Kai Hermann: Engel und Joe

Kai Hermann ist einer der Journalisten und Autoren von „Christiane F. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Jahrzehnte später, aber immer noch für den „Stern“ ging Hermann erneut auf die Straße, in eine Szene von Straßenkindern, Drogensüchtigen und Punks, die er am Alexander Platz auftat. Er  recherchierte zwei Jahre für die Stern-Reportage „Eine Liebe in Berlin“ und ließ dieses Buch daraus entstehen.

Die Mutter von Joe interessiert sich nur für materielle Dinge und Männer. Wie es ihrer Tochter Johanna geht, kümmert sie nicht. Als die 15-Jährige mal wieder von dem widerlichen Freund ihrer Mutter geschlagen wird, haut sie von zu Hause ab.

Der 17-jährige Punk, Engel, ist auch von zu Hause abgehauen. Von einem Kaff, an der ehemals innerdeutschen Grenze, hat er sich nach Berlin durchgeschlagen, wo er meistens mit seiner Punk-Clique am Alexanderplatz rumhängt. 

Als Joe und Engel sich kennenlernen ist es Liebe auf den ersten Blick. Er sagt ihr ehrlich, dass er drogensüchtig ist, aber Joe ist mit ihren 15 Jahren so naiv zu glauben, ihre Liebe wäre stärker als die Drogen. Sie wird schwanger und durch die sozialen Projekte für Mütter mit Kindern hätte sie eine gute Chance, eine Bleibe vermittelt zu bekommen – wenn Engel nicht wäre. Dieser Punk, mit seinem Drogenkonsum, mehreren Vorstrafen und angeblich aggressiv-gewalttätigen Art ist den Sozialtanten ein Dorn im Auge. Joe will sich nicht von fremden Leuten die Gefühle verbieten lassen. Ohne Unterkunft darf Joe ihe Kind nicht behalten ( und sie selbst müsste auch in ein Heim gesteckt werden ), weil in Deutschland kein Kind obdachlos sein darf. Joe will ihr Baby hehalten und mit Engel zusammen bleiben.

Hermann spricht die Gefühle der Lesenden an, weckt Empathie und rüttelt sicher viele auf. Als Leserin konnte ich mich zwar, aufgrund des Altersunterschieds, nicht mit den ProtagonistInnen identifizieren, aber ich habe um Johanna gezittert – für sie gehofft, dass wenigstens das Schlimmste nicht eintritt. Als Kind Mutter zu werden, ok als Teenagerin, empfinde ich schon als etwas Schlimmes, aber in Joes Situation könnte die Mutterschaft eher eine Lösung für ihre Obdachlosigkeit, als ein zusätzliches Problem sein. Aber die Spannung bleibt. Wird ihr das Kind weggenommen? Wie sieht es mit Drogen aus? Was wird aus der großen Liebe?

Das Buch ist an keiner Stelle langweilig, besitzt eine hohe Handlungsdichte und Geschwindigkeit. Beschreibungen sind an vielen Stellen ausgespaart, z.B. werden Nebenfiguren kaum beschrieben. Auch hat Hermann darauf verzichtet, Hintergrundwissen / Erklärungen einzuarbeiten, sondern durchgehend an der Betroffenenperspektive festgehalten. An dieser Vorgehensweise ist zu sehen, dass Jugendliche die Zielgruppe sind, denn ich unterstellle mal, Erwachsene interessieren sich auch für Hintergrundinformationen, Kontaktdaten und verschiedene Perspektiven.

Der Schreibstil soll so sein, wie die Gedanken und Erzählungen Jugendlicher mit wenig Bildung. D.h. Hermann schreibt nur kurze Sätze, manchmal zu kurz, um Sätze zu sein, oder auch mal nur ein bis drei Worte. Anfangs hatte ich Probleme mit diesem authentischen Stil, weil er meinen Lesefluss gestört hat, und kam nur langsam voran. Im Laufe der Zeit habe ich mich aber daran gewöhnt.

Zusammenfassend bewerte ich das Buch als gut. Ich denke, der Tatsachenroman ist ein wertvoller Beitrag zur Literatur über Jugendliche, mit Lebensmittelpunkt Straße, in deutschen Großstädten.

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