Weihnachten buckligen Verwandtschaft

Weihnachten mit der buckligen Verwandtschaft ist eine Anthologie von
Dietmar Bittrich (Hg), in der folgende AutorInnen / Weihnachtsgeschichten vertreten sind:
  1. Andreas Greve: Trendkost
  2. Lena Hach: Das beste Geschenk der Welt
  3. Michel Bergmann: Weihnukka
  4. Katrin Seddig: Wie wir die heiligen Weihnachten unserer Mutter zerstörten
  5. Edgar Wilkening: Fördert den Nachwuchs
  6. Tania Kibermanis : Herausgeforderte Tiere
  7. Sören Sieg: xoxo
  8. Kathrin Weßling: Der Aggregatzustand von Glück
  9. Tillmann Prüfer: Die Tanne meines Urgroßvaters
  10. Susanne Fischer: Der längste Dezember meines Lebens
  11. Harald Braun: Die Millionen von Amaru Jensen
  12. Isabel Bogdan: Klein Fawa
  13. Karsten Hohage: TanteLeni, dieRussen, Onkel Paul und die blöde Latschenkiefer
  14. Iris Alanyali: Weihnachten bei Mohammeds
  15. Hartmut Pospiech: Baum in Blau und Lila
  16. Tina Uebel: Wenn Mona kommt
  17. Osman Engin: Die Eroberung von Wien
  18. Dietmar Bittrich: Die Mappe meines Urgroßvaters
Durch den Titel, das Coverbild und den Klappentext hatte ich Komik – in der Art von etwas schräg bis skurril – erwartet. Nun ist Humor mit allem drum und dran bekanntlich ein weiters Feld, die Geschichten sind aber in allen Kriterien sehr unterschiedlich. Somit dürfte zwar für jeden Gechmack etwas dabei sein, aber vermutlich wird niemensch an allen Geschichten Gefallen finden. Das ist meiner Meinung nach etwas ungeschickt, da ich mir ein Buch leihe oder kaufe, an dem ich möglichst viel Gefallen finden möchte, mich aber weniger dafür interessiere, ob andere Leute Teile meines Buches gut finden könnten. Daher aber auch wegen der Länge eignen sich die Stories nicht zum Vorlesen. Einiges Weihnachtsgeschichten waren ausserdem – viel – zu langatmig geschrieben, was nicht sein müsste. Das wirkt auf mich, als würden die AutorInnen unbedingt Seiten füllen wollen, was nicht im Sinne der Lesenden sein kann.
Kurzbeschreibung der Shortstories und meine Meinung
Damit ihr auf den ersten Blick sehen könnt, wie gut mir welche Story gefallen hat, verwende ich die Ampelfarben mit zusätzlichen Nuancen. Je kräftiger das Grün, desto besser gefällt mir die Weihnachtsgeschichte und je kräftiger das Rot, desto schlechter fand ich sie.
Andreas Greve: Trendkost 3,5 Seiten
Der Ich-Erzähler ist zum Weihnachtsbrunch eingeladen, wo Besteck und Teller essbar sind. In den Gesprächen stellen die Gäste und Gastgeber immer wieder ihr modernes Bewusstsein zur Schau. Es geht darum, einen Trend zu verulken oder Leute, die ständig modern sein möchten. Die Umsetzung hat mir nicht besonders gefallen.
Lena Hach: Das beste Geschenk der Welt 8,5 Seiten
Der Ich-Erzähler, ein Kind, kann nicht bis zum 24. abwarten und sucht jedes Jahr die Weihnachtsgeschenke, was ihm bisher leicht fiel. Nicht so dieses Jahr. Wir Lesenden dürfen gespannt sein, ob er es findet und ob seine Eltern ihn beim Suchen oder Finden erwischen. Eine nette Geschichte, die ein überraschendes Ende hat.
Michel Bergmann: Weihnukka
1949 fielen Chanukka und Weihnachten zusammen. (Chanukka ist ein jährlich gefeiertes jüdisches Fest.) In einem zum Flüchtlingsheim umfunktionierten ehemaligen jüdischen Krankenhaus wollten die Bewohner, überwiegend Juden, für ein besonders beliebtes Waisenmädchen aus Schlesien ein Weihnachtsfest geben. Dieses organisierten sie heimlich und die Freude war perfekt, bis sich plötzlich ein Rabbi ankündigte, um Chanukka mit den Flüchtlingen zu feiern. Wie die Situation ausging, verrate ich euch nicht. Mir war die Geschichte zu lang.
Katrin Seddig: Wie wir die heiligen Weihnachten unserer Mutter zerstörten ca. 13 Seiten
Hier geht es um eine fünfköpfige Familie. Ein Baby und zwei Töchter, von 8 und 10 Jahren. Die Mutter hatte immer sehr hohe Erwartungen an Weihnachten, denen insb. die mittlere Tochter gerecht zu werden versuchte. Die beiden Mädchen hatten sich ständig in der Wolle…
Die Geschichte war viel zu lange und hat mir inhaltlich sowie von der Schreibe her überhaupt nicht gefallen.
Edgar Wilkening: Fördert den Nachwuchs
Leo ist ein Junge, der nach der Schule eine Musikschule besucht. Seine Eltern legten Wert darauf, dass Leos Onkel und Tante sich ein zu Weihnachten aufgeführtes Konzert der Musikschüler ansehen. Der Ich-Erzähler ist Leos Onkel und sitzt mit seiner Schwippschwägerin, Anne, die Leos Tante ist, im Publikum und hat mehrere Flaschen Alkohol mitgebracht. Auf seine Initiative hin betrinken sich die Beiden, wodurch die Musik erträglicher, die Laune besser und ihr Verhalten auffälliger wird. Kurz zusammenfassend handelt es sich also um eine Alkoholiker-Story und ein Blick in die Bibliographie Wilkenings zeigte mir, dass er nicht nur diese eine Säufer-Geschichte publiziert hat. Darüber kann man Schmunzeln, müde lächeln oder entsetzt sein, aber formuliert war sie gut. Wenn ich betrunken bin gefallen mir derartige Stories (es gibt viele von ihnen), aber bei klarem Verstand bin ich der Meinung, dass es eine Art Verherrlichung von Suchtmittel und Suchtverhalten ist, die andere Menschen triggert. So kann jemand läger brauchen, bis er einsieht süchtig zu sein, trockene Alkoholiker mit Suchtdruck könnten getriggert und rückfällig werden, andere Menschen fühlen sich bestätigt und trinken leichtfertiger… .
Tania Kibermanis : Herausgeforderte Tiere 6 Seiten
Super Geschichte. Ich habe das Buch von vorne nach hinten gelesen und diese Story war besser als alle vorhergeheden. Die Eltern des Ich-Erzählers sind getrennt und haben beide neue Partner, wollen aber am 24. zusammen feiern. So findet sich eine illustre Gesellschaft zusammen: Religionslehrer, Geschäftsmann, sexy Lateinamerikanerin, Esoterikerin, Betreiberin eine Gnadenhofs für Tiere, ein behinderter Waschbär und der Erzähler. Behinderungen werden modernerweise als Herausfoderungen bezeichnet, was den Titel der Story erklärt. Die Komik wird durch das Aufeinanderprallen der verschiedensten Menschen erzeugt.
Sören Sieg: xoxo 14,5 Seiten
Dies ist die allerbeste Geschichte der Anthologie.
Der 18-jährige Jonathan ist der Ich-Erzähler und hält nicht viel von Erwachsenen, weil sie ständig lügen, sich blöd mit der Technik anstellen und sich im Internet blamieren. Seine Eltern betrügen sich beide, worüber er bestens bescheid weiss, da er ihre eMails lesen und auch das Profil seines Vaters auf einer Bagger-Community einsehen kann. Zu Weihnachten erscheint Onkel Matze, mit seiner Familie. Auch er geht seiner Frau fremd und ihre 16-jährige Tochter, die eigentlich hoch-intelligent ist, will, anders als Jonathan, nichts davon bemerken. Die Illusion der heilen Familie platzt als, ihr 7-jähriger Halb-Bruder Papas Handy durch die Gegend trägt und eine Flash-SMS von Matzes Geliebter eingeht. Nun weiss Jonathan auch darüber bescheid und als seine Mutter kurz darauf das Handy im Kinderzimmer entdeckt, ist sie peinlich berührt von der SMS. Nun, wo wir Lesenden in die Sünden und Peinlichkeiten von drei der vier Erwachsenen eingeweiht sind, setzen sich alle Beteiligten gemeinsam an den Tisch zu einem netten Weihnachtsessen. Mehr wird nicht verraten.
Kathrin Weßling: Der Aggregatzustand von Glück 21,25 Seiten
Margarethe fühlt sich betrogen, weil sie für Florian und eine erträumte gemeinsame Zukunft ihre Karriere aufgegeben hat und Florian ist mit ihr unzufrieden. Bei einer Verlosung gewinnt sei ein Haus. Ein passendes Grundstück hat sie vor ein paar Jahren geerbt. Seit Margarethes Gewinn ist Florian wieder Feuer und Flamme für seine Frau und zuvorkommender als er jemals zu ihr war…. Sie aber will ohne ihn in das Eigenheim einziehen. Da kommt ihre hübsche, raffgierige Schwester Annete gerade Recht. Da diese von ihrem Mann verlassen wurde, fiel ihr plötzlich wieder ein, dass sie eine Schwester hat. Margarethe gibt sich hilfsbereit und lädt ihre hübsche Schwester häufig ein, um sie als Störfaktor für ihre Partnerschaft zu nutzen. Vielleicht kann sie ihren Mann sogar an ihre Schwester abtreten. Dann hätte sie das Haus für sich alleine, sozusagen in allen Punkten gewonnen, aber wäre das Glück? – Hat sie sich das Glück so vorgestellt? Diese Geschichte wendet sich mehrfach unerwartet. So bleibt sie bis zum Schluss interessant.
Tillmann Prüfer: Die Tanne meines Urgroßvaters 10,25 Seiten
Handelt vom Weihnachtswahnsinn, der von einer Generation in die nächste übernommen und verstärkt wird. Anfangs betrachtet der Erzähler ein Foto seines Urgroßvaters an der Wohnzimmerwand. Dieser hatte die Angwohnheit in seinem kleinen Wohnzimmer mindestens zehn Weihnachtsbäume aufzustellen und mit Moos, Steinen und allerlei aus dem Wald zu dekorieren. Diese Angewohnheiten zu steigern – Großvater, Elterngeneration und im Ich Erzähler gipfeln zu lassen stellt die Komik der Story dar. Allerdings hat sie mich doch weniger beeindruckt, so dass es eine der ersten Geschichten war, die ich wieder vergessen hatte.
Susanne Fischer: Der längste Dezember meines Lebens 10,5 Seiten
Diese Geschichte hat mich anfangs richtig mitgenommen, denn es geht um ein Mädchen, die von ihren drei Jahre älteren Schwestern regelrecht gemobbt und auch von den Eltern zurückgesetzt oder wenig beachtet wird. Die Lieblingskinder der Eltern, Zwillingsschwestern, sabotieren jedes Jahr das Weihnachtsfest. Jahr für Jahr erarbeitet sich das Nesthäkchen mehr Kompetenzen, wie kochen, backen, Pralinen herstellen. Die Ich-Erzählerin arbeitet hart für Anerkennung und kämpft für ein gelungenes Weihnachtsfest. Die Story nimmt eine überraschende und interessante Wende.
Harald Braun: Die Millionen von Amaru Jensen 24,25 Seiten
Das ist eine super Story! Das Schöne ist das Miteinander von vier Generationen.
Hautperson ist Oma, die den Krieg noch miterlebt hat und letztes Weihnachten, auf Initiative eines nerdigen Enkels, einen Laptop mit Internetzugang geschenkt bekam. Dieses Jahr will sie plötzlich und untypischerweise kein Weihnachten feiern, keine Geschenke und keinen Besuch. Was stimmt mit Oma nicht? Ihre Kinder wollen es wissen. Oma ist sowas von Pleite, dass sie nicht mehr weiter weiss. Aufgrund einer eMail im schlechten Deutsch, den sogenannten Yahoo-Boys, wie ihr Enkel weiss, hat sie ihr ganzes Geld verloren. Nun wird in der Familie telefoniert und geplant. Alle treffen sich bei Oma, bringen Essen und Geschenke mit, organisieren einen Baum… und der Computer-Nerd-Enkel bringt seine Freunde mit, und zu sehen, ob er den eMail-Betrügern hinterherspüren kann. Wie es ausgeht, verrate ich euch natürlich nicht, aber auch unabhängig davon ist der kleine Weihnachtskrimi von der Atmosphäre und der Entwicklung her total schön.
Isabel Bogdan: Klein Fawa
Eine super-schöne Geschichte, in der eine Familie mit zwei eigenen Kindern einem Adoptivkind aus Asien und von beiden Elternteilen eine Mutter. „Klein Fawa“ ist der Wunsch des noch schlecht sprechenden Kleinkindes und meint kleines Fahrrad. Eine Oma ist dement, die andere schlechtgelaunt seit dem Tod ihres Mannes.>
Karsten Hohage: Tante Leni, dieRussen, Onkel Paul und die blöde Latschenkiefer
Hier sollen verschiedene Zweige einer Familie unter einen Baum gebracht werden, was als familieneigene Ökumene bezeichnet wird. Aufgrund von Langeweile abgebrochen.
Iris Alanyali: Weihnachten bei Mohammeds 21,25 Seiten
Vater ist Türke und ein engagierter Freund des deutschen Weihnachtsfestes. Mutter ist Deutsche, stammt aus einer katholischen Familie und hat nur noch ihre Mutter. Das deutsch-türkische Kind kennt sich durch viele Türkeireisen mit beiden Kulturen gut aus. Zu Weihnachten laden sie die türkische Familie des Vaters nach Deutschland ein, um mit ihnen gemeinsam ein deutsches Weihnachtsfest zu feiern. Die ebenfalls eingeladene katholische Mutter ist sich lange nicht sicher, ob sie die Einladung annimmt, reist auf den letzten Drücker ab, hat keine Geschenke, verdirbt die Stimmung und geht dann allein in die Kirche . Wie es weiter geht, bleibt eine Überraschung.
Hartmut Pospiech: Baum in Blau und Lila 15,5 Seiten
Der 41-jährige Bernd feiert Weihnachten jedes Jahr mit seiner großen Familie. Eine eigene Familie hat er nicht gegründet und wenn er in Partnerschaft lebt, versucht er dennoch die Feiertage mit seiner Familie zu verbringen. Er kauft jährlich 16 Weihnachtsgeschenke, womit er – zumindest in Gedanken – seit dem Frühling beschäftigt ist. Dieses Jahr hat ihn seine Freundin kurz vor der Weihnachtszeit verlassen, so dass er wegen dem 24. seine Verwandten anrief. Dabei erfuhr er stockend, dass Weihnachtendieses Jahr ausfällt. Die Mutter hat sich darauf verlassen, dass seine Schwester es ihm sagt und diese hatte es vor sich her geschoben…. Letztendlich telefonierte Bernd noch mit  einigen anderen Verwandten, und bekam den Eindruck als hätte niemand aus der Familie Lust gehabt, jedes Jahr Weihnachten zu feiern. Was nun??? Das verrate ich euch nicht, aber der 24. Dezember wird kommen.
Tina Uebel: Wenn Mona kommt 9,5 Seiten
Ekelhaft an mehreren Stellen. Wer Mona genau ist und wer der oder die Wartende??? Jedenfalls eine unangenehme Story.
Osman Engin: Die Eroberung von Wien
Eine schöne Weihnachtsgeschichte. Eine Satire.
Seitdem der Ich-Erzähler, ein gebürtiger Türke, wie die Deutschen Weihnachten feiert, ist er auch so gestresst wie die Deutschen. Also versucht er auch so wie einige Deutsche, dem Weihnachtsstress durch eine Reise zu entkommen. Aber wohin, wenn es die anderen ebenso machen. Ab nach Österreich. Ob es dort besser ist, verrate ich euch aber nicht.

Dietmar Bittrich: Die Mappe meines Urgroßvaters
ist böse und dennoch langweilig, kann als verschlüsselte Hitler-Geschichte verstanden werden und nachdenklich stimmen.

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