Claudia Keller : Unter Damen

Vor etwas über zehn Jahren kam ich erstmals in den Genuss dieser Lektüre. Das Buch passte zu mir, weil ich damals überwiegend Romantikkomödien gelesen habe. Jetzt passte das Buch inhaltlich zu dem, zuletzt von mir rezensierten Buch, „Herzen im Schleudergang“, da beide Romane Altersunterschiede in einer romantischen Beziehung thematisieren. „… gesellschaftlich war man den Anblick eines alten Männergesichts neben weiblicher Pfirsichhaut ja seit langem gewöhnt.“ (Unter Damen S.77) und andersherum, Frauen mit einem auffallend knackig-jungen Mann werden missgünstig oder wie Verbrecherinnen betrachtet. Interessant fand ich nebenbei bemerkt auch, wie unterschiedlich ich die Erst- und Zweitlesung empfunden habe, da ich mich in dem langen Zeitraum natürlich verändert habe. Aber bei beiden Lesungen hat mir die Komödie gut gefallen. – diesmal noch besser.

Konstanze Vogelsang ist 50 Jahre, Mutter zweier erwachsener Kinder, Oma eines Babies, seit über einem Jahr Witwe und gut angesehen in einer Gesellschaft, die sich für etwas Besseres hält. Ihre Ehe war gut, nun genießt sie das Alleinewohnen in ihrem Haus, mit acht Zimmern und großem Garten, aber sie ist auch als gute Gastgeberin bekannt. Überraschend meldet sich ihre Jugendliebe, da er gerade wieder Single ist. Konstanze hat kein Interesse an ihm, findet ihn sogar ziemlich primitiv. Jedoch verliebt sie sich in seinen 18 Jahre jüngeren Sohn. Konstanze nimmt ihre Gefühle anfangs nicht ernst, kann sich deren Intensität aber nicht entziehen. Sie denkt, Per wird niemals genauso für sie, eine alte Frau, empfinden, täuscht sich aber auch darin. Er zeigt sogar ernsthaftes Interesse an ihr und ist – was sie nicht weiss – besorgt, i.Vgl. mit seinem Vorgänger wie ein Looser abzuschneiden. Konstanze schämt sich ihrer Gefühle, versteckt sich und Per, denn was würde aus dem Babelsburger Gesellschaftsgeschwätz und aus ihrem makellosen Ruf, wenn jemensch davon erführe? Per hat wenig Verständnis für ihre Ängste, der Babelsburger Klatsch & Tratsch lässt ihn kalt und er möchte sich nicht verstecken. Tatsächlich sind es – genau wie bei Kristina aus „Herzen im Schleudergang“ – ihre Kinder, „Till und Mathilda, deren Augen sie am meisten fürchtete…“ (S.249) was mich nicht wundert, da sie ziemlich verschlossene Egomanen großgezogen hat. [„… nebenbei registrierte sie, wie gleichgültig sie, auf Probe gestellt, im Grunde der Familie war.“ (S.212)] „So wie für Schwangere die Welt plötzlich voller Babys ist, so wurde Konstanzes Welt neuerdings von jungen Männern an der Seite alternder Damen bevölkert.“ S.221 Erst spät – auf S.249 – nach der Begegnung mit einem ähnlichen Paar, das sehr offen mit dem Altersunterschied umging, beschließt Konstanze sich zu outen. Wird sie aus der „guten Gesellschaft“ ausgestoßen? Wird sie mit Per glücklich? Ist es schon zu spät für ihre Beziehung zu Per? Sollte Per sein Glück mit einer Frau in seinem Alter finden und interessiert er sich überhaupt für gleichaltrige oder jüngere Frauen? Ich werde euch den Ausgang dieser Story nicht verraten. Auch die Nebenhandlungsstränge bieten interessanten Stoff. So geht es z.B. um eine Hannah, die in „Ich schenke dir meinen Mann“ die Hauptrolle spielte, was als Vorgeschichte zu diesem Roman bezeichnet wird. Aber keine Bange, ihr könnt „Unter Damen“ als alleinstehenden Roman lesen. Falls es keine Umstände macht, sich beide Bücher zu besorgen, habe ich inzwischen aufgeschnappt, lassen sich viele Seitenhiebe, Anspielungen u.dgl. noch besser verstehen.

Ich fand es anfangs etwas schwer, mit Konstanze warm zu werden. Eigentlich waren mir nur Per und July sympathisch. Es ist schwer, mit einem Buch warm zu werden, wenn fast alle Personen unangenehm sind. Es sind nunmal fast alles diese tratschhaften, eingebildeten Upperclass-Ladies. Konstanze verändert sich im Laufe der Handlung. Anfangs war sie nur arrogant, beteiligte sich an Ausgrenzung und achtete darauf, nicht mit den falschen Leuten in Kontakt zu geraten. Am Ende des Romans ist sie wie ausgewechselt, lädt z.B. in vollem Bewusstsein eine Frau ein, die in der feinen Gesellschaft als unakzeptabel gilt…
Der Plot und die Schreibe von Claudia Keller hat mir gut gefallen.
Sehr gut gefallen hat mir, dass jedes Kapitel mit einem tiefgründigen Zitat überschrieben ist. Z.B.:
S.84 „Letztlich kommt es darauf an, wessen Gegenwart man leichter erträgt, die der anderen oder die eigene.“ Arthur Schopenhauer
S.249 „Die Welt ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt.“ Oscar Wilde
S. 123 „Träumerei ist Zauberei des Geistes“ Lord Byron

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