Frühstück zu viert

Annemarie Schoenle : Frühstück zu viert

Dieses kleine Buch habe ich gekauft, als es auf 10 Ct. herunter gesetzt war.

Zusammenfassend empfinde ich „Frühstück zu viert“ als mittelmäßige Familienkomödie, die einiges an Turbulenzen aufweist, etwas antiquiert rüber kommt, emotional sehr ansprechend ist, mich an vielen Stellen aufgeregt, an vielen anderen Stellen amüsiert und insgesamt ganz gut unterhalten hat.

Judith ist ü 40, ledig und kinderlos. Sie wartet seit geraumer Zeit auf einen Heiratsantrag von ihrem langjährigen Freud, Hubert, der zugleich ihr Vorgesetzter und wesentlich älter als sie ist. Die Beiden arbeiten im Amt und entsprechen dem Klischee der Beamten von früher: Kleinkarierte, zugeknöpfte, verstaubte Krümelkacker, die sich wie alte Leute benehmen und hinter dem Mond leben. Das penibel organisierte Leben der beiden Langweiler gerät aus den Fugen, als Judiths Schwester gemeinsam mit ihrem Mann bei einem Unfall stirbt und drei Vollwaisen zurück lässt. Judith beantragt das Sorgerecht, und zwar nicht nur aus Pflicht- und Verantwortungsgefühl, sondern weil sie sich wohl doch Kinder wünscht, und sich das Zusammenleben mit den Kindern schön ausmalt. Hubert rät ihr nicht nur ab, er ist definitiv gegen die Kinder und will damit nichts zu tun haben. Judith aber lässt sich nicht aufhalten, obwohl auch ihr Mutter von der Fürsorge für alle drei Kinder abgeraten hatte, ihre Tochter aber wenigstens hinsichtlich des Sorgerechtsantrags unterstützt, indem sie die Vormundschaft für die Kinder übernommen hat. Selbst als Hubert sich etwas von ihr abwendet reagiert Judith nicht duckmäuserich, wie erwartet, sondern wächst mit ihren Aufgaben, und diese sind gewaltig. Die 17-jährige Claudia macht was sie will, die 13-jährige Stephanie scheint nicht zu zähmen und der 8-jährige Oliver ist ein lieber, hilfsbereiter Junge, aber auch ein schüchterne und wortkarger Bücherwurm.

Meine Ausgabe ist 2013 erschienen, aber Universo / dotbooks hat scheinbar alle Romane von Annemarie Schoenle noch einmal verlegt. Dieser Roman spielt eindeutig vor über 20 Jahren, denn es wurde nicht nur die DM erwähnt: „Hat mich hundert Mark gekostet, dieser Duft.“ S. 206, sondern keinerlei Handies und Internet, nicht einmal Computer werden in dem Roman benutzt. Auf amazon sah ich eine Ausgabe mit 3. März 1998 als Erscheinungsdatum, aber nach meinem Empfinden dürfte die Story in den 70er oder 80er Jahren spielen. Die Namen, Claudia, Stephanie und Oliver für die Kinder, Willi für einen arbeitslosen, kriminellen 20-jährigen sowie Lilli für die Oma passt gut in diese Zeit. Viele kleine Hinweise, wie hautenge Jeans oder dass Turnschuhe bei Erwachsenen noch ein ziemliches NoGo waren („Der Turnschuh-Beamte“, wie Lilli, Judiths Kollegen, der Stephanie Mathe-Nachhilfe gibt auf S.125 nannte) und diverse Redewendungen (z.B. lahmer Heini, Grufti, scheintot) wurden damals von TeenagerInnen benutzt.

Die Story ist aus der Sicht eines auktorialer Erzählers geschrieben.

Schoenle hat mit Judith und Hubert glaubwürdige ProtagonistInnen erschaffen. Die Wandlung der Judith Uhland von der braven, grauen Maus zur flotten, emanzipierten Frau ist meiner Meinung nach sehr gut dargestellt. Diese Persönlichkeitsentwicklung ist meiner Meinung nach auch der Kern der Handlung, die Hauptaussage der Geschichte. Die Eingewöhnung der Kinder und somit auch das Verhältnis zwischen den Kindern und Judith fand ich auch gut gemacht, obwohl ich die Charaktere der Kinder und des Freunds von Claudia leider nicht so gut ausgearbeitet empfand. Als erstes ist mir dieser Mangel in den Gesprächen der Personen aufgefallen, bei denen Wortwahl, Satzbau und Redewendungen viel zu ähnlich sind. Bei Hubert und Judith evt. auch noch ihrer Mutter sehe ich die Ähnlichkeiten in der Ausdrucksweise ein, weil sie viel Zeit zusammen verbracht haben und alle ähnlich kultiviert sind, aber die Kinder benutzen höchstens ironisch die gleichen Worte und Redewendungen, wie die Erwachsenen, wenn die diese ärgern wollen. „Nun“ als Satzanfang oder Ein-Wort-Satz ist mir besonders stark aufgefallen und direkt danach, die Redewendung „lieber Hubert“, bzw. ein anderer Vorname. Wenn nach und nach alle diese Art zu reden haben, wirkt das unglaubwürdig / unecht. Insbesondere weil Claudias erster Freund ein absoluter Asi war (wie wir früher gesagt hätten), mit dreckigen Klamotten, Schweissgeruch und Bierfahne, der viel zum dumm zum argumentieren ist und ganz sicher nicht die gleiche Wortwahl wie die BeamtInnen nutzen würde. Andererseits hat Schoenle ihn so oft „Alte“ als Anrede zu seiner Freundin, Claudia, sagen lassen, dass auch dies sehr unecht wirkte. Auf S.180 lässt Schoenle diesen asozialen Willi über Claudia denken, „Sie sah irre aus. Sauber, glänzend und taufrisch.“, worüber ich absolut lachen musste, weil es so unecht wirkte. Die Verhaltensweisen und Veränderungen im Verhalten und ihren Einstellungen gegenüber Judith und Hubert fand ich glaubhaft. Obwohl viele der Personen im realen Leben so ganz und gar nicht mein Fall wären, hat Schoenle sie so geschrieben, dass sie mir fast alle mehr oder weniger sympathisch waren.

Das Buch ist an einigen Stellen ziemlich witzig geschrieben. („Selbst im Schlaf wirkte Huberts Gesicht noch beleidigt.“ S. 135) Es hat mich sehr schnell und bis zum Ende emotional angesprochen, so dass ich die Lektüre auf keinen Fall abgebrochen hätte, aber spannend war es nicht, also aus der Hand legen war nie ein Problem – zum Glück, denn die meiste Zeit habe ich das kleine Büchlein an Bushaltestellen, in Bussen u.s.w. gelesen, so dass ich es ständig wieder in die Tasche gesteckt habe.

Ein sehr großes Plus hat die Autorin von mir, weil sie Feministin oder wenigstens eine Emanzipation-Freundin ist, weil sie sich in vielen, wenn nicht sogar allen Büchern für Frauen stark macht. Beide Bücher, die ich von ihr gelesen habe, treten stark für Frauen ein, und deshalb würden mich auch die Lektüre weiterer Romane von ihr reizen.

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