Cismak : Schulfrust

Viane Cismak : Schulfrust. 10 Dinge, die ich an der Schule hasse.

Schulfrust ist bereits das zweite Buch von Viane Cismak, erschien erstmals 2011 und ein Jahr später ging es in die dritten Auflage.
Viane Cismak möchte mit diesem Buch ein Sprachrohr für die Milliarden von SchülerInnen schaffen, die nicht zu Wort kommen oder zumindest kein Gehör finden. Sich wünscht sich, dass ihre Kritik bei den Diskussionen um Schulreformen hinzugezogen wird. Bevor ich Schulfrust gelesen hatte, habe ich mich gefragt, warum nach Jahrzehnten der bundesrepublikanischen Schulpflicht ausgerechnet im Jahr 2011 eine Abiturientin ein anklagendes Buch über das Schulsystem sowie dessen Umsetzung an staatlichen Schulen schreibt, und damit Ernst genommen wird. „Schulfrust“ ist nämlich von fast jeder Berliner und vielen überregionalen Zeitungen thematisiert worden und hat zwei Jahre nach Erscheinen die dritte Auflage erreicht. Cismaks Meinung stösst auf Interesse, weil sie einen sehr guten Abiturschnitt erreicht hat. Eine 1er-Schülerin erhebt die Stimme. Wir können der jungen Autorin also dankbar sein, und das ist nicht ironisch gemeint. Ein Grund, warum ausgerechnet im Jahr 2011… Cismak ist in so ziemlich jede Schulreform hineingeraten oder hat sie aus dem Augenwinkel (z.B.G8 bei ihrem kleinen Bruder) miterlebt.
Der Untertitel, 10 Dinge, die ich an der Schule hasse, wird in den Kapiteln wieder gefunden.

1. Leistung lohnt sich nicht
Cismak beschreibt viele Situationen, in welchen sie demotiviert sowie demoralisiert wurde und sie begriffen hat, dass sich ehrliche Leistung nicht lohnt. Bei diesen Schilderungen konnte ich nicht übersehen, wie ungerecht die Lehrkörper sind. Auch das ist meiner Meinung nach ein Grund, sich nicht anstrengen zu wollen oder zumindest so zu tun, als sei einem von jeher alles egal. Das erinnert schon sehr an früher.

2. Unterrichten nach Lehrplan? Ach, wieso denn?
5 Bsp in denen Lehrer machen, was sie wollen, anstelle Unterricht nach Lehrplan. Viele der Unarten kennen wir vermutlich alle aus der eigenen Schulzeit, z.B. wiederholte eine Lehrerin ständig den Unterricht aus der vorhergehenden Stunde. Das schlimmste hat Cismak auf einem altsprachlichen Gymnasium in Hessen erlebt, als eine Lehrerin in Physik ein ganz neues Konzept für den Unterricht ausprobieren wollte.

3. Aufbewahrungsstätte Schule
Cismak erzählt von unfähigen Vertretungslehrkräften und wie denen das Leben nicht nur durch die SchülerInnen, sondern auch durch das angestammte Lehrpersonal schwer gemacht wird. S.55 Von Unterricht konnte z.T. gar nicht mehr geredet werden, sondern es hätte betreute Freistunde heißen müssen. Aber auch die unterrichtslose Betreuung hatte nicht jede Vertretung drauf, so dass in deren „Unterricht“ Tische und Stühle aus den Fenstern und Lebensmittel an die Tafel geworfen wurden. S.47
Cismak kritisiert das Programm „Unterrichtsgarantie Plus“, aber mehr noch die Umsetzung durch das Lehrpersonal, inklusive Schulleitung und hält auch nichts von der Umbenennung des Programms in „Verlässliche Schule“ S.55 Cismak spricht sich gegen die pauschale Betreuung aus, weil es eine reine Aufbewahrung der Schüler wäre, anstelle Förderung, von individueller Förderung ganz zu schweigen.

4. In der Schule gilt: Sich nicht erwischen lassen
In diesem Kapitel erzählt Cismak von Streichen der SchülerInnen, den Reaktionen der Lehrkräfte, des Direktors und von Regelungen, die z.T. schon existierten, z.T. neu erfunden wurden.
Viel hat sich seit meiner Schulzeit nicht geändert. Die moderne Technik schafft natürlich neue Möglichkeiten, aber scheinbar nur für Unsinn. Über die Streiche, zitierten Antworten und die hilflosen Lehrkörper musste ich oft schmunzeln oder auch lachen. Aber die von den Lehrkräften inklusive Direx hervorgebrachten Ungerechtigkeiten zerstören bei mir jede Hoffnung. Und wie soll auch etwas besser werden, wenn von oben alles kaputt gespart wird? Gerade gestern war wieder in den Nachrichten, dass 41% (Berliner Morgenpost) 50% (Deutschlandfunk, ntv) der neuen Lehrer in Berlin Quereinsteiger sind. Da ist von vornherein klar, dass einige das Charisma und die Durchsetzungskraft haben, wogegen alle anderen den Kindern zum Opfer fallen und sich dementsprechend verändern.

5. Verschlimmbesserungen sind an der Tagesordnung
Die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre wurde auf Bundesebene nach und nach eingeführt, und als „G8″ und „Verkürztes Gymnasium“ betitelt. Da der Samstag nach wie vor schulfrei bleiben sollte, musste viel Unterricht auf den Nachmittag gelegt werden. Durch den Nachmittagsunterricht mussten die Schulen ein warmes Mittagessen anbieten und dazu mussten Kantinen gebaut werden. Diese Entwicklung hat Cismak bei ihrem kleinen Bruder miterlebt, der seine Hobbies, z.B. war er beim Leistungsschwimmen, nachmittags aufgeben musste. Er hatte das Glück in der Mittagspause unter großer Eile nach Hause zu fahren und dort seine Bücher auszutauschen und schnell zum Mittag zu essen. Kinder, die nicht nach Hause fahren können, tragen das doppelte Gewicht an Büchern mit sich herum.
Die Verlängerung der Grundschule auf sechs Jahre war ein weiteres Thema, da sie in Westdeutschland bisher nur vier Jahre umfasste. In Berlin gehen die Kinder seit Ewigkeiten sechs Jahre zur Grundschule, es sei denn sie sind gut genug, um nach der vierten Klasse aufs Gymnasium zu wechseln.
2005 Rechtschreibreform Das Drama um die Rechtschreibreform haben sicher viele von euch noch in Erinnerung. Für uns Erwachsene ist es weniger dramatisch, denn wie heisst es so schön: „Die Sprache gehört dem Volk“ (Resolution 1998), was bedeute wir können nicht zu einer festgelegten Rechtschreibung verpflichtet werden. Die Schulkinder aber mussten die neue offizielle Rechtschreibung lernen und haben unter dem Hin und Her gelitten.

6. Schlecht ist nicht gleich schlecht
Dieses Kapitel ist das einzige, was ich Flopp betrachte. Es geht um den Bildungsföderalismus, der Schulen des gleichen Typs unvergleichbar macht. Cismak hat von einem altsprachlichen Gymnasium in Hessen auf ein Gymnasium in Berlin Kreuzberg gewechselt und es war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Das Kreuzberger Gymnasium kommt mir nach ihren Schilderungen eher wie eine Sonderschule vor. Dort war z.B. Schönschrift ein Teil der Bewertungen von Hausaufgaben und Klausuren. Das erklärt die guten Abiturnote der Autorin. Da Cismak „nur“ vier Schulen persönlich besucht hat, beruft sich auf Statistiken, Expertenaussagen und Studien, belegt aber nicht eine davon. Selbst wenn sie aufgrund ihres Alters noch nicht wusste, dass herangezogene Äusserungen belegt werden müssen, hätte der Verlag ihr das mitteilen müssen. Aber das ist nicht meine einzige Kritik an diesem Kapitel. Selbst in einer Stadt gibt es diese extremen Unterschiede im Niveau von Schulen des gleichen Typs. Wir haben z.B. das Gymnasium Steglitz, auch ein altsprachliches Gymnasium, mit einem sehr hohen Niveau, die „normalen“ Gymnasien und dann gab es zu meiner Zeit noch die Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe, die ein eher niedriges Niveau hatten. So sprach es sich zu meiner Zeit herum, dass einE GymnasiastIn mit schlechten Noten ein tolles Abitur auf einer Gesamtschule erreichen kann(, ohne sich großartig anzustrengen). Inzwischen heissen Haupt-, Real- und Gesamtschulen Sekundarschulen oder einfach Oberschulen, z.T. mit mit gymnasialer Oberstufe. Aber es gab auch Unterschiede im Niveau bei ein und dem gleichen Schultyp innerhalb des selben Bezirks, was meines Wissens nach an den Schulkindern liegt, die sich in sozialen Brennpunkten anders verhalten als ein paar Viertel weiter.
Hier spricht sie sich auch nochmals gegen verlängerte Grundschulzeit aus.

7. Wo Sexismus geduldet wird
Hier geht es um die Rolle der Frauen im Islam und das daraus entstehende Verhalten der SchülerInnen. Ein Problem wurde daraus, weil an der Schule, die sich selbst als multikulti bezeichnet, nur eine Kultur vertreten war. Da Cismak, als Neue in der Schule und in der Stadt, auf ihre KlassenkameradInnen als Sozialkontakte angewiesen war, aber nur drei von ihnen religionsfrei waren, befreundete sie sich auch mit den Moslems. Das bedeutete für sie aber auch, dass sie entweder auf ihre Freiheiten (Parties, Alkohol, Kleidung, freier Sex), die in der religionsfreien deutschen Kultur üblich sind, verzichtet oder als Schlampe bewertet wird. Cismak berichtet aber nicht nur von diesen privaten Erfahrungen, sondern dass während des Ramadans kein Unterricht möglich war, dass die Schule nie ein religionsfreier Ort war, dass die im Berliner Schulgesetz festgelegten Werte nicht vermittelt wurden. Auch im Unterricht wurde der Islam i.B. auf die Rolle der Frauen und Terrorismus mehrfach thematisiert und diskutiert.

8. Vorteil Harz 4
Ich würde das Kapitel gerne in „Nachteil Geringverdienende“ umbenennen.
Cismak hatte sich in Hessen für ein Austauschjahr interessiert, aber 6000,-€ konnte ihre Mutter nicht aufbringen. Daher hat sie sich für ein Stipendium beworben, wurde aber abgelehnt. Sie konnte sich damals dem Eindruck, aufgrund ihrer familiären Situation, benachteiligt worden zu sein nicht erwähren.
Viele ihrer KlassenkameradInnen des Gymnasiums in Hessen wurden in den Ferien auf Sprachreisen geschickt, was Cismak verwehrt blieb, da in ihrem Elternhaus nicht genug Geld zur Verfügung stand. Leider hatte dies zur Folge, dass nach den Ferien das Unterrichtsniveau in Englisch und Französisch sprunghaft anstieg, und Cismak im Vergleich zu den Anderen schlechter wirkte.
Bevor Cismak in Berlin die 12. Klasse antrat erhielt sie eine Liste mit Büchern, die sie etwa 100,-€ gekostet hätten. Das kannte sie aus Hessen nicht. Das Büchergeld, sowie Geld für Klassen- und Studienfahrten und Ausflüge zu Museen konnten sich Harz 4-EmpfängerInnen vom JobCenter bezahlen lassen. Geringverdienende fallen hier durch die Maschen des Hilfenetzes. Dementsprechend konnten Kinder aus Familien mit geringem Einkommen an einigen Aktionen der Schule nicht teilnehmen. Folgerichtig fordert Cismak, das Geld für Bildung und Teilhabe sollte lieber der Schule für Ausstattung, wie PC, Software, Bibliothek zur Verfügung gestellt werden, anstelle nur den H4-Kindern.
Der letzte Punkt trifft nicht nur auf die Schule zu. Geringverdienende können sämtliche Vergünstigungen nicht erhalten, die für H4-Empfangende durch den Nachweis oder Berlin-Pass leicht in Anspruch zu nehmen sind. Das beginnt mit nicht wegzusparenden Ausgaben wie dem Ticket für den öffentlichen Personennahverkehr, geht über Kleiderkammern und endet bei der kulturellen Teilhabe, z.B. Schwimmbad.

9. Sympathie, das wichtigste Bewertungskriterium
Ungerechtigkeit und Willkür bei der Benotung ist kein neues Phänomen. Ich habe mich hier sehr an früher erinnert gefühlt. Wir sagten immer, die Lehrer würfeln die Noten. Das einzige tröstliche dabei war, dass die Lehrkräfte unterschiedliche Lieblinge und Antipathien hatten. Meine Freundin jedoch hat es böse getroffen. Ihr wurde die Oberstufenempfehlung verweigert, so dass sie über den zweiten Bildungsweg gehen musste und dementsprechend viele Lebensjahre ohne Verdienst hatte.

10. Verantwortungslos aus Überzeugung
Hier führt sie ein Beispiel nach dem anderen an, in dem Lehrer ihre Macht missbrauchen, gleichgültig, faul, inkompetent oder fies sind. Dieses Kapitel zeigt meiner Meinung nach sehr deutlich, wohin die Sicherheit der Beamtenstellen geführt haben – nicht etwa zu guter Arbeit und Loyalität, sondern zu Missbrauch. Dies ist eines der Kapitel, das die meisten und übelsten Erinnerungen in den Lesenden hervorrufen wird.

Mein Fazit:
Ein Kapitel fand ich schlecht, ansonsten ein gutes und interessantes Buch mit berechtigter Kritik und guten Vorschlägen. Darüber hinaus ist das Sachbuch durchaus unterhaltsam. Der Stil von Cismak ist leicht und schnell zu lesen, so dass sich die Lektüre auch für unterwegs eignet. Ich habe dieses auf Büchlein für 1,-€ in einem Ramschladen gekauft, aber ihr könnte es auch gebraucht bei den üblichen Anlaufstellen im Internet kaufen.

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