Tine Wittler: Parallelwelt

An diesem Roman habe ich viel zu kritisieren, aber stellenweise ist er unterhaltsam, humorvoll und interessant.
Der Roman hält nicht, was er verspricht. Der Titel weckt bereits Erwartungen, an eine Lebensart neben oder am Rande der Gesellschaft, auch wenn noch offen ist, welche Parallelwelt gemeint ist. Der Klappentext kündigt Arbeitslosigkeit an, ein Arbeitslosigkeit-für-Anfänger-Seminar und eine karrierebewusste Protagonistin, deren Karrierleiter nicht so leicht abzusägen ist.

Tatsächlich spielt die Handlung aber nur innerhalb von drei Wochen Kündigungsfrist der Hauptperson, was eigentlich unrealistisch ist, denn welcher Arbeitsavertrag beinhaltet eine so kurze Kündigungsfrist?! Marnie Hilchenbach ist in dieser Zeit freigestellt, weil sie viele Überstunden angesammelt und noch Urlaubsansprüche hat. Nach Urlaub oder Abbummeln ist ihr aber gar nicht zumute, denn sie sieht zum ersten mal in ihrem Leben der Arbeitslosigkeit entgegen. Das Buch handelt von den Gefühlen und Gedanken einer frisch gekündigten Onlineredakteurin, die bereits 30 Jahre alt ist, und ihrer Auseinandersetzung mit dieser Situation.

Akademiker und Arbeitslose war in Marnies Denk- und Wertesystem bis dato ein Antagonismus. Sie pflegt die, in ihren Kreisen üblichen – über Medienhetze konsumierten – Vorurteile. Allerdings ist Marnie nicht nur Medienkonsumentin, die sich für aufgeklärt hält, sondern auch Medienmacherin, die tatsächlich aufgeklärt sein sollte. Sie schämt sich sogar für ihre bevorstehende Arbeitslosigkeit, obwohl sie weiss, dass sie sich nicht zu schämen bräuchte. Trotzdem befürchtet sie, alle Leute würden denken, sie wäre selbst daran Schuld, weil sie schließlich ebendiese Vorurteile gegenüber Arbeitslosen gehegt und geschürt hat. So beisst sich dann also die Katze in den Schwanz. (S.22) Sie habe gehört, beim Arbeitsamt gäbe es eine Abteilung für Akademiker, und fragt auch gleich am Empfang nach, weil sie eine Sonderbehandlung will, weiss aber nicht mal ob sie in einem akademischen Beruf gearbeitet hat. Mit dieser Frau können vermutlich nur Leute Mitleid oder Mitgefühl empfinden, die genauso borniert sind.
Marnie ist aber nicht immer nur borniert und voller Vorurteile, sondern macht sich wirklich viele Gedanken, was ich widerum sympathisch fand. Die 30jährige durchlebt verschiedene Phasen, die von ihrer arbeitslosen Freundin (ähnliche Situation) als typisch arbeitslos bezeichnet werden. Sie nimmt aber noch nichts in die Hand, weder Stellenangebote, noch Infomaterial zu Alternativen, wie Weiterbildung, Selbständigkeit… Dieses Gedanken- und Gefühlskarussel nimmt sie scheinbar noch zu sehr gefangen.

Das Buch ist aus der Perspektive der Hauptperson geschrieben. Wir Leser begleiten sie Tag für Tag durch den Dezember 2002, in dem wir in ihrem Kopf sitzen. Das ist manchmal etwas langatmig, v.a. in Situationen, wo sie Aldi neu entdeckt, weil sie ja nun Zeit zum Einkaufen hat, oder wenn sie sich über das damals neue Preissystem der Bahn aufregt. Tine Wittler nutzt ihr Buch einfach um ihrem Ärger Luft zu machen, indem sie mitten in den Roman ein Pamphlet gegen die Deutsche Bahn platziert. S.143f

Die Verknüpfung der einzelnen Handlungsstränge waren mir zu primitiv. Die Handlung wirkt insgesamt nicht wie eine Geschichte, die einen mitnimmt, sondern wie gewollt und nicht gekonnt. Richtig missfallen hat mir, dass Marnie noch vor Ende ihrer Kündigungsfrist schon wieder einen neuen Job hat, und zwar durch einen Mann, mit dem sie im Bett war. Also wenn das nicht primitiv ist.

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