Piercing is not a crime

Tarek Ehlail : Piercing Is Not A Crime. 33 Bestechende Anekdoten Aus Dem Leben Eines Bodypiercers.

Ich mag Medien, die mir Einblicke in Lebenswelten und Erfahrungsbereiche gewähren, die mir bis dahin verschlossen waren. Piercing-Läden habe ich nie betreten, und selbst wenn ich mich dort über die Schwelle wagen würde, dürfte mein Aufenthalt zu kurz werden, um eigene Erfahrungen zu sammeln. Das Buch enthält 39 kurze Texte, sechs davon sind kleine Interviews und 33 Anekdoten.

Die Interviews:
2+6 fand ich besonders interessant
1. Piercing- und Tattoo-Model und Jura-Studentin
2. Dr. Moses Arndt (sein damaliger Chef)
3. Stammkunde und Punk
4. Tatoo-Modell und Moderatorin
5. Moderatorin
6. Bodypiercer aus Konkurrenzstudio

Die Anekdoten im Überblick:
1. Marie erhält ein Zungenpiercing
2. Eine Kundin hält sich für medizinisch versiert, und unterstellt Ehlail, er hätte einen Schädelbasisbruch
3. Eine Kundin kollabiert.
4. Eine Kundin baggert Ehlail massiv an, er lässt sich darauf ein…
5. Septum
6. Aussentermin anlässlich einer Hochzeit von einem Sado-Maso-Paar in einem Dominastudio.
7. Ein alter Mann, der alles extrem übertreibt, viele Piercing-Wunden nicht richtig versorgt, kommt mit einem schlimm vereiterten Penis…
8. Reise nach Thailand und Tansania
9+10. Aussentermin Swinger-Club
11. Journalistin stiehlt Ehlails Zeit und benutzt ihn als Fotomotiv…
12. Das erste Piercing, sein sog. Gesellenstück, bei einem Kumpel
13. Freiwilliger Aussentermin bei einer Party mit der Crew von Ehlails St.-Pauli-Film
14. Ein Kunde auf Koks
15. Teenymutter lässt sich Bauchnabelpiercing stechen und kommt 2 Wochen später sehr vereitert zurück
16. Vertreter für Schmuck mit (angeblich) heilender Wirkung
17. Ein Pärchen streitet sich extrem
18. Eine Neukundin am 18. Geburtstag
19. Ältere Frau will, bzw. soll sich ein Intimpiercing zulegen, weil ihr Mann eine solche Markierung als Hochzeitsgeschenk wünscht.
20. Ehlail kämpft mit einem Weberknecht
21. Eine Frau möchte ihren Mini-Bullterrier piercen lassen
22. Ehlails bisher unbekannten arabischen Cousins besuchen ihn im Studio + Saudi-Arabien
23. Neukundin mit Angst vor Schmerzen
24. Eine Pornodarstellerin wird Kundin
25. Extremer Kunde mit gerissenen Tunneln an beiden Ohren
26. Mutter und Tochter als Neukundinnen
27. Eine junger Frau legt alle Piercings sowie ihre schrille Haarfarbe ab, um einen Job zu bekommen
28. Oma und Opa werden anlässlich Silberhochzeit Neukunden
29. Erklärung Ohrlochpistole
30. Ein Betrüger kehrt zurück und versucht „sein Glück“ erneut
31. Ein Bettler hat seine Almosen für ein Piercing gespart
32. Lehrerin undercover: Sie möchte ein Piercing, aber nicht gesehen / erkannt werden.
33. Eine Kundin mit HIV

Im Fokus der Anekdoten steht leider nicht die Tätigkeit eines Bodypiercers und das Piercing, wie es Untertitel und Klappentext versprechen, sondern die Person Tarek Ehlail. Das Buch könnte auch heissen: >>Ehlails Denken und Empfinden zu seiner Zeit als Bodypiercer. Sehen sie die Welt mit den Augen eines Schulabbrechers.<< Als Zugabe lernen sie fast 33 Möglichkeiten kennen, mit denen sich Ehlail bei der lesenden Kundschaft unbeliebt macht. Bevor ich darauf näher eingehe, gebe ich einen inhaltlichen Überblick.

„Ich trage selbst keine Piercings und würde es auch nie tun.“ steht auf S.7 und das ist in diesem Buch die erste (Text-)Seite. Tarek Ehlail hat dieser Aussage nirgendwo eine unabänderliche Begründung (z.B. Krankheit) folgen lassen, sich aber über Jahre im Piercingstudio hoch gearbeitet, Verantwortung übernommen und, wie ihr seht, ein Buch „darüber“ geschrieben. Bei mir hatte er durch seine ablehnende Haltung den ersten Minuspunkt, nachdem ich 1/2 Seite von ihm gelesen hatte. Viel kann er dann ja nicht von dieser Art des Schmucks halten. Ich verstehe nicht, weshalb der Inhaber des Piercing-Studios ausgerechnet dem damals 17-jährigen Ehlail den Job angeboten hat und warum sich so viele Leute von ihm piercen lassen haben. Wenn ich zur Friseurin gehe schaue ich mir ihre Frisur an und lasse mir nicht von einem Glatzkopf die Haare schneiden, ebenso erwarte ich von einer Ernährungsberaterin eine gesunde Figur und von einer Nageldesignerin gut manikürte Fingernägel. Insofern fühlte ich während des Vorworts schon latend um mein Leseerlebnis betrogen. Wie wird er dann über seine Kundschaft denken?! Hoffentlich hat er nicht nur die größten Trottel ausgesucht, um Anekdoten zu schreiben. Er schrieb auch nicht, dass er dringend einen Job gebraucht hatte und ohne Schulabschluss nichts finden konnte. Ganz im Gegenteil: „Ich möchte dieses Buch als Fallbeispiel schreiben. … Als Beleg dafür, wie aufregend ein Leben ohne Schulabschluss ist, wie der Durst nach Wissen nicht aus dem Zwang einer Bildungsinstitution entsteht, wie finanzielle Sorglosigkeit nicht von einer Berufsausbildung abhängen muss, wie emotionale Intelligenz… .“ (S.7)

Das erste aber auch das eindrücklichste Stichwort, das ich mit Ehlail verbinde lautet Schulabbrecher, da dieser Satz auch auf dem Klappentext steht. Ich suche vergeblich nach dem Hinweis auf einEn GhostwriterIn, finde nur den Namen der Lektorin. Ich staune über die Fähigkeiten dieses Schulabbrechers, seinen großen Wortschatz, Sachverstand mit vielen Fachworten, fehlerfreie zum Teil auch kompliziertere Grammatik. Aber ich betrachte meine Eindrücke auch andersherum und stelle immer wieder fest, dass dieses Buch das Instrument des Autors ist, um uns ins Staunen zu versetzen. Das Buch ist für ihn ein Mittel, um sich selbst und den Lesenden zu beweisen, wie toll er ist, mehr Mittel zur Selbstdarstellung als ein Bericht über das Piercing-Geschäft. Sein Selbstdarstellungstrieb ist scheinbar so ausgeprägt, dass einige der Stories nicht mehr viel mit dem Piercing-Studio zu tun haben, z.B. geht es (in Nr. 20) um seinen Sauberkeitsfimmel und den Kampf mit einem Weberknecht, seine Reisen und die Besteigung des Kilimandscharos (8) oder um SaudiArabien und seine arabische Familie (22). Auf diese Abschweifungen hätte er lieber verzichten sollen.

In fast jeder Anekdote stellt Ehlail sich auf einen Sockel und sieht auf seine (potentielle) Kundschaft herab. Er maßt sich an über alles und jeden zu urteilen. Diese Anmaßung nervt mich nicht nur bei Ehlail oder in diesem Buch, sondern bei jedem Menschen immer. Es gibt wirklich schlimme Anmaßungen, z.B. wie er über eine Teeny-Mutter denkt, bzw. über sie herzieht oder wie er einen Aussendienst-Einsatz im Swinger-Club mit seiner arroganten Art verdirbt, obwohl das sicher interessant sein gekonnt hätte. Einige KundInnen sind tatsächlich zum Kopfschütteln, z.B. wollte eine Frau ihren Hund piercen lassen. Trotzdem ist es nicht notwendig sich langwierig über die Kunden auszulassen.

Interessant ist das Buch trotzdem. Ehlail erklärt z.B. was Tunnel sind und wie die Dehnung funktioniert. Ich weiss jetzt, warum ich in meinem Ohrlöchern Knubbel habe, da er die Pistole zum Ohrloch-Schießen erklärt hat. Die Namen der Piercings sind hinten alle aufgeführt, z.B. Labret, Septum….

Es sind aber auch Kapitel dabei, die er mit Liebe und / oder Selbstironie geschrieben hat. Das erste Piercing, sein sog. Gesellenstück, sticht er bei einem Freund, der nichts dafür bezahlen muss. In einem anderem Fall geht es auch um quasi-Freunde von ihm, mit denen er eine Party feiert und sein mobiles Piercing-Werkzeug dabei hat. Zum Schluss kommt eine Neukundin, die ihm sagt, sie habe HIV. In dieser Anekdote übt Ehlail auch mal Selbstkritik, denn er reagiert nicht so, wie er es von sich selbst als Profi erwartet hatte. Das Weiterlesen hat sich also gelohnt, denn er zeigt sich – wenn auch selten – von einer besseren Seite.

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