90 Nächte 90 Betten

Christine Neder : 90 Nächte 90 Betten. Das Tagebuch einer Couchsurferin

Christine Neder war 25 Jahre alt, als sie 2011 ihr Tagebuch, über ihre Extrem-Couchsurfing-Zeit (erst als Blog und dann auch) als Buch veröffentlichte.

Couchsurfing ist ein Gastfreundschafts-Netzwerk im Internet, auf dem ein Platz zum Übernachten angeboten, gesucht und bewertet werden kann. Das Travel-Social-Network existiert heute noch und zusätzlich könnt ihr auf einer entsprechenden Wikipedia-Seite nähere Informationen über die Couchsurf-Community einholen.

Neder wurde aus der Not heraus zur Extrem-Couchsurferin.  Sie hatte in Berlin einen Praktikumsplatz für drei Monate ergattert, aber natürlich keine Bleibe. Bereits 2010 war es in der Millionenmetropole sehr schwer, v.a. in der Innenstadt nahezu unmöglich, bezahlbaren Wohnraum zu mieten. Aber als gerade fertig studierte Modedesignerin ist auch der Berufsstart so schwer, dass die Jungakademikerin froh über das Praktikum war – auch wenn es nur sehr schlecht entlohnt wurde. Unklar, wie sie die Zeit in Berlin überstehen sollte, war das Couchsurfen eine rettende, aber auch verrückte Idee. In ihrem Freundeskreis wurde die Idee erst gar nicht ernstgenommen und ein fränkischer Hotelier habe später zu Neder gesagt: „Saga ma, warum machsde denn so a Gschmarri? Mussde doch wiss, dass de da überfalln wirst, wende bei främde Leud schläfst.“ (S. 181) Das hätte ich – wenn auch nicht auf fränkisch – sinngemäß auch gesagt. Ich selbst hätte mich nämlich niemals in dieser Community angemeldet, weil ich niemals einen Fremden in meine Wohnung lassen würde, geschweige denn mich ohne Begleitung in eine fremde Wohnung zu begeben. Das ist aber auch eines der Themen, bei denen ich besonders laut fluche, eine Frau sein zu müssen. Als Mann würde ich vermutlich das Couchsurfen ausprobieren. Dieser latente Wunsch hat mich wahrscheinlich auch neugierig auf das Buch gemacht. Ausserdem bin ich fast immer neugierig auf verrückte und ausgefallene Ideen, sonst hätte ich nicht Michaels Holzachs Deutschland Umsonst (Holzach beschreibt eine Wanderung durch Deutschland ohne Geld.) und René El Khazrajes Alles Auf Eine Karte (El Khazrajes hat seinen Mietvertrag gekündigt und dieses Geld in eine Bahnkarte 100 investiert, so dass er ein Jahr in der Bahn „lebte“.) gelesen.

Aus ihrer Notlösung hat Neder kurzerhand ein Projekt  gemacht. Behufs diesen Zweckes hat sie sich spezielle Regeln auferlegt und darüber täglich auf ihrem Blog  berichtet. Es ging ihr nicht mehr allein darum, das Praktikum zu bewältigen, ohne auf der Strasse oder im Auto zu schlafen. Nun hatte sie sich vorgenommen 90 Tage lang, jede Nacht auf einer anderen Couch, bei einem anderen Gastgeber zu übernachten. Ich stelle es mir zwar sehr interessant vor, in einen Mikrokosmos nach dem Anderen einzutauchen, aber bei Neder bin ich mir unsicher, ob ich sie für ihren leichtsinnigen Mut bewundern oder bemittleiden soll. Neder schreibt auf S.295 über den Sinn und Zweck ihres Projekts, sie hatte erfahren wollen, wie es sich anfühlt, immer unterwegs zu sein, kein zu Hause, keine Privatsphäre, keine Rückzugsmöglichkeit zu haben.

Letztendlich hat sie die drei Monate fremdschlafen unbeschadet überstanden. Sie wurde auch nicht angegraben, geschweige denn belästigt. Einmal hatte sie Angst, aber unbegründet. Das war in der 76. Nacht, bei einem bigamen Fotografen aus der SM-Szene, dessen zwei Freundinnenfür ihn die Sklavinnen spielen. (S.260) Einmal kämpfte sie gegen das Bedürfnis, die Flucht zu ergreifen. Das war die 51. Nacht in einem Van, der nur die Größe eines Eiswagens hatte und sehr vollgestellt war. Hier ein paar Fotos. Viele Gastgebenden hatten ihr angeboten, mehrere Nächte zu bleiben oder noch mal wieder zu kommen, was sie mit Verweis auf die sich selbst auferlegten Regeln ihres Projekts abgelehnt hat. Jede Nacht eine andere Couch! Ihre Schlafplätze hat Neder nicht nur über die Couchsurfing-Community erhalten, sondern auch über Facebook sowie studivz und seit dem 34. Tag wurde sie auch direkt oder über ihren Blog angemailt, weil Leute ihr Projekt interessant fanden. Zugute kam ihr dabei ein recht schnell erwachtes Interesse der Medien. Bereits nach der 15. Nacht erhielt sie ein Radio-Interview (S. 58ff), nach der 30. Nacht TV-Aufnahmen (S. 103f), Am 34. Tag erschien ein Bericht im SpiegelOnline, durch den Neders Popularität sprunghaft  anstieg, außerdem durfte sie fortan eine wöchentliche Kolumne im Spiegel Online schreiben (S. 114); nach der 38. Nacht RTL (S. 120); die 49. Nacht verbrachte sie bei einer Journalistin vom Tagesspiegel, die ihre Gastfreundschaft, mit dem Hintergedanken an einen Artikel, angeboten hatte (S. 158f); für die 54. Nacht  bekam sie den Gastgeber von einem Kamerateam vermittelt, das über Nacht dabei blieb (S. 187f). Neder meint selbst, sie hätte ihr Projekt bis auf eine Ausnahme geschafft. (S. 303) Da muss ich als aufmerksame Leserin widersprechen, denn abgesehen von den eben aufgezählten Erleichterungen hat sie folgende Nächte nicht nach ihren Regeln verbracht. Nach 44 Tagen hat sie sich eine Auszeit von zwei Nächten im Hotel, Die Fabrik, genommen (S. 146); Nacht 52 hat sie in der Pension, Hotel Charlottenburg, verbracht (S. 179);  die 57. und 58. Nacht hat sie, bei ihrem Freund Paul, in München übernachtet (S. 200 und 203); die 59. Nacht hat sie auf zwei Sitzen der Deutschen Bahn verbracht (S. 179); zum Zwecke einer Bewerbung ist sie nach Bochum gefahren (S. 218) und die 26. Nacht hat sie bei ihrer Praktikantinnen-Kollegin verbracht (S. 92f) – also gar nicht übers Internet.

Es gab einige Highlights bei den Gastgebenden. Dazu würde ich neben der 51. Nacht in Mierniks Van (S. 168ff), die 79. Nacht bei einer Inderin (S. 271f) und die 88. Übernachtung im Hinduistischen Tempel in Berlin Mitte (S.301ff) zählen. Bemerkenswert ist auch, wie klein die Welt manchmal erscheint, so dass Neder zwei mal zufällig auf Leute trifft, die sie bereits kannte. Die 71. Nacht (S. 240ff), die 83. Nacht bei ihrem Ex (S. 284ff) und in einer weiteren Nacht stellt sie fest, bei einem Kumpel einer ehemaligen leider-nur-Affaire gelandet zu sein.

Wozu das Buch kaufen, wenn der Blog kostenlos im Netz zu lesen ist? Das Buch ist textbasiert und enthält wenig Fotos, die der dekorativen Gestaltung dienen, aber wenig aussagkräftig sind, zumal sie mehrfach verwendet werden. Die Blogposts zu 90 Nächte 90 Betten dagegen haben den Schwerpunkt Fotografie, häufig sind nur ein bis zwei Sätze unter jedem Foto, jedoch auch einige Texte. Aber ich habe leider auch einige Doppelungen in Blog und Buch gefunden. Der Blog ist auf jeden Fall interessant und empfehlenswert. Ich habe Lilies Diary jetzt erst – durch das Buch – kennengelernt. Das Buch würde ich an eurer Stelle gar nicht oder höchstens gebraucht kaufen, denn es ist auch in Bibliotheken vertreten. Ich habe es in Berlin, sogar im Bezirksteil Kreuzberg, in der Biografie-Ecke von zwei verschiedenen Bibliotheken gefunden. Außerdem handelt es sich wieder um den Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, von dem ich viele Bücher – wie z.B. Piercing is not a crime, Schulfrust, Einsatz am Wurstregal – für 1,-€ auf einem Grabbeltisch bei kik erstanden habe. Dort könntet ihr also auch nach diesem Buch suchen.

Durch Neders Blog und ihrer Präsenz auf allen Neuen Sozialen Medien lässt sich auch die Frage beantworten, die sich mir nach der Lektüre gestellt hat. Was ist eigentlich aus der jungen Modedesignerin nach ihrem Bekanntwerden und der Buchveröffentlichung geworden? Neder war die erste Extrem-Couchsurferin und wusste offenkundig, die Möglichkeiten der Social Media Kanäle sowie das Medieninteresse für sich zu nutzen. Aus diesen zufälligen und glücklichen Umständen hat sie scheinbar das Beste gemacht. Heute arbeitet sie nicht als Modedesignerin, sondern ist eine selbstständige 1000sasserin im medialen Bereich. Schreiben, Reisen, Werbung, Seminare, Networking, Fotografieren, Filmen, Bild- und Filmbearbeitung sind ihre Tätigkeiten. Reisen und Neue Soziale Medien / web 2.0 sind ihre Themen. Sie selbst bezeichnet sich (auf ihrem Blog und Wikipedia) als Autorin, Redakteurin, Kolumnistin, Social Media Managerin, Online Communication Managerin und Bloggerin.

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