Einsatz am Wurstregal

Viviane Cismak : Einsatz am Wurstregal. Höhepunkte aus dem Leben einer Nebenjobberin

„Einsatz am Wurstregal“ ist nach „Schulfrust“ bereits das zweite, eigentlich sogar das dritte (Deutschlands Kinder wird nicht mehr aufgelegt), Buch von Viane Cismak, wurde 2012 veröffentlicht und ich habe es 2017 für 1,-€ auf dem Grabbeltisch eines Ramschladens, erstanden. Zwar ist „Wurstregal“ für mich ein mit Ekel verbundener Begriff und ich würde niemals irgendetwas von Wurstverkäuftern oder Fleischerei-MitarbeiterInnen lesen wollen, aber hier handelt es sich schlicht und ergreifend um verschiedene Supermarktregale in der Frischeabteilung. Mehr hat mich jedoch das im Untertitel angedeutete und im Klappentext versprochene Jobhopping durch Neben- und Aushilfstätigkeiten diverser Branchen, mit den von mir vermuteten 1000den von Überraschungsmomenten und Zufallsbegegnungen, angesprochen und zum Kauf bewegt. Leider ist dieses Buch aber aus mehreren Gründen ein Fehlgriff. Das beginnt schon mal damit, dass weder die erwartete Vielfalt noch die erhoffte Tiefe in den Erfahrungsberichten gegeben ist. Im Klappentext werden „…eine ganze Reihe von schlechten Jobs – und mehr skurrile Erfahrungen gesammelt als manch anderer in seinem gesamten Berufsleben.“ angepriesen, im Inhaltsverzeichnis reduziert sich das ganze auf 15 Kapitel, was ich noch ok fände, wenn in jedem Kapitel mehrere Erfahrungen zu lesen wären, aber das ist nur in Kapitel 10, 13 und 14 der Fall, wobei in 14 der zweite Erfahrungsbericht keinen Job, sondern ein FSJ beschreibt. Es wäre bestimmt auch mal interessant, so ein Buch mit gesammelten Erfahrungsberichten von FSJlerInnen zu lesen, aber das ist dann ein anderes Thema. Im Vorwort heißt es dann Cismak hatte 13 Jobs, und bei genauer Betrachtung stellt sich heraus, dass sie in 7 Jobs – also über der Hälfte – als Promoterin gearbeitet hat, und dass nur zehn der 15 Kapitel eigene Erfahrungen der Autorin darstellen. Fünf Kapitel, also 1/3 sind Erfahrungen, die andere jungen Leuten gemacht und Cismak zur Verfügung gestellt haben. Dabei handele sich um Freunde der Autorin, wie sie in einem Interview mit der Kreiszeitung.de erzählt hat. Insgesamt enthält das Buch 19 Erfahrungsberichte, von denen sechs nicht von Cismak selbst gemacht wurden.
Die mangelnde Tiefe kritisiere ich, weil Cismak einige der Jobs so kurz ausgeübt hat, dass es nur ein Ausprobieren war. „Natürlich war ich mit sicher, dass ich das Flyerverteilen nicht lange machen würde, ein paar Wochen vielleicht. Tatsächlich wurden es dann nur einige Tage.“ S.132 Bei den Tätigkeiten, die von vornherein nur für einen kurzen Zeitraum anberaumt waren, was bei Promotionaktionen teilweise und bei bei Komparseneinsätzen der Fall ist, hätte ich es sinnvoller gefunden, wenn diese Erfahrungen als Zusammenarbeit mit der betreffenden Agentur oder als Flyerverteilen in einem Kapitel gemeinsam geschildert worden wären. So ist Cismak nur in Kapitel 10 über eine Castingagentur und bei Promotion auf Inlineskates vorgegangen. Vermutlich wären weitere Zusammenfassungen – also weniger Kapitel – der Vermarktung nicht so zuträglich gewesen, weil das Buch dann auf die ersten Blicke nicht so vielseitig und interessant gewirkt hätte. Ich hätte mir sicher kein Buch gekauft, dass mir Erlebnisse einer Promoterin verspricht, die hauptsächlich Flyer verteilt. Ein weiteres Manko in Sachen Tiefe ist das Desinteresse der Autorin an ihren Jobs. So schreibt sie z.B.: „Mein Unvermögen würde sich schon noch früh genug zeigen, dachte ich mir“ S.221, „…,dass ich nicht die leiseste Ahnung hatte, was zu tun war. Vielleicht hätte ich doch meiner unwirschen Kollegin zuhören sollen, als…“ S.99 oder nachdem ihr Kollege etwas erklärt hatte: „Natürlich hatte ich es mir nicht gemerkt, und darauf gehofft, nie alleine zu sein.“ S.232
S.232 Ausserdem beschrieb sie sich häufig selbst als unzuverlässig und schlampig „Erstaunlicherweise war ich pünktlich. Ich wunderte mich ein wenig über mich selbst.“ S.171

Ebenfalls ein grosses Manko ist die Widersprüchlichkeit der Autorin, durch die sie unehrlich auf mich wirkte. Sie ist mit 17 Jahren allein aus Hessen nach Berlin gezogen, hat aber in keiner betreuten Wohnform gelebt, sondern eine eigene Wohnung bezogen.“Der Vermieter hatte tatsächlich breit schlagen lassen, sie mir, einer Minderjährigen, zu geben.“ (S.16) Wie das bei einer Minderjährigen funktionieren kann, sei dahin gestellt, weil es nicht direkt mit dem Buch zu tun hat und weil dies auch in „Schulfrust“ und in Interviews so zur Sprache kommt. Ihr erster Nebenjob bestand darin, vor einem Laden neue Kunden für ein Telekommunikationsprodukt zu werben. Um für ihre Tätigkeit bezahlt zu werden, musste sie eine Rechnung schreiben, d.h. sie arbeitete freiberuflich. Bei den Kundenverträgen ist es denkbar, dass diese durch das Personal im Laden abgeschlossen wurden, aber wie hat sie als Minderjährige ihr Gewerbe oder ihre Steuernummer für freiberufliche Tätigkeiten angemeldet?! Oder hatte sie sich gar nicht angemeldet und hat die Rechnungen trotzdem geschrieben? Es könnte ja sein, dass diese kleine Auslassung nicht weiter auffällt. Jedenfalls wirkt das alles ziemlich unglaubwürdig. Bei einem weiteren Promotionjob für eine gemeinnützige Organisation hat sie ihre Minderjährigkeit offen angesprochen. Dort war es kein Problem, dass Minderjährige am Stand neue Mitglieder für einen wohltätigen Verein werben. Ich denke mal, bei diesen Fundraising-Jobs handelt es sich um große Agenturen, die genau wissen, wie sie Minderjährige arbeiten lassen können. Immerhin hat Cismak ihr Alter offen erwähnt, so dass sie dort in diesem Punkt ehrlich wirkt.

Angeblich habe sie als 17-jährige Schülerin bereits ihren Lebensunterhalt selbst verdienen müssen (oder wollen?). „Ich war eine der wenigen, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen wollten“ S.71 „Ich musste meine Miete zahlen.“ S.75 „Mir erschien zu der Zeit das Bezahlen meiner Miete wichtiger als das Wohl der Tiere.“ (Flyer verteilen für Bratwurst-Flatrate) S. 140 „Obwohl ich am Wochenende bereits bei der Coffeeshop-Kette arbeitete, hatte ich zu wenig Geld.“ S.148 Wo das Kindergeld für sie geblieben ist und warum oder ob sie kein Schülerbafög hatte, sei dahin gestellt, denn das Buch enthält auch ohne diese Fragen viele widersprüchlich Äusserungen. Das folgende Zitat zeigt den Widerspruch im gleichen Satz: „Obwohl ich das Geld brauchte, hatte ich nach einigen Tagen keine Lust mehr auf diesen Job.“ S.140 Bei diesem Beispiel hat sie bei starker Kälte draussen gearbeitet. Hätte sie diesen Job wirklich gebraucht, hätte sie ihn auch irgendwie zu bewältigen geschafft. An vielen anderen Stellen gibt sie zu, dass sie es nicht nötig hatte, arbeiten zu gehen: „So wichtig war mir der Job nicht. Mir war egal, ob ich gefeuert wurde.“ S.125 „…mir total egal gewesen wäre, hätte eines Tages eine Kündigung meinem Briefkasten gelegen.“ S.128 „Dass ich nie von diesem Job abhängig war,…“ S.129

Im Vergleich zu „Schulfrust“ hat sich leider auch ihre Art (zu Schreiben) verändert. Sie wiederholt sich oft, schweift teilweise etwas weiter vom Thema ab, vermutlich um Seiten zu füllen, und was mir am meisten missfiel, sind ihre vielen voreingenommenen Bewertungen, Pauschalisierungen und Schubladendenken. Scheinbar hat sie gedacht, für jeden Job einen fachkundigen Überblick oder eine Art Gesamtbilanz ziehen zu müssen. Z.B. „Die meisten Werber schaffen es nämlich hervorragend, unwilligen Passanten ein schlechtes Gewissen einzureden.“ S.68 Schaffen sie das wirklich? Und wie will die Autorin das wissen, wenn sie nur zwei Tage in einem kleinen Team gearbeitet hat. Weiterhin steckt sie ihre KollegInnen in Schubladen: „Insgesamt gab es, grob gesagt, drei Arten von Mitarbeitern:…“ S.81 Diese Aussage betrifft auch den Job, bei dem sie wegen ihrer schlechten Leistungen nach zwei Tagen gehen durfte. „Meiner Meinung nach machte ich nichts falsch.“ S.149 Anstatt zu fragen, was sie falsch gemacht hat. Diese Aussage betrifft ihr schlechtes Feedback beim Probearbeiten, als sie Flyer, an eine vordefinierte Zielgruppe verteilen sollte. Es gibt noch mehr solcher Stellen, die mir als Leserin einfach Unwohl bereiten.

Interessant fand ich folgende Joberfahrungen:
Kapitel 4 Fundraising für eine gemeinnützige Organisation am Promotionstand
Kapitel 9 Club-Promoterin Flyerverteilen und kostenlos feiern gehen
Kapitel 10 Drei Einsätze als Komparsin durch eine Castingagentur
Kapitel 15 Berlin Museum
Ein Teil Cismaks Erfahrungen mit dem Fundraising wurde im Spiegel abgedruckt. Das könntet ihr bei Interesse im Netz finden, um eine Leseprobe und einen Einblick in diesen Job zu erhalten.
Das Museum beschreibt sie so genau, dass es unschwer zu erraten ist.

Teilweise interessant fand ich das
Kapitel 6 Coffeeshop-Kette
Den Coffeeshop nennt sie nie namentlich in diesem Buch, aber in einem Interview zu ihrem Buch „Schulfrust“ sagte sie ganz offen, dass sie bei Dunkin’ Donuts gearbeitet hat.

Kapitel 8, ein Gastbeitrag, war an sich sehr gut und lebhaft beschrieben. Es handelt sich um eine mobile Abverkaufspromotion eines Likörs auf einem dreitägigen Heavy-Metall-Event. Das Festival muss ein ziemliches Erlebnis gewesen sein, der Beitrag ist sehr unterhaltsam, auch wenn mich persönlich das Thema gar nicht interessiert hat.

Schade fand ich bei folgenden Beiträgen, dass sie nicht genug Einblicke gegeben haben:
Kapitel 3 Stripclub
Eine Erfahrung, die Anabell (20J) bei ihrem Probetag im Stripclub gemacht hat. Sie dachte zuvor, an der Stange zu tanzen wäre leicht verdientes Geld und würde ihr Spass machen. Festgestellt hat sie aber, dass es verdammt anstrengend ist, zu anstrengend, um diesen Job tatsächlich anzutreten.
Kapitel 5 Spielkasino
Der 2. Gastbeitrag. Eine Erfahrung von Robert (21J) in einem Spielkasino in Berlin
Leider ist der fast dreiseitige Bericht sehr oberflächlich, so dass Fachfremde sich nicht viel drunter vorstellen können, und die Erfahrung beläuft sich nur auf zwei Monate. Z.B. bekam er anfangs eine Ausbildung, über die es keine nähere Beschreibung gibt, wie lange, ob bezahlt… Bezahlung, Arbeitszeiten, Anstellungsmodalitäten… die Basics fehlen.
Kapitel 11 Barkeeper im Restaurant
Der 4. Gastbeitrag von einem 21-jährigen Juan, der im italienischen Restaurant seines Vater ab und an als Barkeeper arbeitet. Er verrät uns Anfangszeit, Arbeitskleidung, Lage des Lokals und Art des Publikums, erzählt auf knappen fünf Seiten aber überwiegend Anekdoten.

Alles in Allem kann ich euch dieses Buch leider nicht empfehlen, auch nicht für einen Euro

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Ein Gedanke zu “Einsatz am Wurstregal

  1. Schrecklicher Titel.
    Eine Freundin hatte mit 16 ihre eigene Wohnung, da sie eine Lehre angetreten ist, die woanders ist.

    Das wirft ein sehr unsympathisches Bild dieser Autorin auf sich. Nach dem Motto: „wenn du nix kannst oder keinen Job finden/ halten kannst, werde Autorin.“ Das hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

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