als Drehbuch verfasst – ist aus Lillys Perspektive geschrieben und als Erzählung in die Gegenwart verpackt. Am Anfang und Ende die erwachsene Lilly zu haben, hat mir nicht so gut gefallen, weil der Wechsel – insbesondere am Schluss – wie ein Bruch auf mich wirkte. Lilly ist eine sympathische Protagonistin, die wird als sehr infantil dargestellt wird. Wie bereits berichtet, hat sie wenig Durchblick, ist sehr uninformiert und durch den ständigen Gebrauch des Wortes „Mami“ soll sie vermutlich auch auf die jüngeren Lesenden kindlich wirken. Dieses ewige „Mami“ hat mich ziemlich genervt, denn ich kenne keine 13-Jährigen, die das Wort „Mami“ benutzen. Tante Lena und Onkel Rolf, übrigens beide große Buchliebhaber, fand ich auf Anhieb sympathisch. Den Umgang der Personen miteinander hat Voorhoeve sehr feinfühlig geschrieben.

Insgesamt liest sich das Buch gut und ist empfehlenswert. Jugendbuch ist meiner Meinung nach die falsche Kategorie, es ist viel eher ein Buch für jedes Alter, mit einer jugendlichen Hauptperson.

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