Jilliane Hoffman : Insomnia

Hier habe ich mal wieder einen ganz neuen Roman aufgetan, der 2016 auf englisch und Anfang 2017 als deutsche Übersetzung erschienen ist. Der Originaltitel „The Girl Who Cried Monster“ ist passender für die Story. Dieser Krimi-Thriller hat nichts zu tun mit dem Buch „Insomnia“ (1994) von Stephen King, deutscher Titel „Schlaftlos“, und dem norwegischen Film „Insomnia“ (1997), deutscher Titel „Todesschlaf“ und dessen Neuverfilmung (2002), mit dem Titel „Insomnia – Schlaflos“.

Um es kurz zu sagen: Insomnia ist ein mittelmäßiges Buch.
Ich habe es zu Ende gelesen, also war es spannend und interessant genug. Es gibt einiges zu kritisieren, aber auch etwas zu loben.

Meiner Meinung nach ist dieser Thriller der Aufhänger für mannigfaltige Gesellschaftskritik. Lesende, die einfach nur den Krimi-Thriller wahrnehmen möchten, halten hier einen spannenden Roman in den Händen. Die Tiefgründigeren unter euch, mit dem Faible in alle Richtungen zu denken, finden hinter der Handlung des Spannungsromans noch eine Ebene, mit vielen Denkanstößen. Die Gesellschaftskritik betrifft die einzelnen Menschen, wie dich und mich, deren unreflektierte Meinung, deren Gerede und Parteinahme, ohne wirklich informiert zu sein, in der Masse zu Mobbing und durch die sozialen Medien noch um ein vielfaches schlimmer wird. Die Kritik betrifft aber auch die Neuen Sozialen Medien, insbesondere Facebook und den dahinter stehenden Marc Zuckerberg, aber deshalb die alten Medien nicht weniger. Die Journaille wird in dem Roman immer wieder mit sehr deutlich abwertenden Bezeichnungen und Szenen beschrieben – also so wie sie es verdient haben.

Kurz beschrieben geht es um einen Mann, der seit seiner Kindheit an Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen sowie bösen (Zwangs-)Gedanken leidet, seine grausamen bis perversen Gedanken ausführt, als Hammermann bezeichnet wird, und viele Jahre von der Polizei, samt einigen Spezial-Einheiten, nicht gefunden wird. Auch geht es um eine junge Frau, die genau seinem Opfer-Schema entspricht, von ihren Eltern als braves, zuverlässiges Mädchen und gute Schülerin beschrieben wird, aber mit 17 Jahren nach einer Party nicht mehr nach Hause kommt. Einige Tage später betritt dieses Mädchen, wundenübersäht und verwirrt, eine Kneipe, in der sie um Hilfe bittet und zusammenbricht. Alle, die Mallory in diesem Zustand sehen, behaupten, sie wäre dem Hammermann entkommen, sie wäre ein Opfer dieses jahrelang gesuchten Mädchenmörders. Was liegt da näher, als diese Behauptung einfach zu bestätigen? Eine Gelegenheit würde ich sagen, um nicht zugeben zu müssen, was Mallory tatsächlich passiert ist, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollte und dafür dann doch zu feige war, und dass sie absolut nicht weiss wie es weitergehen soll.

Dann kommt Bobby Dees ins Spiel, der Special Agent für verschwundene Kinder und Jugendliche, den Jilliane Hoffman bereits in ihrem vorhergehenden Roman, „Mädchenfänger“, ermitteln ließ. Für die Hauptperson einer Krimiserie, tritt er spät auf den Plan und ist meiner Meinung nach als Person nicht gut genug charakterisiert. Seine Besonderheit, Kompetenz und Begabung besteht in dem Verschwinden und Vermissen seiner eigenen Tochter, die ebenfalls mit 17 Jahren nicht mehr nach Hause kam, in der Angst, die er und seine Frau um das Mädchen hatte, die immer wieder besonders hochgekocht ist, wenn eine Mädchenleiche identifiziert werden musste. Seine Tochter war den Drogen verfallen und abgehauen, als ihr alles zu viel wurde, hat ein Jahr auf der Straße gelebt, sass letztendlich bettelnd und schmutzig am Straßenrand, konnte aber irgendwann aufgegriffen und überzeugt werden, wieder ins Elternhaus zurückzukehren. Seitdem hat sie sich in ihr Leben zurückgekämpft, mit Entzug, Therapie, Arbeitsplätzen zum Aufbauen ihrer Arbeitsfähigkeit, Schulabschluss, Studium… Das Schicksal gehört meiner Meinung nach seiner Tochter, auch wenn ihr Verschwinden ein Schicksalsschlag für die Eltern war. Darauf reitet die Autorin aber immer wieder herum, wenn Bobby-Dees-Szenen sind. Scheinbar sollen wir Lesenden dadurch eine positive emotionale Bindung zu dem 46-jährigen Ermittler aufbauen, und ihn für super-besonders-kompetent halten. Bei mir ist das leider eher nach hinten los gegangen. Er stampft rücksichtslos in das Krankenhauszimmer von Mallory, obwohl er weiss, dass sie gerade eine Befragung durch seine Kollegen hinter sich hat, und befragt sie aufdringlich, obwohl sie ihm immer wieder sagt, dass es ihr zu viel ist, dass sie bereits alles ausgesagt hat, woran sie sich erinnern kann. Aber er sieht auch, dass ihre Verletzungen nicht zu ihren Aussagen passen. An dieser Stelle frage ich mich wirklich, ob das Krankenhausteam und Bobbys Kollegen so inkompetent sind und wie er durch das Verschwinden seiner Tochter so gut gelernt hat Wunden einzuschätzen. Aber Ironie beiseite und weiter mit dem Genörgel. Mallory gibt zu, dass sie „gelogen“ hat, nachdem der Special-Agent ihr heftig ins Gewissen geredet hat. Aber sie bekommt keinerlei Hilfe. Auf ihre Probleme wird nicht einmal richtig eingegangen. Das fällt mir insbesondere deshalb auf, weil Bobby-Dees von der Autorin bei fast jeder seiner Szenen in Selbstmitleid gebadet wird, und wie gesagt war nicht ER drogensüchtig und obdachlos, sondern seine Tochter.

Mallory wird nun von der Presse fertig gemacht und ist auch bei Privatpersonen das Mobbing-Opfer Nr. 1. Dank technisch hochwertigen Smartphones und Instant-Messaging-Anwendungen haben ihre MitschülerInnen völlig legale Waffen zur Verfügung, die einen Menschen zerstören können. Dank den Neuen sozialen Medien, wie Facebook, Instagram u.s.w. schalten sich auch fremde Privatpersonen in das Internetmobbing ein und Mallory wird nicht nur in der Schulzeit gemobbt, sondern ist rund um die Uhr einem grenzenlosen Cyber-Bullying ausgesetzt, und wie wir wissen vergisst Google nichts, zumindest Inhalte, die über Reader abonniert wurden, bleiben den AbonnentInnen im Archiv erhalten. Sie und und ihr Elternhaus werden zusätzlich mehrfach tätlich angegriffen, u.a. mit Scheisse beworfen.

Ihre Eltern ziehen in einen anderen Bundesstaat und ändern die Namen der Familienmitglieder. Mallory Knight heisst nun Callie Monahan und hat ihr Erscheinungsbild sehr stark verändert.

Mit Callie Monahan (Mallory Knight) hat Hoffman eine seht starke Persönlichkeit geschaffen, vielleicht sogar zu stark bis unrealistisch. Wie gesagt hatte sie keine Hilfe (angeboten) bekommen, sondern musste vom Krankenhausbett aus wieder zurück in ihren Alltag. Nach der Phase, in der sie und ihre Familie Mobbing und Cybermobbing ausgesetzt war, nach der Phase von Flucht und dem Aufbau einer neuen Identität, ist es unvorstellber oder unglaubwürdig dass sie einen sehr guten Schulabschluss erreicht, für Jura angenommen wird, dadurch wieder nach Florida zurück geht, und die Kraft für dieses trockene und anstrengende Jura-Studium aufbringt. Wirklich unglaubwürdig ist die Love-Story zwischen ihr und einem jungen Cop.

Der junge Cop besitzt genügend Tiefe, um authentisch zu wirken, aber die anderen Protagonisten sind zu flach beschrieben.

Im Prolog lernen wir einen Ausschnitt der Täterperspektive kennen, was ich ganz interessant finde. Ein unschuldiger Junge, der Hilfe benötigt hätte. Wegen Schlafstörungen (das deutsche Wort für Insomnia) und schrecklicher Kopfschmerzen hat er eine medizinische Odyssee hinter sich. Ernährungsweise, Medikamente, Krankenhäuser, Untersuchungen, Therapien…halfen dem Kind nicht, und als Teenager wollte er irgendwann nur noch seine Ruhe haben. Allerdings hat er nur einen zaghaften Versuch unternommen, von den grauenvollen Gedanken zu berichten, die mit seinen Kopfschmerzen einhergehen. Es könnte also sein, dass er passendere Medizin erhalten hätte, wenn die Ärztinnen von diesen bösen Gedanken gewusst hätten.
Eines Tages kämpft er nicht mehr gegen seine Gedanken an, sondern setzt sie in Taten um. Erst quält er ein Tier zu Tode, womit seine Insomnia, Kopfschmerzen und abartig-sadistischen Gedanken für einen Zeitraum verschwinden. Als sich seine Qualen wieder zurück melden, quält er erneut und dann weitere Tiere, bis das vermehrte Fehlen von Haustieren in der Nachbarschaft auffiel. Daraufhin schnappte er sich einen Menschen und spezialisiert sich letztlich auf Mädchen, die zuhause weggelaufen sind, da die Ausreisserinnen oft nicht gesucht werden. Aber einige der Mädels wurden durchaus gesucht und ER wird seit vielen Jahren als Serienmörder, namens Hammermann, gesucht. Weitere Infos erhalten wir, als er bereits Mitte 30 ist und …

Der Stil des Romans gefällt mir nicht. Die Schreibe ist bestenfalls 0815, aber immer mit einem Hang zum Primitiven, zum Derben. An einigen Sätzen fällt besonders auf, dass die Autorin oder die beiden Übersetzerinnen sich nicht viel Mühe machen oder ihr Handwerk nicht besonders beherrschen. Z.B. „…,doch wie alles andere auf dieser Welt waren auch die Nachrichten von gestern zu, nun, eben Nachrichten von gestern geworden.“ S.436, 2. Abs.. Es gibt viele solcher Stellen, aber ich will es dabei belassen.

Nach dem Prolog hat mich das Buch erst ab S. 108 / 14. Kapitel begonnen zu interessieren, da es mich endlich berührt hat. Trotz vieler Geschehnissen und harter emotionaler Belastungen für die Protagonistin begann ich mich schon wieder etwas zu langweilen und mich zu fragen, wo die story nun hin will.
Auf S.258-259, dem Übergang vom 41.-42. Kapitel, nimmt die Story aber noch mal an Fahrt auf. Auf S. 389 beginnt scheinbar das große Finale, auf S. 400 scheinbar der Show-Down und danach liest sich der Text wie ein Epilog, aber bis zum Ende sind noch etwa 70 Seiten Inhalt, so dass eine inhaltliche Wende zu erwarten ist. Andeutungen werden auf S. 428-431 gemacht. Ihr seht also die Handlung zieht sich.

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