Anne Provoost : Flutzeit

Buchcover des biblisch inspirierten Romans FlutzeitFlutzeit ist mir zufällig – vermutlich in einem offenen Bücherschrank – in die Hände gefallen. Da der Roman bereits 2003 erschienen ist, habe ich überlegt, ob ich überhaupt eine Rezension dazu schreibe. Aus zwei Gründen habe ich mich dazu entschlossen. 1. Anne Provoost bietet dieses Buch (die deutsche Übersetzung) auf ihrer Webseite kostenlos als pdf an und 2. dieses Werk ist definitiv etwas ganz Besonderes.
Es handelt sich um eine neue Version des biblischen Sintflut-Mythos. Hauptpersonen sind ReJana und ihre Eltern, die ihren Heimatort verlassen, weil das Wasser bei jeder Flut höher steigt und die Überschwemmungen immer bedrohlicher werden. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von ReJana erzählt, die sich nicht mit einem Alter beschreibt, sondern dass ihr Wachstum beinahe abgeschlossen ist. Sekundäre Hauptpersonen sind der Bauherr und seine drei Söhne, mit dessen Unterstützung er die Arche bauen lässt. Durch nichtsesshafte Völker hatte sich herumgesprochen, dass in einer wüsten Gegend ein riesengroßes Schiff gebaut wird. Als die kleine Familie diesen Ort erreicht, will der Vater sich entsetzt abwenden, weil er zum einen die dort überwiegend beschäftigten NomadInnen verabscheut, weil er es völlig blödsinnig findet, in der Wüste ein Schiff zu bauen und weil er das Projekt Riesenschiff aus fachlicher Sicht kritisiert. Durch mangelnde Alternativen und weil weder seine Frau noch seine Tochter weiter wandern wollen und weil die Söhne des Bauherren ihn unbedingt dabei haben wollen, lässt er sich doch anheuern.
Die längste Zeit geht es um den Bau der Arche. Eine riesige Schaar von NomadInnen freuen sich über die Arbeitsgelegenheit in der gigantischen Werft. Jedoch wissen sie nichts über den Hintergrund, und wollen – wie ich vermutle – auch nichts darüber wissen. Je näher die Fertigstellung der Arche rückt, desto mehr Tiere treffen ein. Es sind unglaubliche Mengen unterschiedlicher Tierarten, überwiegend von jeder Spezies ein Paar. Langsam gedeihen Fragen, was es mit den vielen Tieren und dem Schiff im Trockenen auf sich habe, und Antworten sprechen sich herum. Die vorausgesagte Sintflut ist eigentlich undenkbar, aber da die vielen Tiere nur durch Gott an diesen Ort geführt worden sein können, wäre eine Flut durch Gottes Hand vielleicht auch möglich. Je mehr die vielen (inzwischen ehemaligen) ArbeiterInnen den Gedanken an eine alles vernichtende Flut zulassen, steht für sie ausser Frage auf dem großen Schiff zu überleben. Das Wasser fällt nicht ab einem bestimmten Zeitpunkt vom Himmel, sondern ergreift langsam Raum – alles wird feucht, dann glitschig und dann nass, bis es keinen trockenen Zufluchtsort mehr gibt. Die Menschen hatten genug Zeit, sich auf die Sintflut vorzubereiten. Nur von einem Suizid wird berichtet, viele nutzen die Zeit, um zu beten, zu büßen und eigene kleine Boote zu bauen. Aber zwei der drei Söhne des Bauherren habe in all diese Boote ein Leck geschlagen, weil ihre Arche sonst nicht mehr den Sinn hätte, nur eine kleine auserwählte Gruppe der Menschheit zu retten. Seitdem die Leute sich mit den Gedanken an eine Sintflut, das Sterben und Retten sowie die Selektion der Menschen auseinandersetzen, wird die moralische oder philosophische Sichtweise immer wieder thematisiert. Welche Menschen sind rechtschaffen (die Auserwählten) und welche nicht? Wer entscheidet darüber? Welcher Gott ist der Richtige? Welche Regeln müssen befolgt und welche dürfen oder sollten übertreten werden? ReJanas Vater, der so viel für die Arche getan hat, weil er das meiste Fachwissen hatte und fast unermüdlich mit Rat und Tat zur Verfügung stand, wurde nicht in den Kreis der Auserwählten aufgenommen. ReJana, die einen der Söhne liebt und von ihm geliebt und geschwängert wurde, sollte ebenfalls in den Fluten untergehen. Ham, der Sohn, wollte auf keinen Fall ohne ReJana ablegen und hat wirklich viel unternommen, um sie an Bord oder mit ihr auf ein kleines selbstgebautes Schiff zu gehen. Es bleibt dabei: Er soll gerettet werden, sie nicht. Wird Ham sich dem Druck seiner Familie beugen? Wird ReJana sterben? Und was wird aus ReJanas Vater? …

Provoost beschreibt die alttestamentarischen Lebensarten und Bräuche der unterschiedlichen Völker so detailreich als wäre sie dabei gewesen. Dennoch ist die Geschichte, vor allem anfangs schwer zugänglich, weil die archaischen Kulturen zu fremd sind. Einige dieser fremden Dinge stossen in dem Sinne auf, dass mein Auge im Text hängen bleibt und meine Lesegeschwindigkeit deutlich abfällt. Anderes ist mir unvorstellbar z.B. werden zu dieser Zeit Wimpern mit Erz gefärbt (S. 102) ReJana trägt Krüge mit Öl, Duftstoffe und einen Wasservorrat. (S.8) Schon seltsam, welche Prioritäten beim Auswandern gesetzt wurden. Aber einige Dinge sind auch unbegreiflich. Z.B. Der Vater trägt einen Käfig mit Seidenraupen, einem Maulbeerstrauch und Wasser sowie einen Feuertopf. (S.9) Weder unter einem Feuertopf noch unter der Beschaffenheit des Käfigs, geschweige denn wofür Seidenraupen mitgeschleppt werden, konnte ich mir etwas vorstellen. Mehr zu den Raupen erfahre ich erst auf S.203f Die Seidenraupen fressen Maulbeerblätter, spinnen einen Kokon, Vater kocht die Kokons und zwirnt den Seidenfaden. Auf S.225 erklärt Provoost, dass es Jahre dauert, bis genug Seidenfäden auf einer Spule gesammelt sind, um ein Tuch daraus weben zu lassen. Aber dies nur als Beispiel. So bleibt das Setting alles in Allem trotz detailreicher Beschreibungen eine völlig fremde, unfassbare Welt.

Provoost umschreibt die Sexualität sehr stark, teilweise poetisch, so dass ich oft mit den Augen hängen blieb und mir vorstellte, wie … und mir dann erst klar wurde, dass es um Sex geht.
Was mir aber extrem negativ aufgestossen ist, sind Vergewaltigungsszenen, die Provoost leider beschönigt und die Vergewaltigungen entschuldigt. „Ich hatte ihm schon vergeben, bevor seine Schritte verklungen waren.“ (S.319)
„Sie waren rührend in ihren Versuchen, sich zu entschuldigen. Offenkundig unterschätzten sie meine Genugtuung.“ (S.320) Allerdings muss ich fairerweise dazu schreiben, dass sie nicht alle Vergewaltigungszenen beschönigt.

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