Daniela Ohms : Harpyienblut

Harpyienblut ist Daniela Ohms Debütroman, wurde 2011 veröffentlicht und ich habe das Buch 2017, als eingeschweißte Hardcover-Ausgabe, für 1,-€ auf dem Grabbeltisch eines Ramschladens, erstanden. Ich bin ganz froh, dass ich nicht viel mehr bezahlt habe, denn der Roman ist zwar von der Idee her
interessant, hat aber auch deutliche Schwächen. Der Fantasyroman bedient sich der griechische Mythologie und ist den Untergenres Romantasy sowie Urbanfantasy zuzuordnen. Die Handlung spielt überwiegend in Berlin, was für mich auch ein Kaufgrund war, jedoch musste ich feststellen, dass keinerlei Berlin-Feeling entsteht und die Besonderheiten Berlins eine eher geringe Relevanz haben. Wer fährt bitte morgens, wegen eines leeren Kühlschranks, von Neukölln bis zur Schönhauser Allee, um dort in einem Café zu frühstücken?!?! (Anmerkung für Ortsfremde: In Neukölln gibt es sehr viele gute Frühstücks-Cafés, und es ist dort für junge Leute viel angenehmer, weil weniger Kinderalarm.)

Harpyien sind Wesen aus der griechischen Mythologie, was mir auch interessant erschien, da mir bisher noch nicht viel Romane darüber begegnet sind. Unsere Protagonistin, Lucie, ist ein Harpyienblut, weiss aber rein gar nichts über ihre Besonderheiten und ihre Herkunft. D.h. wir Lesenden entdecken das Geheimnis um Lucie mit ihr gemeinsam, Stück für Stück. Deshalb, so vermute ich, werden die unterschiedlichen Arten der Harpyien sowie ihre Entstehung, Nahrung und Aufgaben in einem Verwirrspiel mit vielen Wiederholungen immer wieder neu und etwas anders dargestellt. Auch mit den Begriffen Seele und Geist verhält es sich leider so. Die fehlende Transparenz sowie gute Erklärungen machen die Handlung nicht interessanter, sondern minimieren den Spass am Lesen.

Vergleichen lässt sich der Roman gut mit dem wesentlich besseren „Plötzlich Banshee“ von Nina MacKay, den viele von euch kennen werden. Beide Romane sind nicht nur aus dem gleichen Genre und Untergenres. In beiden Fantasyromanen geht es um Wesen aus alten Mythologien und jeweils ist es eine sehr junge Protagonistin, die ihre Besonderheit geheim hält, aber nicht weiß, was es damit auf sich hat. Beide Protagonistinnen wurden von ihrer Mutter ausgesetzt, hatten also keine Familienmitglieder, die sie fragen konnten. In beiden Fantasyromanen wurde das Familiengeheimnis und das Wissen um die Mythologie Stück für Stück wie ein Puzzle zusammen gefügt. Aber bei MacKay waren die Erklärungen gut verständlich und die Wiederholungen unterstützend. Bei Ohms ist eine starke Konzentration notwendig und eigene Notizen sind sinnvoll.

Aber zurück zur Hauptperson, Lucie, einer knapp 18-jährigen Schülerin, die auf ihrem Rücken Flügel versteckt. Daher kann sie z.B. nicht ins Schwimmbad oder nach dem Sport nicht mit ihren Kameradinnen duschen. Paradoxerweise lässt Ohms die Hauptfigur sehr engagiert Volleyball spielen – nicht nur zu oft, sondern auch – zu hoch springen und zu kräftig schmettern – einfach zu gut; also alles ist viel zu auffällig. Lucie hat aber noch einige andere Superkräfte. Zu ihren Features gehören z.B. die Gedanken und Gefühle anderer Menschen erkennen und beeinflussen zu können und alle Sprachen zu können, in denen sie angesprochen wird. („Lucie konnte jede Sprache verstehen, sobald ein Mensch vor ihr stand und sie benutzte.“ S.40) Natürlich war Lucie niemals krank, so dass weder Arztbesuche noch Krankenhausaufenthalte anfielen, bei denen ihre Anomalie aufgefallen wäre. Sie wiegt übrigens nur ca. 30kg, aber das fällt niemandem auf. Kontrolle, Vorsorge, Impfungen?!? – alles klar! Meiner Meinung nach hat Ohms hier eine Hauptperson geschaffen, die so viele besondere Fähigkeiten hat, dass sie unglaubwürdig bis unsympathisch wirkt.

Leider gibt es zu Lucie noch ein menschliches Pendant. Sergei ist der Sohn eines Harpyienbluts und kann die Gefühle von einem Harpyienblut erkennen und beeinflussen. Also genau andersherum als bei Lucie, und er ist der einzige Mensch, in dessen Emotionen Lucie nicht eindringen kann. Sergei stammt aus einem russischen Dorf, in dem mehrere Mädchen mit Flügeln aufwuchsen. Daher weiss er ein paar Dinge über die Abkömmlinge der Harpyien, aber nicht wirklich viel. Das Unangenehme ist an Sergei, dass auch er so ein Alleskönner mit Turboantrieb ist. Er studiert Medizin und nebenbei noch diverse andere Fachgebiete. Er kann viele verschiedene Sprachen, seine Ein-Zimmer-Wohnung gleicht einer gut sortierten Miniaturbibliothek und ist penibel sauber. Zusätzlich hat er noch einen Garten in einer Laubenkolonie, in dem eine Vielfalt von Pflanzen und Früchten gedeihen, aber nicht etwa in wilder Schönheit, sondern penibel angelegt. Er kocht natürlich auch selbst, Eintopf ebenso wie Marmelade. Selbstverständlich geht er auch einer Reihe von Nebejobs nach. Nicht zu vergessen, dass er immer und jederzeit für Lucie da ist. So toll war nicht mal Superman, oder? Solche Protagonisten stossen bei mir weder auf Sympathie noch auf große Begeisterung und verleiden mir die story.

Neben diesen beiden Personen, nicht zu vergessen dem Schmetterlingsjungen, wirkt Emilia, die beste Freundin von Lucie einfach nur blass und mickrig. Das ist schade, denn auch sie hat es nicht leicht und ist trotzdem eine wirklich gute Freundin, die etwas mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Lucie hat noch nie einer Menschenseele von ihren Flügeln erzählt. Nur ihre Ziehmutter, die sie im Wald gefunden hat, als sie gerade aus dem Ei geschlüpft ist, wusste von den Flügeln. Das wirkt alles so hanebüschen. Welche Frau würde denn bitte ein Kind behalten, das sie sie im Wald findet und an dessen Rücken sie Flügel entdeckt??! Welche Frau lebt überhaupt alleine im Wald??? Es müssen einige sein, denn im Verlauf der Handlung finden sich noch weitere geflügelte Menschen, die alle von einer einsam im Wald lebenden Frau gefunden und aufgezogen wurden.
Meiner Meinung nach hat Ohms sehr viel auf Biegen und Brechen konstruiert.

Ganz zum Schluss kommt auch noch mal ein Klopper, aber mehr dazu würde unter die Rubrik Spoiler fallen, und falls es Lesende gibt, die Gefallen an dem Roman finden, möchte ich denen das Lesevergnügen nicht verderben.

Des weiteren gibt es unlogische Stellen. Ein Harpyienblut hat seinen Aufgaben nachzukommen. Tut es das nicht, wird es getötet. Dann frage ich mich, warum der Schmetterlingsjunge so viele Suizidversuche unternommen hat, wo doch die Arbeitsverweigerung völlig ausgereicht hätte.

An einer Stelle scheinen die Jugendlichen auf Festnetztelefonie angewiesen zu sein. „Jeden Abend rief Emilia inzwischen bei ihr an, ohne sie zu erreichen.“ S.135 Aber bis auf Jean de Louisienne haben alle ein Mobiltelefon.
. „Sergej ließ das Handy fallen… “ S. 139
„Jetzt nimm dein Handy und Ruf deine Freunde an.“ sagt Jean de Louisienne auf S.348 zu Lucie.

Alles in Allem ganz sicher keine Empfehlung, aber wenn es jemenschen in die Hände fällt, warum nicht mal rein lesen. Da in letzter Zeit viele derartige Romane entstanden sind, könnte dieses Buch vielleicht wenigstens etwas zur Inspiration taugen.

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