Ich könnte das nicht.

Florentine Degen : Ich könnte das nicht. Mein Jahr im Hospiz

Ich kann das nicht (mehr) weiterlesen, habe ich manches mal gedacht. Aber mit vielen Pausen und in kleinen Häppchen habe ich die Lektüre doch beendet – und ich möchte sagen, es hat sich gelohnt.

Es handelt sich bei diesem Buch um ein biografisches und dokumentarisches Werk. Nach ihrem Abitur absolvierte Florentine Degen ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Hospiz. Das Buch beinhaltet schwer verdauliche und auch oft bittere Kost. Dennoch finde ich das Thema für jeden Menschen wichtig, denn wir werden alle älter, jedes Leben endet tödlich und eine gewisse Lebensplanung gehört meiner Meinung nach dazu. Zumindest sollten wir alle informiert sein.

Obwohl vor ca. 7 Jahren bereits um die 150 Sterbehäuser in Deutschland existierten, wurden diese Orte und das gesamte Thema drumherum immer noch tabuisiert sowie mit schrecklichen Dingen assoziiert. So wurde Degen auf einer Fortbildung von anderen FSJlerInnen gemieden, hinter ihrem Rücken „…als herzlos. Als jemand, der auf Tote steht.“ (S.64) bezeichnet und es hieß für gewöhnlich „die Florentine und ihre Zombiearmee“ (S.63), wenn über sie getratscht wurde. Bei den FSJlerInnen steht die Arbeit mit Kindern hoch im Kurs, das Alter dagegen wird gemieden und der Tod erst recht.

Degen hat sich ihre Erlebnisse und Gedanken jeden Abend von der Seele geschrieben. Das Buch ist wie ein Tagebuch in tägliche Kapitel untergliedert, mit Überschriften 1. September bis 14.August, jedoch ist nicht exakt für jeden Tag ein Kapitelchen zu lesen (z.B. geht es nach dem 12.11. erst mit dem 16.11. weiter) und die Einträge unterliegen keinem sich regelmäßig wiederholenden Schema. Infos zum Alltag und zur Arbeit finden sich am Anfang des Buches, später erzählt sie mal von der gemeinsamen Zeit mit einzelnen Gästen, mal von besonderen Begegnungen, von besonderen Gesprächen, aber auch Konflikte im Kollegium und sie macht sich Gedanken über ihr eigenes Verhalten – immer das aktuell besonders Bemerkenswerte. Im Verlauf des Jahres ist zu merken, wie Degen sich verändert. 1. Sie hat nicht mehr für jeden Gast genau so viel Geduld, Verständnis und Freundlichkeit. Manchmal reagiert sie ziemlich hart – sehr genervt oder auch mal böse 2. Die Arbeit scheint ihr ziemlich an die Substanz zu gehen. Während eines kurzen Urlaubs genießt sie im Freibad ganz bewusst das Kindergeschrei. 3. Je mehr sich das FSJ dem Ende zu neigt, desto weiter scheint sie sich auch dort weg zu wünschen.

Außer den fast täglichen Einträgen enthält das buch sog. Kästen, mit der Anmerkung „nebenbei“, die Degens Gedanken zu einem speziellen Thema, wie z.B. „Ekel“ (S. 37), „Angst“ (S. 53) oder auch große, grundsätzliche Themen wie „Sterbehilfe“ (S.246ff) enthalten. In einem dieser Kästen, „Das Experiment“, beschreibt sie einen Selbstversuch, den ich sehr gut finde. Degen will wissen, wie es sich anfühlt, Windeln zu tragen. Sie probiert zwei Arten, findet beide ganz entsetzlich und hat sogar Alpträume davon. (S.96ff)

Windeln heissen übrigens nicht nur beschwichtigend Inkontinenzmaterial, sondern auch geschlossenes System.
Die Füllung der Windeln oder auch Erbrochenes wird verharmlosend als Verdauung bezeichnet
Den vollgeschissenen Arsch abwaschen = Intimpflege
Waschen = Pflege
Füttern = Anreichen

Zwei unangenehme Dinge sind mir von Anfang an aufgefallen: 1. würdelose / herabwürdigende Behandlung und 2. auch im Hospiz haben die Schwestern oft zu wenig Zeit. Das Besondere des Hospizgedankens ist verglichen mit Seniorenheimen und Krankenhäusern, dass mehr Personal zur Verfügung steht, damit die alten Menschen in ihrer finalen Phase nicht sich selbst überlassen, sondern in den Tod begleitet werden, und somit der Sterbevorgang möglichst human und würdevoll gestaltet wird. Auch werden Hospize eher in kleinen Häusern eingerichtet, damit gar nicht erst der Eindruck einer Massenabfertigung entsteht, sondern im Gegenteil alles etwas persönlicher und wohlfühliger anmutet.

Würdelos:
Degen berichtet, wie eine Schwester die Windel einer Dame öffnet und ausruft: „Oh, da ist aber einiges gekommen – wunderbar.“ (S.14) Ich glaube, mir wären die Tränen gelaufen, wenn ich mich so behandeln lassen müsste.
In dem folgenden Fall hat die Bewohnerin selbst gehandelt und gesprochen: „Sie zog die Hosen herunter und lächelte müde:>>Wie ein Baby.<<“ (S.85) Das zeigt aber sehr gut, wie unwohl sie sich in ihrer Situation fühlt.
Schwester Agnes sagt bei dem Wechseln einer Windel: „…Hier drinnen stinkt’s, ne?“ (S.160)
Schwester Christine sagte zu Degen „>>Komm zackig! Mach ihn rein ins Bett…“ (S. 175)
„Während Bianca die Scheiße wegwischte, … >>Na, nicht meckern! Da muss man sich bedanken!<<, sagte sie der Wimmernden, während Bianca Penatencreme auf ihre Pobacken schmierte.“ (S.189)
Eine Ehrenamtlich wischte in einer Art Wohnzimmer oder einer gemütlicher Ecke Staub, was an sich schon nicht ganz richtig ist, denn Staub wischen ist die Arbeit von Reinigungskräften und Ehrenamtliche sind – wie auch Maßnahmen vom JobCenter – zusätzliche Einsatzkräfte. Zusätzlich heißt, sie dürften keine Tätigkeiten der Angestellten ausüben, weil sie keine Arbeitsplätze vernichten / ersetzen sollen. Schlimmer und für den Absatz „würdelos“ sind aber die Worte dieser Ehrenamtlichen: „>>Ich musste sie mitnehmen<<, rief sie mir zu. >>Sie gibt ja sonst keine Ruhe.<<“ Die Seniorin hatte diese Worte gehört und der Ehrenamtlichen hinterm Rücken wenigstens die Zunge herausgestreckt, um Degen gegenüber ihr Missfallen auszudrücken. (S.208)
„Sie sind Demütigungen gewohnt. Sie sind es gewohnt, schnell herumgeschoben und liegengelassen zu werden.“ (S.220)

Keine Zeit:
So wie Degen den Alltag im Hospiz beschreibt, ist der Personalschlüssel – wenn auch besser – noch lange nicht ausreichend, so dass immer noch Akkordarbeit geleistet wird. Diese Tatsache kommt in der gesamte Dokumentation immer wieder zur Sprache. In einer Dienstphase sind für gewöhnlich zwei bis vier Schwestern und FSJlerInnen (S.219) Im Januar waren vier FSJlerInnen im Team, wogegen es seit Anfang Juli nur noch zwei waren, was dem Spätdienst zu Lasten ging. (S.232) Manchmal kommen Ehrenamtlich dazu.
„Sie wollte auf ihr Zimmer. Keine Schwester hatte Zeit.“ (S.73)
Degen führte gerade ein sensibles Gespräch mit einem Senior. „>>Ich brauch dich!<<, rief Christine und riss die Tür auf.“ (S. 175)
„Seinen Höhepunkt erreichte der Stress … Als ein Mann halb angezogen auf dem Bett saß, zwei Zimmer nach mir klingelten und zwei Schwestern ebenfalls meine Dienste beanspruchen wollten.“ (S. 176)
„>>Irgendwer sollte ihn begleiten<<, fügte sie leise mit Blick auf den vor Angst blassen Mann zu. >>Aber wer hat Zeit?<<“ Das war als ein Krankenwagen bestellt war, weil ein Mann sich bei einem Sturz die Schulter ausgerenkt hatte, unter Schmerzen und Angst litt. (S.179)
„Wie soll man den Hospizgedanken verwirklichen, wen man nur Zeit hat, hastig zu pflegen und Kleinigkeiten nachzukommen?“ (S.234)

Aber es gibt auch positive Äusserungen: Z.B. sagt ein Senior, er fände es unglaublich, dass die Angestellten sich vergleichsweise viel Zeit für ihn nehmen, wogegen er im Krankenhaus kamen immer nur Befehle gehört habe. „Wer aus einer Palliativstation in dieses Hospiz kommt, fühlt sich wie im Paradies.“ (S.219)
„Dass unsere Gäste erstaunt sind über die Feundlichkeit und die Zeit, die wir uns für sie nehmen, ist traurig.“ (S.220)

Bei diesen Schilderungen habe ich wirklich Angst bekommen, jemals in so einer Einrichtung auf den Tod warten zu müssen. Nicht nur Angst vor einem Hospiz, sondern insg. Angst, in einem Heim für kranke, alte und/ oder sterbende Menschen leben zu müssen, weil ich dem Personal nicht hilflos ausgeliefert sein möchte. Das habe ich durch diese Lektüre deutlich gemerkt. Je älter und hilfloser mensch wird, desto weniger besteht die Möglichkeit, selbst Schluss zu machen. Egal ob ich das Sterben in Würde als Märchen oder als unerreichtes Ideal interpretiere, finde ich es doch beängstigend. Dort, in dem Hospiz könnte ich nicht mal absichtlich verhungern, weil sie den Todkranken einfach eine Sonde in den Magen schieben. Allerdings konnte ich dem Buch entnehmen, dass es möglich ist, mit dem Personal einen Dämmerzustand zu vereinbaren. D.h. sich in einen Dämmerschlaf versetzen zu lassen, bis der Tod eintritt. Es heißt, von Leid und Sterben wäre dann nichts mehr zu bemerken. „Sterbehilfe ist verboten. Dämmerhilfe nicht.“ (S.221)

Das Buch lässt sich gut und schnell lesen, allerdings nicht gemütlich beim Knabbern von Chips oder Keksen, denn viele Stellen sind eklig. Schnell lesbar ist das Werk durch den Schreibstil, aber die schweren Inhalte wirken der Geschwindigkeit stark entgegen. Oft brauchte ich erst mal eine Pause zum Nachdenken oder wollte mich ablenken. Zwischenzeitlich dachte ich auch mindestens zweimal, ich würde nicht mehr bis zum Ende lesen. Der Schreibstil hat mir überwiegend gefallen, weil er ziemlich ausdrucksstark ist. Kurze Sätze bringen viele Fakten, Aussagen und Gefühle knackig zackig auf den Punkt, spitzen Eindrücke und Emotionen zu, aber dieser Stil kann auch überstrapaziert werden und nutzt sich dann ab. Degen wählt oft direkte, unschöne Worte, um einen Sachverhalt unverblümt auszudrücken, und so wie ihn JedeR versteht, anstelle mit Fachvokabular zu beschönigen. Schonungslos offen und ehrlich sowie anrührend zu gleich!

Abschließend noch eine Anmerkung zu den überwiegend sehr negativen Rezensionen auf amazon, die ich ebenfalls gelesen habe. Die RezensentInnen haben sich fast alle als Fachkräfte geoutet. Einige haben zugegeben, das Buch nicht zu Ende oder nicht allzu viel darin gelesen zu haben, bei anderen steht dies zu vermuten. Ich denke, für Pflegeberufe im Seniorenbereich ist es schwer, mit dem Beruf, den Belastungen und den – eigenen – Ansprüchen klar zu kommen. Dann kommt einfach so ein junger Mensch, und maßt sich Beurteilungen und Meinungen an. … Ich denke mal, ihr wisst was ich meine.

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