Club der letzten Wünsche

Tamy Fabienne Tiede: Club der letzten Wünsche

Die Handlung will ich eingangs nur kurz skizzieren, da der Roman eher gefühlvoll und nachdenklich als handlungsaktiv ist. Jesslyn ist gerade erst von der Schule abgegangen und liegt schon im Sterben. Das weiss sie allerdings noch nicht, denn mehr als die Diagnose Krebs lässt sie nicht an heran. Erst in Kapitel 11, nimmt ihr Halbbruder sie an die Hand und sie all ihren Mut zusammen, um sich den Weisskitteln und ihrem Schicksal zu stellen. Nun erfährt sie endlich, dass die Chemo-Therapie nur ihren Tod herauszögern und ihre Schmerzen lindern kann. Fünf Kapitel später verfasst sie eine „Das-muss-ich-noch-dringend-machen-bevor-ich-an-Scheißkrebs-sterbe-Liste“. Jesslyns Freunde halten zu ihr , verbringen die letzte Lebensphase mit ihr und versuchen, ihr die letzten Wünsche zu erfüllen.

Dieser Roman ist ganz frisch – am 01.02.2017 – erschienen. Ich habe ihn bereits vor der Veröffentlichung auf der Nachwuchs- und HobbyautorInnenplattform, Wattpad, gelesen. Dort ist Tamy Fabienne Tiede, von Piper, entdeckt worden. Da ich bereits zwei Bücher von wattpad-Gewinnerinnen des Piper-Awards, mit Begeisterung gelesen habe, vermutete ich bei dieser Selektion generell ein hervorragendes Leseerlebnis. Außerdem bin ich durch eine Empfehlung auf das Werk aufmerksam geworden. Aus diesen Gründe begann ich das Buch zu lesen, obwohl mir der Titel missfällt. „Club der letzten Wünsche“ wirkte auf mich nicht nur depressiv, sondern weckte in mir die Assoziation „Club der roten Bänder“ und diese zufälligen oder auch beabsichtigten Ähnlichkeiten lehne ich ab. Auf wattpad findet eine Kommunikation zwischen Lesenden und Schreibenden per Kommentarfunktion statt. In einer Kommentarspalte habe ich erfahren, dass der Roman ursprünglich den Titel „Disgusted“ trug, aber vom Piper-Verlag umbenannt wurde. Schade!!! „Disgusted“ finde ich viel besser und wesentlich passender zu Jesslyn, einer rebellische 19-Jährigen, die ihre scharfe Zunge gerne benutzt, um den scheinheiligen, verlogenen Spießern etwas entgegen zu setzen, von denen sie disgustet, zu deutsch angewidert ist. Jesslyn bezeichnet sich selbst als „Miststück“, „fies“ und „ätzend“, aber für mich sah es genau andersherum aus. Mehr ein Mädchen als eine Frau, mit verletzter Seele, Angst und frechem Mundwerk. Ich mochte sie von Anfang an, diese Zuneigung ließ mich weiter lesen und je mehr ich sie im Verlauf der Handlung kennen gelernt habe, desto liebenswerter erschien sie mir. Das schent ein Talent von Tiede zu sein. Sie verleiht den handlungstragenden Personen viel Tiefe und gestaltet sie sehr liebenswert. Jesslyns Halbbruder, Boomer, ihre beste Freundin, Yuliya, und ihr Lover, James, besitzen alle eine ausgeprägte Individualität und hohe Sympathiewerte. Auch die Interaktion der Personen scheint ein Talent der jungen Autorin zu sein. Diese Szenen, z.B. Wortwechsel, Mimik, Gestik wirken lebhaft und authentisch.

Es geht in dem Buch auch viel um Gefühle, um Freundschaft und Liebe, sowie um die Weiterentwicklung der Persönlichkeiten und um die wichtigen Fragen des Lebens.

In der Danksagung schreibt Tiede, sie will, dass wir uns mit dem Thema auseinandersetzen, insbesondere dem persönlichen Aspekt: Jeder Mensch kann jederzeit von einer todbringenden Krankheit befallen werden , und würde durch die Diagnose aus seiner Lebensplanung, seinem Alltag, finanziellen und gesellschaftlichen Status geschleudert werden. Tiede möchte uns die Überlegung nahe bringen: Was wäre, wenn die Zeit plötzlich knapp wird? Auch sie selbst habe sich durch die Erschaffung dieses Werks verändert, habe z.B. gelernt wie wichtig Dinge sind, die sie zuvor für selbstverständlich gehalten habe, z.B. Zeit zu haben, wie wichtig die Liebe und das Leben ist.

Tiede hat mich mit ihrem Roman emotional berührt, wenn auch nicht so intensiv, wie viele der Kommentierenden, die fast alle schrieben, wo, bzw. ab wann, wie viel und wie sehr sie geweint haben. Allerdings sind auf wattpad auch überwiegend Teenager und Jugendliche zu sehen, die also mit Jesslyn vergleichbar sind. Ich glaube, ältere Menschen sehen dem Tod schon anders oder eher entgegen. Für viele Optionen ist die Zeit bereits abgelaufen, Ziele wurden bereits erreicht oder aufgegeben, Freundschaften sind quer über das Land oder den Globus verstreut, Familie ist zum Teil schon verstorben. Ich habe von vielen älteren und alten Menschen gehört, dass sie nicht noch mal jung sein möchten. So geht es mir auch zu ca. 50%, aber mit den anderen 50% würde ich doch gerne einige Dinge nachholen, die ich aus heutiger Sicht verpasst habe. Aber dazu wird es nicht kommen, denn die Chance ist vorbei, die Zeit ist nun mal abgelaufen.
Was mich als älteren Menschen traurig macht, ist weniger der Gedanke an den näher rückenden Tod, sondern eher die Abhängigkeit von anderen Menschen, anders ausgedrückt die Einsamkeit vor und während des Sterbens. Denn offen gestanden, glaube ich nicht, dass viele Menschen so gute FreundInnen haben wie sie Tiede für Jesslyn geschrieben hat. Positiv empfinde ich aber die Entwicklung, die wir gemeinsam in Deutschland machen. Krankheit, Sterben, Tod und Trauer waren lange Tabuthemen, sind es evtl. in einigen Kreisen immer noch. Aber inzwischen haben wir eine Hospitzbewegung, Hilfen zur Trauerbewältigung / Trauerarbeit und mediale Auseinandersetzungen mit dem – zu frühen – Tod, wie auch dieses engagierte und dramatische Buch über Krebs von Tamy Fabienne Tiede. Zusammengefasst haben wir ein gemeinsames Kulturgut, mit dem wir uns kollektiv in eine positive Richtung entwickeln. Insofern verstehe ich auch Tiedes Motivation, die Menschen zu bewegen, uns auf den Weg zu bringen, hin zu einem bewussteren Leben und einem bewussteren Sterben. Ich bin froh, Club der letzten Wünsche gelesen zu haben und empfehle es an jung und alt weiter. Nehmt es wirklich mal als Chance zum Nachdenken.

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