Annemarie Schoenle : ICH HABE NEIN GESAGT

Dieses Buch ist eigentlich sehr bekannt und sogar verfilmt worden. Die erneute Auflage bei Universo als billiges Taschenbuch kann ich mir nur mit einer Erhöhung der Reichweite erklären. D.h. Annemarie Schoenle versucht vermutlich auch noch die Frauen zu erreichen, die speziell in Billig-Läden und dort auf den Grabbel-Tischen gucken.

Schoenle hat dieses Drama für Opfer häuslicher Gewalt geschrieben, deren Beziehungen oder Familienleben nach aussen brav und ordentlich wirken, für Frauen, die hinter einer Bilderbuchfassade durch die Hölle gehen.
„Hübsche temperamentvolle Verkäuferin, verheiratet mit einem tüchtigen Kfz-Mechaniker, reizendes Kind, nette Wohnung…. Und warum suchte man nach Sperma auf Bauklötzchen und schabte Hautreste von der Herdplatte?“ S.269
Doris hätte sich längst trennen müssen, da sie immer häufiger und heftiger von ihrem Mann attackiert wird und er sich sexuell seit Jahren an ihr vergeht. Doris sagt ihm nur immer wieder, zum Sex gehört Zärtlichkeit. Sie hält sich an Hoffnungen und glücklichen Erinnerungen fest. Außerdem meint sie, ihrer 8-jährigen Tochter eine heile Welt vorspielen zu müssen, will sich ihr zu Liebe zumindest nicht trennen.

Das Buch handelt von dem inzwischen 20-jährigen deutschen Gesetz, mit dem Vergewaltigungen durch den Ehepartner in ihrem Sachverhalt anerkannt und unter Strafe gestellt wurden. Ich erinnere mich, wie ich 1997 sagte, theoretisch ein richtiger und wichtiger Schritt, aber praktisch?! – wie soll eine Frau ihr Recht durchsetzen?!

Welche Konflikte bei Doris und Werner warum auftreten, warum ungelöst bleiben… werde ich hier nicht einbringen. Anmerken möchte ich aber, dass Gewalt immer gesteigert und damit einhergehend der Respekt vor dem Opfer weiter abgebaut wird. Hier erreicht die Gewaltspirale ihren Höhepunkt als Werner wie ein Barbar über Doris her fällt, sie übelst zurichtet und brutal vergewaltigt. Mir erschien es wie ein Wunder, dass Sie mit dem Leben davon gekommen ist. Ich habe absichtlich nicht dazu geschrieben, ob und womit Doris ihren Mann provoziert hat, weil nichts, absolut gar nichts, Werners Gewaltverbrechen rechtfertigen kann. Gewalt gegen eine Frau ist unverzeihlich!

Dieses Buch hilft mißhandelten Frauen zu verstehen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht alleine sind, dass Andere in der Situation das Gleiche gefühlt haben. Das Buch soll auch den Mitmenschen von Betroffenen zeigen, was sie falsch machen, wenn sie die Situation aus ihrer eingeschränkten Sicht betrachten.

Obwohl ich das Thema im Speziellen und allgemein Gewalt gegen Frauen interessant und wichtig finde, muss ich gestehen, dass ich diesen Roman nicht zu Ende gelesen habe. Mir ging es zu sehr an die Nieren, wie sehr Doris sich ihrem Mann immer wieder ausgeliefert hat. Selbst nach der Eskalation, als Werner aus der Familienwohnung ausgezogen war, kam Doris nicht auf die Idee, die Wohnungstür mit einem neuen Schloss zu sichern. Was mich auch ziemlich mitgenommem hat, waren die Reaktionen der lieben Mitmenschen, von Mutter über beste Freundin bis zum Bekanntenkreis. Es war allerdings gar nicht so leicht, das Buch weg zu legen, denn irgendwie wollte ich doch wissen, was aus Doris und ihrer Anzeige wird. Also habe ich einfach an den verschiedenen Stellen in das Buch reingelesen, hin- und hergelesen, bis ich dann bereit war, mich aus dem Geschehen ganz zu lösen.

Piercing is not a crime

Tarek Ehlail : Piercing Is Not A Crime. 33 Bestechende Anekdoten Aus Dem Leben Eines Bodypiercers.

Ich mag Medien, die mir Einblicke in Lebenswelten und Erfahrungsbereiche gewähren, die mir bis dahin verschlossen waren. Piercing-Läden habe ich nie betreten, und selbst wenn ich mich dort über die Schwelle wagen würde, dürfte mein Aufenthalt zu kurz werden, um eigene Erfahrungen zu sammeln. Das Buch enthält 39 kurze Texte, sechs davon sind kleine Interviews und 33 Anekdoten.

Die Interviews:
2+6 fand ich besonders interessant
1. Piercing- und Tattoo-Model und Jura-Studentin
2. Dr. Moses Arndt (sein damaliger Chef)
3. Stammkunde und Punk
4. Tatoo-Modell und Moderatorin
5. Moderatorin
6. Bodypiercer aus Konkurrenzstudio

Die Anekdoten im Überblick:
1. Marie erhält ein Zungenpiercing
2. Eine Kundin hält sich für medizinisch versiert, und unterstellt Ehlail, er hätte einen Schädelbasisbruch
3. Eine Kundin kollabiert.
4. Eine Kundin baggert Ehlail massiv an, er lässt sich darauf ein…
5. Septum
6. Aussentermin anlässlich einer Hochzeit von einem Sado-Maso-Paar in einem Dominastudio.
7. Ein alter Mann, der alles extrem übertreibt, viele Piercing-Wunden nicht richtig versorgt, kommt mit einem schlimm vereiterten Penis…
8. Reise nach Thailand und Tansania
9+10. Aussentermin Swinger-Club
11. Journalistin stiehlt Ehlails Zeit und benutzt ihn als Fotomotiv…
12. Das erste Piercing, sein sog. Gesellenstück, bei einem Kumpel
13. Freiwilliger Aussentermin bei einer Party mit der Crew von Ehlails St.-Pauli-Film
14. Ein Kunde auf Koks
15. Teenymutter lässt sich Bauchnabelpiercing stechen und kommt 2 Wochen später sehr vereitert zurück
16. Vertreter für Schmuck mit (angeblich) heilender Wirkung
17. Ein Pärchen streitet sich extrem
18. Eine Neukundin am 18. Geburtstag
19. Ältere Frau will, bzw. soll sich ein Intimpiercing zulegen, weil ihr Mann eine solche Markierung als Hochzeitsgeschenk wünscht.
20. Ehlail kämpft mit einem Weberknecht
21. Eine Frau möchte ihren Mini-Bullterrier piercen lassen
22. Ehlails bisher unbekannten arabischen Cousins besuchen ihn im Studio + Saudi-Arabien
23. Neukundin mit Angst vor Schmerzen
24. Eine Pornodarstellerin wird Kundin
25. Extremer Kunde mit gerissenen Tunneln an beiden Ohren
26. Mutter und Tochter als Neukundinnen
27. Eine junger Frau legt alle Piercings sowie ihre schrille Haarfarbe ab, um einen Job zu bekommen
28. Oma und Opa werden anlässlich Silberhochzeit Neukunden
29. Erklärung Ohrlochpistole
30. Ein Betrüger kehrt zurück und versucht „sein Glück“ erneut
31. Ein Bettler hat seine Almosen für ein Piercing gespart
32. Lehrerin undercover: Sie möchte ein Piercing, aber nicht gesehen / erkannt werden.
33. Eine Kundin mit HIV

Im Fokus der Anekdoten steht leider nicht die Tätigkeit eines Bodypiercers und das Piercing, wie es Untertitel und Klappentext versprechen, sondern die Person Tarek Ehlail. Das Buch könnte auch heissen: >>Ehlails Denken und Empfinden zu seiner Zeit als Bodypiercer. Sehen sie die Welt mit den Augen eines Schulabbrechers.<< Als Zugabe lernen sie fast 33 Möglichkeiten kennen, mit denen sich Ehlail bei der lesenden Kundschaft unbeliebt macht. Bevor ich darauf näher eingehe, gebe ich einen inhaltlichen Überblick.

„Ich trage selbst keine Piercings und würde es auch nie tun.“ steht auf S.7 und das ist in diesem Buch die erste (Text-)Seite. Tarek Ehlail hat dieser Aussage nirgendwo eine unabänderliche Begründung (z.B. Krankheit) folgen lassen, sich aber über Jahre im Piercingstudio hoch gearbeitet, Verantwortung übernommen und, wie ihr seht, ein Buch „darüber“ geschrieben. Bei mir hatte er durch seine ablehnende Haltung den ersten Minuspunkt, nachdem ich 1/2 Seite von ihm gelesen hatte. Viel kann er dann ja nicht von dieser Art des Schmucks halten. Ich verstehe nicht, weshalb der Inhaber des Piercing-Studios ausgerechnet dem damals 17-jährigen Ehlail den Job angeboten hat und warum sich so viele Leute von ihm piercen lassen haben. Wenn ich zur Friseurin gehe schaue ich mir ihre Frisur an und lasse mir nicht von einem Glatzkopf die Haare schneiden, ebenso erwarte ich von einer Ernährungsberaterin eine gesunde Figur und von einer Nageldesignerin gut manikürte Fingernägel. Insofern fühlte ich während des Vorworts schon latend um mein Leseerlebnis betrogen. Wie wird er dann über seine Kundschaft denken?! Hoffentlich hat er nicht nur die größten Trottel ausgesucht, um Anekdoten zu schreiben. Er schrieb auch nicht, dass er dringend einen Job gebraucht hatte und ohne Schulabschluss nichts finden konnte. Ganz im Gegenteil: „Ich möchte dieses Buch als Fallbeispiel schreiben. … Als Beleg dafür, wie aufregend ein Leben ohne Schulabschluss ist, wie der Durst nach Wissen nicht aus dem Zwang einer Bildungsinstitution entsteht, wie finanzielle Sorglosigkeit nicht von einer Berufsausbildung abhängen muss, wie emotionale Intelligenz… .“ (S.7)

Das erste aber auch das eindrücklichste Stichwort, das ich mit Ehlail verbinde lautet Schulabbrecher, da dieser Satz auch auf dem Klappentext steht. Ich suche vergeblich nach dem Hinweis auf einEn GhostwriterIn, finde nur den Namen der Lektorin. Ich staune über die Fähigkeiten dieses Schulabbrechers, seinen großen Wortschatz, Sachverstand mit vielen Fachworten, fehlerfreie zum Teil auch kompliziertere Grammatik. Aber ich betrachte meine Eindrücke auch andersherum und stelle immer wieder fest, dass dieses Buch das Instrument des Autors ist, um uns ins Staunen zu versetzen. Das Buch ist für ihn ein Mittel, um sich selbst und den Lesenden zu beweisen, wie toll er ist, mehr Mittel zur Selbstdarstellung als ein Bericht über das Piercing-Geschäft. Sein Selbstdarstellungstrieb ist scheinbar so ausgeprägt, dass einige der Stories nicht mehr viel mit dem Piercing-Studio zu tun haben, z.B. geht es (in Nr. 20) um seinen Sauberkeitsfimmel und den Kampf mit einem Weberknecht, seine Reisen und die Besteigung des Kilimandscharos (8) oder um SaudiArabien und seine arabische Familie (22). Auf diese Abschweifungen hätte er lieber verzichten sollen.

In fast jeder Anekdote stellt Ehlail sich auf einen Sockel und sieht auf seine (potentielle) Kundschaft herab. Er maßt sich an über alles und jeden zu urteilen. Diese Anmaßung nervt mich nicht nur bei Ehlail oder in diesem Buch, sondern bei jedem Menschen immer. Es gibt wirklich schlimme Anmaßungen, z.B. wie er über eine Teeny-Mutter denkt, bzw. über sie herzieht oder wie er einen Aussendienst-Einsatz im Swinger-Club mit seiner arroganten Art verdirbt, obwohl das sicher interessant sein gekonnt hätte. Einige KundInnen sind tatsächlich zum Kopfschütteln, z.B. wollte eine Frau ihren Hund piercen lassen. Trotzdem ist es nicht notwendig sich langwierig über die Kunden auszulassen.

Interessant ist das Buch trotzdem. Ehlail erklärt z.B. was Tunnel sind und wie die Dehnung funktioniert. Ich weiss jetzt, warum ich in meinem Ohrlöchern Knubbel habe, da er die Pistole zum Ohrloch-Schießen erklärt hat. Die Namen der Piercings sind hinten alle aufgeführt, z.B. Labret, Septum….

Es sind aber auch Kapitel dabei, die er mit Liebe und / oder Selbstironie geschrieben hat. Das erste Piercing, sein sog. Gesellenstück, sticht er bei einem Freund, der nichts dafür bezahlen muss. In einem anderem Fall geht es auch um quasi-Freunde von ihm, mit denen er eine Party feiert und sein mobiles Piercing-Werkzeug dabei hat. Zum Schluss kommt eine Neukundin, die ihm sagt, sie habe HIV. In dieser Anekdote übt Ehlail auch mal Selbstkritik, denn er reagiert nicht so, wie er es von sich selbst als Profi erwartet hatte. Das Weiterlesen hat sich also gelohnt, denn er zeigt sich – wenn auch selten – von einer besseren Seite.

Das Glück ist eine Baustelle

Sabine Neuffer : Das Glück ist eine Baustelle. Erstveröffentlichung 2007, im Verlag Universo 2013

Das Buch beginnt wie eine Romantikkomödie, in der die anfänglich gehegten Apathien im Laufe der Zeit durch Perspektivwechsel und Weiterenteicklung der Akteure abgebaut, Meinungen geändert und Partnerschaften gewechselt werden. Jedoch ist dies einer der Romane, die nicht nur leicht vor sich herplätschern, sondern auch tiefgehende Themen behandeln. Trauerarbeit, Suizid, Sterbehilfe, Vaterschaft und was ist das eigene kleine Dasein gegen das pompöse Leben der Reichen und Schönen?

Die 38-jährige Hannah Lages lebt in Lüneburg, und ist erfolgreiche Goldschmiedin, mit einem eigenen Atelier. Sie ist geschieden, hat eine 14-jährige Tochter, die zum ersten mal verliebt ist, eine 26-jährige Mitarbeiterin, mit der sie sich angefreundet hat, und eine beste Freundin aus Tanzschulzeiten. Zu ihrem Glück fehlten nur zwei Dinge. Sie müsste den Tod ihrer Mutter überwinden und sich endlich mal wieder verlieben. Doch da verkündet ihr Vater, seine langjährige Affaire heiraten zu wollen und ihr Vermieter beginnt mit Bauarbeiten, die ihr Geschäft kalt stellen, und somit ihre Existenz gefährden. Was nun? Ins Internet! Und tatsächlich: Die Aufträge kommen herein, wie vom Himmel gefallen, und sogar der Webdesigner ist ist ein Leckerbissen. Nur schade, dass Hannah sich neben ihm wie Aschenputtel (S.151) fühlt. Der arrogante Vermieter aus Zürich, Dirk Mainwald, beschließt immer wieder neue Sanierungen, mal diese und mal jene Leitungen, so dass Hannah und Susi in der Werkstatt nicht arbeiten können. Susi meint, der Mainwald habe nur Augen für Hannah. Aber Hannah sieht nur den Verdienstausfall, Staub und Dreck, die mit diesem arroganten Typen einhergehen. Diese Handlungdstränge würden schon für eine nette RomKom genügen. Dazu kommen aber noch Hinweise im Nachlass von Hannas Mutter, die sich wie ein Puzzle zusammen fügen lassen. Tatsächlich könnte es Hannah durch ihre Nachforschungen gelingen, den Suizid ihrer Mutter aufzuklären, aber zu welchem Preis? Gibt es da evt. ein Familiengeheimnis aufzudecken und falls dem tatsächlich so sei, wäre es vielleicht klüger das Geheimnis ruhen zu lassen?

Im Großen und Ganzen war ich mit dem Roman zufrieden. Allerdings glaube ich, Sabine Neuffer hat sich bei dem Vorhaben, eine moderne, etwas turbulente Romantikkommödie zu schreiben, etwas übernommen. Die Gespräche der 14-jährigen Ilka mit ihrer Mutter wirkten oft unecht auf mich. (Z.B.: „Klasse, Mami, der ist voll nett! Dass du das nicht gleich gemerkt hast!“ S.273) Die Teenager von 2007 haben einen anderen Entwicklungsstand und eine andere Ausdrucksweise als in den 70er Jahren. Das müsste die Autorin eigentlich bemerkt haben, da sie auch als Lehrerin tätig ist.
Neuffer hat den modernen Beruf des Webdesigner, aber auch den des Fotografen, dargestellt, als könnten die Leute in Saus und Braus leben. Dabei sind beides keine geschützten Berufe und als Einzelunternehmen war es für Webdesigner 2007 schon nicht mehr das reine Zuckerschlecken.
Ob Neuffer tatsächlich dachte, eine Internetpräsenz würde das Geschäft dermaßen ankurbeln, dass die Aufträge fast wie vom Himmel gefallen in der kleinen Goldschmiede eingehen, oder das Intetnet einfach als schriftstellerische Trickkiste à la world-wide-wonderland benutzt hat, vermag ich nicht zu sagen. Immerhin ließ sie durch den Webdesigner etwas Sachkompetenz verlauten; dass er die Homepage für Google und andere Suchmachinen fit gemacht und gegen Junkmails eine Vorkehrung getroffen hat.
(Gerade am Thema Internet ist aber auch die Schnelllebigkeit unserer Zeit zu sehen. Heute würde kei Unternehmen einfach eine eine Webseite mit Onlineshop ins Netz stellen, ohne die Palette der neuen sozialen Medien zu bedienen. Auch die Berufsbezeichnungen haben in den letzten zehn Jahren Zuwachs und immer wieder neue Betitelungen erhalten.)
Bei diesem Roman sind mir auch die Umgangsformen aufgestoßen, wenn die Akteure vom Sie zum Du übergehen wollten. Aber in Hamburg und Umgebung ist es tatsächlich üblich, den Vornamen und Sie zu sagen. Ich persönlich kenne diese Art nur aus der Schule, als wir zu alt für das bisher übliche Du waren.

Nebenbei bemerkt hat Neuffer Kudamm (Ku’damm S.256) falsch geschrieben und der Fehler ging dem Lektorat (vorausgesetzt Universo hat eines) auch durch die Lappen.

Natürlich gibt es auch positive Aspekte:
Das Büchlein hat mich gerade mal 10 Cent gekostet.
In der story ist eine Menge geschehen.
Die Liebesgeschichte stand nie im Mittelpunkt, sondern entwickelte sich stets beiläufig.
Auch ernstafte Themen werden angesprochen, aber nicht breit getreten, so dass Impulse zum Nachdenken gegeben sind, der Roman aber eine Komödie bleibt.
Der RomKom ließ sich schnell und einfach durchlesen.
Die Personen, auch wenn einige stellenweise weniger authentisch auf mich wirkten, waren eigentlich alle liebenswert.

Carla Blumberg : Eisprinzessin

Nicht zu glauben, dass dieser Flop aus der selben Feder wie „Paradiesvögel“ stammt. Weil mir die Komödie so gut gefallen hat, habe ich „Eisprinzessin“ an einem späteren Tag auch noch gekauft. Glücklicherweise habe ich nur 10 Cent bezahlt, so ist es relativ egal.

Carla Blumberg wollte mit der 36-jährigen Sofie vermutlich eine dieser liebenswerten Tollpatsche à la Lisa Plenske erschaffen, aber entstanden ist leider eine Kreatur – jedenfalls für mein Empfinden. Ich kann Sofie allerhöchstens kopfschüttelnd bemittleiden, aber auch das nicht lange, so dass ich die Lektüre sehr bald abgebrochen habe. Schließlich gibt es so viele gute Bücher.

Sofie bemittleidet sich ewig und drei Tage, weil ihr Freund, Bert zu einer Weltumsegelung aufgebrochen ist, weil sie irgendetwas gegen ihre Arbeit hat, weil ihre einzige und somit beste Freundin sich besser mit ihrer Mutter versteht als mit ihr, weil sie ihrer dominanten Mutter immer noch nichts entgegensetzen kann, weil ihre Mutter ständig einen neuen Freund hat…. Im Klappentext heisst es, Bert hätte Schluss gemacht, aber er schreibt ihr von jedem Zwischenstopp eine Postkarte oder eMail. Eher zu vermuten ist also, dass Sofie sich einfach gerne im Selbstmitleid suhlt, denn sie hat sich inzwischen in Anton verliebt, und da gibt es natürlich auch nur zu Jammern. Anton sitzt als Aktmodell in dem Zeichenkurs sitzt, den Sofie an an zwei Abenden der Woche besucht, und stellt sich als Bruder ihrer Kollegin heraus. Jedenfalls landet sie tatsächlich mit Anton im Bett und jammert über sein Schnarchen…

Yadé Kara : Selam Berlin

Den Debüt-Roman von Yadé Kara habe ich zufällig in der Bibliothek als Hörbuch gefunden. Probieren geht über… und Berlin-Romane sowie Perspektivwechsel, die mit Exkursionen in die unterschiedlichsten Milieus und Kulturen verbunden sind, mag ich sowieso sehr gerne.
Hasan Kazan, der der 19jährige Ich-Erzähler, verbrachte sein Leben mit dem Pendeln zwischen Berlin und Istanbul. Am Tag des Mauerfalls reist er nach Berlin, um sich zwischen Ossis, Wessis und Deutschtürken eine Zukunft aufzubauen. Er weiss noch nicht genau, was er machen oder werden möchte, aber er ist gebildet, selbstbewusst und fühlt sich gut. Sein Vater scheint weniger begeistert, dass sein Sohn in dem Wertechaos des sich wiedervereinigenden Berlins leben möchte. Er selbst, eine Art Altlinker, hat sich im kreuzberger Hippie-Milieu eingerichtet, und dank deutschem Ausweis seine „Fühler“ bereits vor dem Mauerfall in Ostberlin ausgestreckt. Waren die eingemauerten Damen noch interessant und ungefährlich, schafft die unvorhergesehene Freiheit neue Fakten.

In diesem Berlin-Roman ist der Bär los. Es passiert so viel, dass ich selbst beim Zuhören eine gewisse Atemlosigkeit zu spüren bekam. Wichtiger ist mir aber, dass ich den Roman als Bereicherung empfunden habe. Die Vermischung von Ossi, Wesse, Deutsche, Türken und Deutschtürken habe ich bisher noch in keinem Roman gehabt. Und was wusste ich bisher von Jugendlichen, die zwischen Bosporus und Spree aufgewachsen sind. Von der zweiten Generation der ehemals türkischen GastarabeiterInnen, unserer türkischen MitbürgerInnen, kenne ich nur die in Berlin geborenen (oder als Kind nachgereisten). Aber auch über Hasans Eltern habe ich gestaunt. Zu viel möchte ich aber nicht verraten, obwohl ich auch dann noch ein tolles Lese- oder Hörerlebnis erwarten würde.

Claudia Keller : Unter Damen

Vor etwas über zehn Jahren kam ich erstmals in den Genuss dieser Lektüre. Das Buch passte zu mir, weil ich damals überwiegend Romantikkomödien gelesen habe. Jetzt passte das Buch inhaltlich zu dem, zuletzt von mir rezensierten Buch, „Herzen im Schleudergang“, da beide Romane Altersunterschiede in einer romantischen Beziehung thematisieren. „… gesellschaftlich war man den Anblick eines alten Männergesichts neben weiblicher Pfirsichhaut ja seit langem gewöhnt.“ (Unter Damen S.77) und andersherum, Frauen mit einem auffallend knackig-jungen Mann werden missgünstig oder wie Verbrecherinnen betrachtet. Interessant fand ich nebenbei bemerkt auch, wie unterschiedlich ich die Erst- und Zweitlesung empfunden habe, da ich mich in dem langen Zeitraum natürlich verändert habe. Aber bei beiden Lesungen hat mir die Komödie gut gefallen. – diesmal noch besser.

Konstanze Vogelsang ist 50 Jahre, Mutter zweier erwachsener Kinder, Oma eines Babies, seit über einem Jahr Witwe und gut angesehen in einer Gesellschaft, die sich für etwas Besseres hält. Ihre Ehe war gut, nun genießt sie das Alleinewohnen in ihrem Haus, mit acht Zimmern und großem Garten, aber sie ist auch als gute Gastgeberin bekannt. Überraschend meldet sich ihre Jugendliebe, da er gerade wieder Single ist. Konstanze hat kein Interesse an ihm, findet ihn sogar ziemlich primitiv. Jedoch verliebt sie sich in seinen 18 Jahre jüngeren Sohn. Konstanze nimmt ihre Gefühle anfangs nicht ernst, kann sich deren Intensität aber nicht entziehen. Sie denkt, Per wird niemals genauso für sie, eine alte Frau, empfinden, täuscht sich aber auch darin. Er zeigt sogar ernsthaftes Interesse an ihr und ist – was sie nicht weiss – besorgt, i.Vgl. mit seinem Vorgänger wie ein Looser abzuschneiden. Konstanze schämt sich ihrer Gefühle, versteckt sich und Per, denn was würde aus dem Babelsburger Gesellschaftsgeschwätz und aus ihrem makellosen Ruf, wenn jemensch davon erführe? Per hat wenig Verständnis für ihre Ängste, der Babelsburger Klatsch & Tratsch lässt ihn kalt und er möchte sich nicht verstecken. Tatsächlich sind es – genau wie bei Kristina aus „Herzen im Schleudergang“ – ihre Kinder, „Till und Mathilda, deren Augen sie am meisten fürchtete…“ (S.249) was mich nicht wundert, da sie ziemlich verschlossene Egomanen großgezogen hat. [„… nebenbei registrierte sie, wie gleichgültig sie, auf Probe gestellt, im Grunde der Familie war.“ (S.212)] „So wie für Schwangere die Welt plötzlich voller Babys ist, so wurde Konstanzes Welt neuerdings von jungen Männern an der Seite alternder Damen bevölkert.“ S.221 Erst spät – auf S.249 – nach der Begegnung mit einem ähnlichen Paar, das sehr offen mit dem Altersunterschied umging, beschließt Konstanze sich zu outen. Wird sie aus der „guten Gesellschaft“ ausgestoßen? Wird sie mit Per glücklich? Ist es schon zu spät für ihre Beziehung zu Per? Sollte Per sein Glück mit einer Frau in seinem Alter finden und interessiert er sich überhaupt für gleichaltrige oder jüngere Frauen? Ich werde euch den Ausgang dieser Story nicht verraten. Auch die Nebenhandlungsstränge bieten interessanten Stoff. So geht es z.B. um eine Hannah, die in „Ich schenke dir meinen Mann“ die Hauptrolle spielte, was als Vorgeschichte zu diesem Roman bezeichnet wird. Aber keine Bange, ihr könnt „Unter Damen“ als alleinstehenden Roman lesen. Falls es keine Umstände macht, sich beide Bücher zu besorgen, habe ich inzwischen aufgeschnappt, lassen sich viele Seitenhiebe, Anspielungen u.dgl. noch besser verstehen.

Ich fand es anfangs etwas schwer, mit Konstanze warm zu werden. Eigentlich waren mir nur Per und July sympathisch. Es ist schwer, mit einem Buch warm zu werden, wenn fast alle Personen unangenehm sind. Es sind nunmal fast alles diese tratschhaften, eingebildeten Upperclass-Ladies. Konstanze verändert sich im Laufe der Handlung. Anfangs war sie nur arrogant, beteiligte sich an Ausgrenzung und achtete darauf, nicht mit den falschen Leuten in Kontakt zu geraten. Am Ende des Romans ist sie wie ausgewechselt, lädt z.B. in vollem Bewusstsein eine Frau ein, die in der feinen Gesellschaft als unakzeptabel gilt…
Der Plot und die Schreibe von Claudia Keller hat mir gut gefallen.
Sehr gut gefallen hat mir, dass jedes Kapitel mit einem tiefgründigen Zitat überschrieben ist. Z.B.:
S.84 „Letztlich kommt es darauf an, wessen Gegenwart man leichter erträgt, die der anderen oder die eigene.“ Arthur Schopenhauer
S.249 „Die Welt ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt.“ Oscar Wilde
S. 123 „Träumerei ist Zauberei des Geistes“ Lord Byron

Herzen im Schleudergang

Nadja Nollau : Herzen im Schleudergang

An sich bin ich keine Leserin von Lieberomanen. Die Liebe darf entweder nur im Nebenhandlungsstrang mitlaufen oder muss mit einer interessanten Thematik verknüpft sein. Dieser Roman thematisiert verschiedene Altersunterschiede in der Liebe. Während es fast schon normal ist, Männer mit einer weit jüngeren Frau zu sehen, werden ältere Frauen mit einem auffallend jüngeren Mann wie Verbrecherinnen behandelt. Es ist eine der vielen Ungerechtigkeiten, die in unserer Gesellschaft leider gehegt und gepflegt werden. Ich habe schon mal ein Buch (Unter Damen von Claudia Keller) zu diesem Thema gelesen. Das ist jetzt elf Jahre her, so dass ich es mir im Anschluss an „Herzen im Schleudergang“ noch mal vornehmen könnte. Was ich aber damit sagen will ist: Scheinbar hat dieses Thema kaum Eingang in die Literatur gefunden, oder diese Bücher haben nicht zu mir gefunden. Ich finde generell wenig Bücher, in denen eine ältere Frau die Protagonistin ist, und wenn dann wird sie von ihrem Mann zugunsten einer jüngeren Frau verlassen. Dieses Buch ist erst mein 2., indem eine ältere Frau, eine Liebesbeziehung mit einem jüngeren Mann eingeht.

Ein gutes Motto: Man ist nie zu alt, zu klug oder zu erfahren für Schmetterlinge im Bauch!

Die 45-jährige Kristina hat zwei Kinder erfolgreich großgezogen, sich vor fünf Jahren von ihrem untreuen Ehemann befreit und ist in ihrem Beruf neu gestartet. Unterstützt von ihrer Freundin, Rita, betreibt sie eine gut laufende Massage-Praxis. Rita, ist eine super-Freundin, ein fränkisches Original und wirkt einerseits lebenslustig, andererseits aber leider wie eine Marionette der Schönheits- und Verjüngungsindustrie. „Offenbar hatte Rita es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Kristina zu verkuppeln.“ S.10 Kristina lässt es in der Liebe eher ruhig angehen, indem sie etwa einen Mann pro Jahr und jedes mal Pech hatte. Doch dann begegnet sie zufällig Tom!

Kristinas hatte ihre Kinder eingeladen, als ihr Sohn den 29-jährigen Tom eines Tages mitbrachte. Ihre Tochter ist frisch getrennt und signalisiert sofort Interesse an Tom, der jedoch auf Anhieb Gefallen an Kristina gefunden zu haben scheint. Durch den Altersunterschied bemerkt Kristina sein Interesse anfangs nicht, vor allem weil sie Tom als echten Traumtypen empfindet. Dann plagen sie Zweifel – Tom würde besser zu ihrer Tochter passen – und sie hat Angst vor der Reaktion ihrer Familie und anderen Menschen, am meisten vor denen ihrer eigenen Kinder … Diese Ängste schein Tom überhaupt nicht zu verstehen. Er möchte eine ganz normale Beziehung mit Kristina führen, wogegen sie ihn verstecken möchte. Somit sind Missverständnisse und Probleme vorprogrammiert.

Insgesamt hat mir die Romantik-Komödie gefallen, und ich würde es durchaus als Wohlfühl- Mutmachbuch bezeichnen.
Sehr gut gefallen hat mir der fränkische Dialekt von Rita, oft schmunzeln oder auflachen ließ. „Gschmarri“ sagt sie oft. (Vermutlich Unsinn)
„Dräum weider!“ S. 15
„Das ist der Ruudzläffl!“ S.181 Rotzlöffel
Die Schreibe von Nollau ist insgesamt locker und eingängig, so dass der Roman leicht / schnell zu lesen ist. Der Roman ist aus Kristinas Perspektive geschrieben, und wir Lesenden geraten emotional mit ihr in ein Schleuderprogramm für Herzen.
Ich kam nicht sofort in die Geschichte rein, weil es anfangs viel um beauty und anti-age ging, was mich genervt und gelangweilt hat. Glücklicherweise gab es in der Handlung bald wichtigeres als Schönheitsbehandlungen. Wie sich die Beziehung zwischen Tom und Kristina entwickeln und wie die Menschen auf das ungleiche Paar reagieren würde, bleibt lange Zeit interessant und spannend. Mit einigen Männern, die deutlich jüngere Frauen haben und dies völlig ok, bzw. richtig super finden, setzt sich Kristina auseinander. Ihr Ex-Mann, der bereits deutlich älter als Kristina war hat nun eine 30 Jahre jüngere Frau, mit der er seine zweite Familie gründet. Ihr Vater verliebt sich mit knapp 70 Jahren in eine deutlich jüngere Frau, ist aber Kristina gegenüber extrem intolerant. Beim Lesen bekam ich einen dicken Hals vor Wut, weil Kristina nicht richtig mit der Faust auf den Tisch haut. Andererseits ist klar, dass man mit älteren Menschen etwas vorsichtiger umgehen muss. Die Konstruktion, im engsten Umfeld der Protagonistin ebenfalls Paare mit einem großen Altersunterschied zu erfinden, fand ich etwas übertrieben. Für mich wäre es ok gewesen, dass beide Protagonisten ungleiche Paare wahrnehmen, die ihnen früher nicht aufgefallen wären, aber der Ex und der Vater ist mir zu dicht und daher zu konstruiert. Sehr konstruiert habe ich auch das Ende des Romans empfunden, worauf ich hier aber nicht weiter eingehen werde. Dass ich mir auf S. 199 bereits denken konnte, welche Überraschung die Autorin S. 253 kurz vor Ende bereit hält, hat mir nicht besonders gefallen.
Ausserdem ist mir aufgefallen, dass die Personen der nicht mehr existierenden Mittelschicht angehören. Ein gut laufender Massagesalon ist heutzutage wohl nur noch in einer Kette anzutreffen. Selbständige Architekten haben es schon seit Jahrzehnten verdammt schwer. Kristinas Tochter hat mit 22 Jahren und trotz schwierigen Charakters eine gutbezahlte Stelle in einer Redaktion.
Ok, das war jetzt sehr viel Kritik, aber das Buch ist natürlich nicht nur schlecht. Außerdem möchte ich noch mal erwähnen, dass die Bücher von universo bei kik inzwischen auf 10 Cent heruntergepreist worden sind.