Multiplayer

Jannis Becker: Multiplayer. Gefährliches Spiel

Finja Goden ist Mitte 20, gelernte Bürokauffrau, arbeitet aber lediglich in einem Callcenter, wo nicht nur die Arbeit unangenehm ist, sondern insbesondere der, von allen Kolleginnen umschwärmte, Teamleiter. Da sie zu wenig verdient, um eine Wohnung für sich zu mieten fährt sie nach der Arbeit in ein Hochhaus-Gebiet, vor der Stadt, wo sie in einer Mietskaserne, in einer Wohngemeinschaft lebt. Abend für Abend tötet Finja ihren Vorgesetzten in dem Online-Rollenspiel „Breath of Doom“, um sich für sein mieses Verhalten zu rächen. Das tut ihr gut und sie scheint davon auszugehen, dass Stefan sich auch weiterhin von ihr abschlachten lässt. Im Fantasy-Spiel hat Finja sich die Rolle einer Assasine mit magischen Fähigkeiten ausgesucht, die selbstbewusst ist, atemberaubend aussieht und von ihrem Panther begleitet wird. Im realen Leben ist sie pummelig, langweilig gekleidet, voller Minderwertigkeitskomplexe und schüchtern. Außerdem ist sie auffallend dumm, was vermutlich dem Plott sehr entgegen kommt.

Ein spannender Roman über die unerträgliche Realität im Präkariat des Haifischkapitalismus und Dinge, die u.a. passieren können, wenn Dummheit zur gefährlichen Falle wird?
Im Klappentext heisst es natürlich anders, wie der Untertitel euch bereits ahnen lassen dürfte. Allerdings hat Jannis Becker die Gefahren von Internet-Rollenspielen, wie den Suchtfaktor oder Realitätsverlust nur angedeutet, dagegen aber die positive Aspekte für die Protagonisten und diverse Parallelen zur Realwelt mehrfach erwähnt oder gar betont. Ich glaube aber nicht, dass es dem Autor darum ging, ein sozialkritisches Werk zu schreiben, sondern dass sein Ziel ein Spannungsroman mit Thrill war, was ihm auch gelungen ist. Das Online-Rollenspiel ist dabei schlicht und ergreifend ein Mittel zum Zweck, einer von vielen möglichen Angstmachern, wie es ebenso gut eine Flirt- und Dating-Community oder … oder … oder … hätte sein können in der Menschen im Internet mit Nicknames und (Fake-)Profilen agieren, ihr Selbstbewusstsein aufbessern möchten, Zeiten von Gemeinsamkeit im Chat verbringen….
Für Becker spricht allerdings, dass er sich in die Thematik Online-Rollenspiel im Fantasy-Genre intensiv eingearbeitet hat. Die detailgenauen Beschreibungen der Landschaften, Räume, Gegner und Charaktere sind auch für Nicht-SpielerInnen anschaulich. Für Spiel- und Chatfremde hält Becker sehr viele einführende Erklärungen bereit, z.B. die Abkürzungen und die Bedeutung von Großbuchstaben im Chat, oder dass es im Gruppenchat einen Flüstermodus gibt…
Gegen Becker spricht, dass er übel mit Klischees arbeitet, von denen ich mir wünschte, sie würden endlich mal der Vergangenheit angehören. Z.B. gibt es im CallCenter einen Homosexuellen, der sich um die Teeküche sowie die MitarbeiterInnen-Geburtstage kümmert und sich als Kummerkasten anbietet. Das zweite Klischee betrifft psychisch kranke Menschen und wird von Becker als zusätzlicher Angstmacher richtig ausgeschlachtet.

Ben ist ein ehemaliger Kollege Finjas, der noch schüchterner ist als sie. Er hat früher sehr viel Zeit mit Online-Rollenspielen verbracht und wenn er darüber spricht, fällt die Schüchternheit von ihm ab. Finja trifft ihn zufällig und nutzt seine Schüchternheit aus, überrollt ihn quasi mit Annäherungsversuchen, findet dann in seinem Badezimmer Psychopharmaka und will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ich dachte, Finja ist nicht nur dumm, sondern so eine miese Kröte, dass ihr von mir aus sonstwas zustoßen könnte. Mit so einem Charakterschwein von Protagonistin werde ich nicht mehr mit-zittern. Im weiteren Verlauf wurde der psychisch kranke Ben leider zum Stalker. Somit war leider nachzuvollziehen, dass Finja nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Von einem Schriftsteller ist eine derartige Meinungsmache aber das Letzte, weil dadurch wieder mehr Leute für das Einsperren von psychisch Kranken sind, bzw. von Menschen die optisch auffällig sind.
Auf S.242 nahm die Story die erste unerwartete Wendung, durch die ich mich fragen musste: Ist Ben tatsächlich gefährlich, ist er ein Psychopath? Die Handlung nimmt noch mehrfach eine unerwartete Wende, was ich als weitere Pluspunkte für das Buch verzeichne.
Insgesamt bewerte ich „Multiplayer“ besser als mittelmäßig. Dabei spielt auch der Preis von 50 Cent für über 400 Seiten eine Rolle.

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